Path:
Periodical volume 25. August 1883, Nr. 48

Full text: Der Bär Issue 9.1883

578 
Minister und Generale lind die zu den Ersten im Lande ge 
hörten, sicher verwahrt wurden. Ich schicke Ihn nach Spandau! 
war ein Licblingsausruf des jähzornigen Königs geworden, 
vor dem auch der höchste seiner Diener und Unterthanen zagen 
mochte, kein Wunder also, daß auch mich ein Zittern befiel, 
als mein Onkel mit schreckensbleichem Gesicht diesen sürchter- 
lichcn Ort nannte. 
Warum hat man ihn dorthin geschleppt? fragte ich. 
Geschleppt? Wie kannst Du das sagen? fiel er mit ver 
mehrter Aengstlichkeit ein. Se. Majestät hat es so befohlen, 
der Mensch — der Betrüger — ist sofort dahin gebracht 
worden. — Es lausen die schrecklichsten Gerüchte über seine 
Schandthaten um, und ich — mein Herr und Heiland! ich 
habe diese Natter an meinem Busen dulden können! Aber 
ich bin unschuldig! Ich weiß von nichts, habe mich in nichts 
eingemischt. Ich bin rein in meinem Gewissen, Du mußt es 
mir bezeugen. 
Das kann ich gewißlich, herzliebstcr Onkel, antwortete ich; 
denn wenn cs wahr sein sollte, so hat der König selbst diesen 
Herrn uns ins Haus gebracht. Sein Wille war es, daß 
ich ihn heirathen sollte, so daß Sie es mir ebenfalls befehlen 
mußten. 
Nein, rief er, ich nicht, ich nicht! Du hast dazu Deine 
Inklination kund gegeben. Will man jetzt undankbar sein? 
Will man mich meinen Feinden überliefern? 
Seine Angst that mir leid, aber ein heiinliches Gefühl 
von Genugthuung mischte sich mit meinem Mitleid. Herz- 
liebster Onkel, sagte ich, das werde ich niemals thun, weit ; 
lieber jede Schuld selbst tragen. Allein ich sehe keine solche, 
und warum sollte» wir uns fürchten? Noch wissen wir nicht 
einmal, ob Herr von Clement wirklich ein Verbrecher ist; wen» 
dies jedoch auch so wäre, würde man uns doch wahrlich nicht 
nach Spandau bringen können. 
Statt ihn zu beruhigen, hatte ich damit das Gegentheil 
bewirkt. Er starrte mich an, wie ein Irrsinniger, fuhr dann 
mit den Armen nach seinem Kopf und sagte mit hohler bebender 
Stimme: In den Kerker geworfen! Ich, ein Bischof, ein 
Priester, ich — entehrt, beschimpft! 
Das kann nicht geschehen, und wird nicht geschehen, 
tröstete ich ihn. 
Stille! flüsterte er — Du weißt nicht. Viele vornehme 
Personen sind verhaftet. Der Minister von Kamecke, der 
Minister von Blaspicl. Die Oberhofmeisterin der Königin, 
dessen Gemahlin, ist nach Spandau gebracht, der Gehcimrath 
von Bieberstein, andere Geheimräthe, hohe Staatsbeamte, 
Damen vom Hofe. Haussuchungen sind gehalten, alle Briefe 
aufgebrochen. — Bei diesen letzten Worten sprang er auf lind 
schrie: Meine Bücher — meine Briefe — wer weiß! O, 
wer weiß! 
Er lief erhitzt fort in sein Studirzimmcr und schloß sich 
dort ein. Kam auch nicht zuin Mittag heraus, sondern ließ 
sich einige Nahrung hinein bringen, und obwohl er sicherlich 
keine gefährlichen Papiere besaß, suchte er doch alle Briefe zu 
sammen und verbrannte sie, was allerdings, wie sich später 
zeigte, nicht so lächerlich war, als es inir vorkam. 
Der Tag verging uns in Stille, auch von meines Onkels 
Kollegen und Freundeil fand sich keiner ein, denn in der Stadt 
herrschte schon seit einer Woche Furcht lind Schrecken wegen 
der vielen Verhastlingen, und mancherlei Gerüchte darüber 
hatten sich durch alle Schichten der Einwohner verbreitet. 
Dies wurde ich inne an unseren eigenen Dienstleuten, welche 
sich scheu und ängstlich benahmen und mich fragten, ob ich 
schon von der großen Verschwörling gehört habe, welche gegen 
des Königs Leben entdeckt worden sei? Sie wußten zum 
Theil gut genug, was in unserem Hause vorgegangen, und 
hatten große Lust, mir ihre Herzen auszuschütten, allein ich 
mochte es nicht hören; als ich jedoch gegen Abend allein war, 
kam der alte Gottfried herein und machte eine wahrhafte 
Armsündermiene, indem er seine Hände faltete und mich angst 
voll anblickte. 
Als ich ihn fragte, was er wollte, sagte er kläglich: Ach! 
hochedle Jungfer, ich bin ein schlechter Kerl, und jetzt geht's 
nicht länger mehr, ich mich es bekennen, wenn ich auch dafür 
vors Gericht mliß, oder an den Galgen. 
Wofür? fragte ich. 
Ach! Ach! stotterte er, ich habe gelogen und betrogen, da- 
inals, wo die hochedlc Jlingfer — Sie weiß doch damals — 
Ich kam ihm zlir Hülfe. Als ich Ellch den Brief gab 
an den Major Dumoulin, begann ich, ich weiß schon von 
Elwer schlechten Handlung. Ihr trugt ihn nicht hin, Ihr 
gabt ihn dem Herrn voil Clement, der Euch die Antwort dafür 
einhändigte. 
Als ich dies mit voller Gewißheit sprach, war der alte 
Mann nahe dabei, zu Boden zu sinken. Daß ich Alles schon 
wußte, betäubte und entsetzte ihn. Ja, ja! rief er, ich hab's 
gethan. Er hat mir zwei Ducaten dafür gegeben und noch 
mehr versprochen, wenn ich auf Alles genau aufpassen wollte, 
was die hochedle Jungfer that. Ich habe das Sündengeld 
nicht angerührt, hier ist es, mach Sie mich nicht unglücklich, 
hochcdle Jungfer! Jetzt soll er festsitzen und die mit ihm zu 
thun gehabt haben, und der Herr Hofprediger und Alle — 
Alle, die — mein Gott, wie wird es mir gehen! — Er sah 
mich voller Entsetzen an, aber dieses galt zumeist ihm selbst 
und kam aus seinem bösen Gewissen. Er fühlte Spandau 
und die Peitsche schon in allen Gliedern und hatte sicherlich 
fürchterliche Qualen ausgestanden, daß er gepackt und als 
Helfershelfer des schrecklichen Kvnigsmvrders werde gemartert 
werden. 
Das Aussehen und die Schrecken des alten Mannes 
schlugen die Lust, ihm sei» Theil zu gönnen, nieder- Unter 
den „Allen", welche mit ihm zu thun gehabt, war auch ich, 
und der Gedanke, daß ich wirklich zu fürchten habe, überfiel 
mich plötzlich mit voller Wahrheit. 
Schweigt vor allen Dingen, sagte ich, wenn Ihr Euren 
Hals vor deni Strick bewahren wollt, und hört 
In dem Augenblicke aber schrak ich selbst zusammen, denn 
auf dem Flur rief eine laute, mir nur zu bekannte Stimme: 
Bringt Licht hieher und ruft den Hofprediger! Hier herein, 
Dumoulin, schafft das Weibsbild herbei! — 
(Fortsetzung folgt). 
Eine Wanderunn durch das HchrnMern-Alustum. 
(Fortsetzung.) 
Nachdruck verbot««. 
Gesetz v. II. VI. 70. 
(Mit dem nebenstehenden Portrait.) 
Zimmer Ariedrichs des großen. 
Die drei Gemächer, in welchen alle Reliquien einer der mäch 
tigsten Persönlichkeiten der neueren Zeitgeschichte, König Friedrichs H.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.