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Periodical volume 25. August 1883, Nr. 48

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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nicht daran, daß ich die Frende haben werde, Sie in Berlin 
zu empfangen, da ich eher dort anlange, als meine theuerste 
Freundin. 
Er umarmte meine» Onkel, und der Präsident entließ 
ihn mit den wärmsten Wünschen; Dumoulin aber erhielt nur 
kalte Grüße, die er mit eisiger Gleichgültigkeit aufnahm und 
erwiederte. 
Am nächsten Nachmittage folgten wir nach, und entgingen 
damit allen Fragen und Unterhaltungen der Neugierigen, und 
nun erst theilte mir mein Onkel mit, was der König ihm 
damals aufgetragen, als er ihn hierher schickte. Daß er den 
ausgebrochenen Streit zwischen Lutheranern und Neformirten 
schlichten sollte, war ein Vorwand gewesen. Der König hatte 
ihm unter heftigen Zornesworten mitgetheilt, daß Dumoulin 
ihm berichtet, Herr von Clement sei nicht aus dem Haag fort 
zubringen und wolle sich nächstens, wie cs ihin als gewiß 
erscheine, nach England begeben, tvas er nicht z» verhindern 
vermöge. Man müsse ihn daher nach Cleve locken und dort 
festnehmen, dies aber könne nur geschehen, wenn ich mich dort 
befände und ihn zum Besuche einlade- Es wurde damit be 
stätigt, tvas ich von dem Major selbst erfahren hatte, allein 
ich erfuhr obenein, daß Dumoulin gerathen, mich nichts davon 
wissen zu lassen, da ich ein so hartnäckiges stolzes Frauen 
zimmer sei, daß ich mich gewiß entschieden weigern würde, an 
einem solchen Vorhaben Theil zu nehmen. Der König hatte 
daher meinem Onkel befohlen, mir bei seiner höchsten Ungnade 
Alles zu verschweigen, jedoch dafür zu sorgen, daß ich seinen 
Befehlen gehorchte- Eine demüthige Vorstellung meines Onkels 
hatte ihn in Wuth versetzt, und obwohl er selbst über die 
Schuld oder Unschuld des Herrn von Clement voller Zweifel 
schien, hatte er doch geschworen, er tvollc ihn haben, und müsse 
ihn haben, und würde Jeden, der sich unterstände, dies zu ver 
hindern, an den Galgen bringen. 
Jetzt erst tvurde mir die Angst und Noth meines Onkels 
mit dieser Reise erklärt, auch sei» Widerwille gegen meine 
Begleitung verständlich- Bei seiner großen Freundschaft für 
den Herrn von Clement war ihm auch der Auftrag, diesen 
verrathen und fangen zu helfen, ein Greuel; auch dachte er 
ehrlich und menschlich genug, um, was ihm und mir zugleich 
angesonnen wurde, als sündige Falschheit zu verachten. Bei 
alledem jedoch war er zu sehr ein getreuer Diener und kluger 
Weltmann, um sich ernsthaft dem Ansinnen des Königs zu 
widersetzen, sondern er unterwarf sich mit der Ueberzeugung, 
daß er nichts Besseres zu thun vermöge. Er führte aus, was 
er sollte, und tröstete sich damit, daß sein verrathener Freund 
jedenfalls unschuldig sei, und daß sich dies in kurzer Zeit 
glänzend bewähren müsse- 
Ich theilte diese Hoffnung nicht so schnell mit ihm, denn 
ich wußte mehr als er, und meine Theilnahme wandte sich 
von dem Verfolgten zu dem Verfolger. Ich zürnte auf 
Dumoulin, und doch bebte mein Herz, wenn ich an ihn dachte, 
und aus Vortvürfen und Zweifeln rang sich immer lebendiger 
die Gewißheit heraus, daß Alles wahr sei, was er bei seiner 
Ehre betheuerte, daß er jenen Brief nicht geschrieben, daß er 
tvie ich betrogen worden sei. Betrogen, aber von wem? Von 
diesem süßen, sanften, edelmüthigen Herrn, der die Wahrheit 
selbst schien, der jeden Menschen zu bezaubern verstand, der 
diesen schrecklichen König selbst betrogen hatte? Wenn ich das 
dachte, zürnte ich Dumoulin nicht niehr- In unverbrüchlicher 
Treue hatte er seines Monarchen Befehle erfüllt, und was 
hatte er dafür zu ertragen! Herr von Clcincnt hatte ihn ver 
höhnt, seinen Namen mißbraucht, mich in seine Gewalt ge 
bracht, ihn gequält mit seiner Zärtlichkeit zu mir, »üch gegen 
ihn erbittert, und bis zur letzten Stunde wurde er mit Miß 
trauen und Geringschätzung behandelt, während sein Gefangener 
als das Opfer schändlicher Verleumdungen bedauert und be 
wundert wurde. — Wenn dies so war, wenn Herr von 
Clement in Berlin sich rechtfertigte, wenn es ihm gelang, seine 
Unschuld so glänzend darzuthun, wie mein Onkel überzeugt 
war, was sollte dann aus Dumoulin werden, und aus mir — 
aus mir?! Welcher Lohn erwartete den stolzen kühnen Mann, 
der so rauh auf seine Ehre und Pflicht pochte, und was er 
wartete mich? — Die Hochzeit! 
Doch alle diese bange» Fragen und Vorstellungen ver 
loren sich wieder unter neuen Zweifeln und Betrachtungen, 
und sie erneuten sich jeden Tag und wurden zur nagenden 
Pein, je länger unsere Reise dauerte. Es trat Thauwetter 
ein, wir konnten nur kleine Wegfahrten machen; dazu wurde 
mein Onkel von einem Unwohlsein befallen, das uns zwang, 
an verschiedenen Orten mehrere Tage zu verweilen. Anfangs 
zogen wir Erkundigungen ein über den Wagen mit dem Ge 
fangenen, bald aber wurden diese unsicher; so viel nur er 
schien getviß, daß der Major ohne alle Rast auch bei Nacht 
zeit gereist war- Endlich konnte uns Niemand mehr Auskunft 
geben, und als mir Berlin erreichten, brachte mein Onkel die 
Zuversicht mit, daß Herr von Clement längst befreit sei und 
uns empfangen werde, wie er es versprochen, während ich 
in ungestümer Aufregung von einem Nervensrost geschüttelt 
wurde. 
Aber er empfing uns nicht, als tvir in der Brüdcrstraße 
anlangten. Niemand wußte von ihm, er hatte sich nicht 
blicken lassen, ebensowenig Dumoulin, oder ein Bote des 
Königs. Keiner hatte bis jetzt nach uns gefragt. Dennoch 
mußte der Wagen mindestens acht bis zehn Tage vor uns 
eingetroffen sein, wenn er überhaupt das Ziel erreicht hatte- 
Da cs schon spät war, ließen sich keine Erkundigungen ein 
ziehen, viele Vermuthungen blieben uns dafür offen. Herr 
von Clement konnte krank danieder liegen, oder auch sein 
Begleiter, oder der Wagen war umgeworfen, oder es war ihm 
gelungen, zu entkommen, und er hatte dies trotz seines Ehren 
wortes ins Werk gesetzt; oder aber er war in Potsdam beim 
Könige, oder der König hielt ihn so in seiner Nähe, daß 
er uns nicht aufsuchen konnte. Das Letzte schien meinem 
Onkel das Gewissere, während ich die verschiedensten Meinungen 
verfolgte. 
Am Btorgen in der Frühe verließ mein Onkel das Haus, 
um bei seinem Kollegeit Reinbeck Erkundigungen einzuziehen- 
Schon nach einer Stunde kehrte er mit Unglück tveissagendem 
Antlitz zurück. 
Was ist geschehen, herzliebster Onkel? fragte ich erschrocken, 
als er sich kraftlos in seinen Lehnstuhl setzte. Wo ist Herr 
von Clement? 
In Spandau, antiv ortete er mit leiser furchtsamer Stimme 
und scheuen Blicken. 
Der Name „Spandau" hatte einen schrecklichen Klang, 
es mochte ein Jeder davor bangen. Es war das preußische 
Staatsgesängniß, schon zu den Zeiten des großen Kurfürsten, 
| die preußische Bastille, in welcher mehr als ein Mal schon
        
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