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Periodical volume 25. August 1883, Nr. 48

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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Hände aufhob, fliehen Sie, Herr von Clement, die Soldaten 
sind da! 
Welche Soldaten? fragte er zweifelnd. 
Fort! schrie ich, Sie sind verrathen. Hier hinaus, in den 
Gang, die Hintertreppe hinab! — durch den Garten, fort! 
Klirrende Schritte näherten sich der Thür. Ich zog ihn 
heftig und er folgte mir nach, indem sein Gesicht die Farbe 
verlor und einen Ausdruck des Schreckens annahm. 
Netten Sie inich! flüsterte er, verbergen Sie mich! — 
Es war zu spät. So wie ich den Ausgang öffnete, sah 
ich Dumoulin, welcher davor stand, und bei deffen Anblick 
Herr von Clement zurückwich. 
Sie haben mich nicht erwartet? sagte der Major- 
Nein, mein Herr, antwortete der Chevalier, indem er sich 
zu fassen pichte. 
Ich glaube es gern, fuhr Dumoulin fort; inzwischen trifft 
cs sich glücklich, daß Sie nicht nach Amsterdam, sondern nach 
Cleve fuhren. 
Ich hoffe, versetzte Herr von Clement, daß ich reisen kann, 
wohin ich will- 
Zu meinem Bedauern, nein, sagte Dumoulin. Sie werden 
jetzt nach Berlin reisen. 
Bin ich ein Gefangener? fragte der Chevalier, und der 
Blick, mit welchem er mich dabei ansah, bezeugte seine Vor 
würfe und seine Verachtung. 
So wahr mir Gott helfe! schrie ich weinend auf, ich 
habe nichts davon gewußt. 
Nein, sagte der Major, sicherlich nicht, und wenn es nach 
diesem schonen Frauenzimmer gegangen wäre, würden Sie 
jetzt in dem Garten und auf und davon sein. Aus Befehl 
Seiner Majestät verhafte ich Sie, Herr von Clement, doch 
sollen Sie anständig behandelt, und in Ihrer Kutsche unter 
meiner und anderer weniger Herren Begleitung nach Berlin 
geschafft werden, wenn Sie nicht etwa Widerstand leisten. 
Die würdige Haltung des Chevaliers kehrte zurück; er 
verbeugte sich mit Anstand und sagte mit seinem feinen Lächeln: 
Widerstand würde Thorheit sein, und da ich überdies die Ab 
sicht hatte, mich nach Berlin zu begeben, wie Sie dies wissen 
und wie es nicht anders sein konnte, liebwertheste Jungfer 
Charlotte, so bin ich Sr- Majestät sehr verbunden, mir eine 
so angenehme Gesellschaft zu geben, wie den Herrn Major und 
seine Freunde, welche ihm gewiß gleichen. 
Hier sind diese schon! versetzte Dumoulin, und die Thür 
aufreißend zeigte er auf die Dragoner, welche mit gezogene» 
Schwertern draußen standen. 
Ich hoffe, theuerste Mademoiselle Charlotte, sagte Herr 
von Clement sich zu mir wendend, daß diese Herren mir 
wenigstens Zeit gestatten werden, um von Ihnen Abschied zu 
nehmen. 
Eine Stunde, sagte der Major bestimmt und kalt, und 
indem er sich mir näherte, setzte er hinzu: diese wird hin 
reichen, um die hochedlc Jungfer — weiter hörte ich nichts, 
denn ich lies meinem Onkel entgegen, der mit dein Allsdruck 
tiefster Niedergeschlagenheit hereintrat, unb warf mich in 
dessen Arme. 
10. 
Am darauf folgenden Tage erfolgte unsere Rückreise, 
welche wir uin so inehr beeilten, da wir keine Ursache hatten, 
länger in Cleve zu verweilen, lvo das Vorgefallene kein ge 
ringes Aufsehen machte. Herr von Clement ivlirde, nachdem 
die Stunde verflossen, welche Dumoulin bestimmt, in seiner 
Kutsche fortgebracht, in welcher der Major und ein Dragoner- 
offizier ebenfalls Platz nahmen, während zlvei Dragoner sich 
auf den Bock setzten. Mit leichtem ungezwungenen Anstande 
und in würdigster Haltung nahm Herr von Clement von uns 
Abschied, und der Eindruck, welchen sein sicheres und feines 
Benehmen, die edle Offenheit seines ganzen Wesens inachte, 
lvar ein so überaus günstiger, daß nicht allein mein Onkel 
von seiner Unschuld überzeugt blieb, sondern Alle, die ihn 
sahen, selbst der steife galante Präsident von Strunckede, nicht 
daran zweifelten. Dieser hohe Beamte entschuldigte sich gegen 
den Herrn von Clement, daß ihm so übel mitgespielt werde, 
doch sicherlich sei es ein Mißverständiliß, daß der König seine 
Verhaftung befohlen habe, und Alles werde sich aufklären, 
sobald der Herr in Berlin anlange. 
Es fielen dabei einige verständliche Winke über das Be 
tragen des Major von Duinoulin; und dieser wurde von allen 
Seiten kalt und abweisend behandelt, als wolle man dem 
Spion möglichst weit aus dein Wege gehen, der einen so für 
trefflichen und edlen Herrn verleumdet und ins Malheur ge 
bracht hatte. 
Ich selbst machte davon keine Ausnahme, denn wie 
hätte ich es wagen können, mich gegen Dumoulin freundlicher 
zu bezeigen, da Herr von Clement von meinem Onkel und 
dem Präsidenten mit Trostworten und Zeichen der lebhaf 
testen Theilnahme bedacht wurde. Der Major machte auch 
keinen Versuch, sich mir nochmals zu nähern. Soldatisch 
kurz und bestimmt traf er seine Anordnungen, ohne sich an 
unwillige Mienen zu kehren, und mit der Minute forderte er 
zuletzt den Herrn von Clement auf, ihm in den Wagen zu 
folgen. 
Mein Herr Chevalier, sagte er zu ihm, ich habe den 
gemeffensten Befehl, Euch nach Berlin zu schaffen, sonst aber 
Euch höflich zu behandeln, und ich wiederhole, daß Ihr alle 
Bequemlichkeiten haben sollt, so lange Ihr nicht zu entfliehen 
versucht. 
Mein Ehrenwort darauf, antwortete Herr von Clement 
lächelnd, daß ich keinen solchen Versuch machen >verde, denn 
ich habe keinen Grund dazu. Ihr wißt es selbst, Herr von 
Dumoulin, daß ich in wenigen Tagen freiwillig nach Berlin 
gereist wäre. 
Wenigstens habt Ihr so zu mir gesagt, versetzte der 
Major. 
In diesem Falle würde es aber doch ivohl genügen, ver 
mittelte Herr von Strunckede, sintemal Herr von Clement sein 
Ehrenwort giebt, daß Ihr mit ihm allein reiset, Herr Major. 
Oder, sagte mein Onkel, da ich selbst auch nach Berlin 
zurückkehren muß, könnten wir diese -Weife zusammen machen. 
Bei diesem Vorschlage belebte sich das Gesicht des Che 
valiers und seine schönen, dunklen Angen hefteten sich auf 
mich mit zärtlichem Feuer, das selbst nicht erlosch, als der 
Major antwortete, daß er nach Vorschrift des Königs handle, 
somit von den Einrichtungen Sr. Majestät nicht abgehen 
könne. 
Leben Sie wohl, meine Theuere, sagte Herr von Clement, 
indem er von mir Abschied nahm. Es ist eine schmerzliche 
Trennung, der ich mich unterwerfen muß, allein ich zweifle
        
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