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Periodical volume 25. August 1883, Nr. 48

Full text: Der Bär Issue 9.1883

Erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist durch alle Buchhandlungen, Zeitungsspeditionen und Postanstalten für 2 Mark 
IX. Jahrgang. vierteljährlich zu beziehen. - 3m Postzcitungs-Latalog eingetragen unter Nr. 2278. 5 cn 25. August 
Nr. 48. Herausgegeben von Emil Dominik. Verlag von Gebrüder Pactcl in Berlin W. 1883. 
Gin Äbcntcurrr am Haft Lönig Kiedrich Wilhelms I. 
Vaterländische Erzählung von 8T>. L. M. (Fortsetzung.) 
Meine innig geliebte Mademoiselle Charlotte! rief Baron 
Clement: Gott sei Dank! daß ich Sie wieder sehe. Gott sei Dank! 
daß ich bei Ihnen bin. — Er ließ sich auf ein Knie nieder 
und küßte meine Hände, dann sprang er auf und rief: Ihr 
Brief hat mich hergctriebcn, ich mußte kommen und Sie sehen, 
mußte Ihnen sagen, daß ich Sie nicht vergessen habe, niemals 
vergessen werde; daß ich um Gnade und Vergebung bitte, wenn 
es so schien, als konnte 
die zärtliche Sehnsucht 
nach meiner angebeteten 
Charlotte sich ver 
mindern- 
Ich habe nicht 
darauf gerechnet, daß 
Sie nach Cleve kommen 
würden, Herr von Cle 
ment, antwortete ich 
verwirrt und glühend. 
Sie haben nicht 
darauf gerechnet? ant 
wortete er traurig. 
Konnten Sie denken, 
daß ich Ihrer Einla 
dung widerstehen würde? 
Aber ich fürchtete 
— ich dachte — Nein, 
ich habe Sie nicht ein 
geladen! 
Was dachten Sie? fragte er. 
Daß — daß Sie — daß Ursachen vorhanden wären, 
welche Sie abhalten mußten, nach Preußen zurückzukehren. 
Er schwieg einen Augenblick und schien in meinem Ge 
sicht zu lesen, daS sicherlich voller Unruhe, Angst und Be 
stürzung war- Allerdings, erwiderte er darauf langsam und 
nachdenklich, giebt es Ursachen, ivelche mich abhalten konnten, 
mich in die Geivalt eines Despoten zu begeben, der das Gute, 
das ich ihm erzeugt, leicht wohl mit Bösem vergilt. Die 
Niederlande sind die Freistatt für alle Verfolgte- Kein noch 
so mächtiger Gebieter vermag dort das Recht anzutasten; der 
Schutz der Gesetze gilt dort für Alle- Und ich besitze Freunde, 
Mademoiselle Charlotte, die mich beschützen und nicht dulden 
würden, daß mir ein Leid geschehe. 
Dann hätten Sie diese Freistatt nimmer verlaßen sollen, 
fiel ich ein. 
Auf kurze Zeit nur, 
versetzte er, nur um 
Sie zu sehen, meine 
Theuerste, nur um 
Ihnen zu sagen, daß 
ich Sie mehr liebe, als 
jemals, lind wenn ich 
nur gekommen wäre, 
fuhr er fort, indem er 
meine Hand ergriff und 
mich zärtlich anblickte, 
um Sie anzuflehen, mich 
in dies Land der Frei 
heit zu begleiten? Der 
despotische König hat 
mein größtes Glück von 
meiner Rückkehr nach 
Berlin abhängig ge 
macht , allein eine 
Stunde reicht hin, seine 
Gebote zu verspotten. Eine Stunde von hier ist die Grenze. 
Mein Wagen steht an der Thür; was hindert uns, den 
despotischen Willen zu zerbrechen? Was hindert meine an 
gebetete Charlotte, mich auf ewig glücklich zu machen. 
Ein Klirren wie von Waffen vor dem Hause oder auf 
der Treppe brachte mein Entsetzen zum Ausbruch. Um des 
allmächtigen Gottes willen! rief ich, so leise ich es vermochte 
und dabei am ganzen Körper bebend, indem ich Arme und 
Der Strataucr Fi schlug. 
Nach einer Illustration aus den fünfziger Jahren. (S. Seite 585.)
        
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