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Periodical volume 23. Dezember 1882, Nr. 13

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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Aber die berühmte Promenade kann dieser Zier recht wohl entbehren; 
die Monumente, welche dort stehen, geben ihr einen Rahmen von unbe 
streitbarer Fürstlichkeit, Vom Fuße der Statue (sic!) Friedrichs II. um 
saßt der Blick einige fünfzehn, die sich ohne Unterbrechung folgen: ein 
solcher Anblick ist würdig einer Hauptstadt, 
Aber begnügt man sich nicht mit diesem Ueberblick, besichtigt man 
eines dieser Bauwerke nach dem anderen, so wird man rasch betroffen 
von der berechnenden Künstlichkeit in dem Gedanken, der dieselben am 
Strand der Spree zusainmen gebracht hat. Sie drücken das aus, was 
man vom deutschen Genius gesagt hat: er ist mehr geeignet für die 
Forschung als für die Erfindung, 
Die preußischen Herrscher haben große Anstrengungen gemacht, ihre 
Hauptstadt zu schmücken und diese Anstrengungen haben keinerlei künst 
lerische Originalproduktion hervor gebracht. Die Architektur hat in Preußen 
keine Ueberlieferung; sie kann sich nicht an einer Vergangenheit begeistern, 
da es eine solche nicht giebt; die Gothik hat in Köln Halt gemacht und 
im Zeitalter der Renaissance war Berlin nur ein Dorf in einer halb 
wilden Gegend. Der Uebergang aus der Barbarei zur Civilisation er 
folgte zweifellos zu rasch; die architektonische Erfindung ist eine Gabe 
junger, plötzlich spontan entstandener Völkerschaften, die da aufbauen, 
wie die Blumen wachsen, angeregt von einer inneren Kraft, die sich nicht 
analhsiren läßt. — Als das preußische Volk schöner Bauwerke bedurfte, 
war es schon zu alt und es wußte schon zu vielerlei, um einen eigenen 
Ausdruck zu finden; es begnügte sich, das einzuführen, was bei anderen 
bestand; es ging seine Vorbilder auswärts suchen, bald in Griechenland, 
bald in Italien, bald in Frankreich. Gegenwärtig treibt die "Fremdsucht 
sie selbst aus Europa hinaus; man hat soeben eine prächtige Synagoge 
erbaut, deren mit Bogenwerk durchflochtene Kuppel in Samarkand nicht 
auffallen würde. 
Zuweilen haben die Berliner Architekten ganz einfach kopirt. So 
kann man die Propyläen sehen am Brandenburger Thor, das Pantheon 
an der Hedwigskirche, den Triumphbogen des Septimius Severus an 
einem der Schloßportale — am häufigsten haben sie nachgeahmt. Es 
hat niemals einen Berliner Stil gegeben, noch einen Schatten von dem, 
was ihm ähnlich wäre, — nur Moden, die abhängig waren von der 
Phantasie der Herrscher oder dem Geschmack ihrer Architekten, welche mit 
ihnen gleichfalls wechselten. In den erst erbauten Monumenten, welche 
übrigens nicht weiter zurück datiren, als bis zum Ende des XVII. Jahr 
hunderts, ahmte Schlüter unseren Stil Louis XIV. nach. Friedrich 
der Große hatte eine schöne Leidenschaft für römische Architektur. 
Unter Friedrich Wilhelm III. sing die Herrschaft des Griechischen an, die 
mit wechselndem Glück bis in die letzte Zeit gedauert hat. Das Kaiser 
liche Palais hat einen Balkon niit dorischen Säulen, das alte Museum 
ist ein jonischer Tempel, die Nationalgalerie ein korinthischer. Ueberall, 
unter dem grauen Himmel bemerkt man, geschwärzt vom Regen und an 
genagt vom Winter, mit geschwürartigen Flecken marmorirte Säulen- 
stellungen und Tempelgiebel. Das geht bis zur Wache, die selbst ein 
dorisches Bauwerkchen, das ebenso vierschrötig (traxu) als plump ist; 
— es giebt einen drolligen Effekt, wie Soldaten mit Spitzhelmen ihre 
Zündnadelgewehre unter einem Portikus spazieren führen, in dem Aga 
memnon zu Hause sein könnte. 
Man sagt, daß Herr v. Bismarck lebhaft das „Gemachte" an Berlin 
empfinde, seine künstlerische und literarische Unfruchtbarkeit, und daß er 
die Stadt durchaus nicht liebt. Sie hat keine geschichtlichen Erinne 
rungen, keinen Lokalgeist — keines jener Monumente, um welche sich die 
Volkssagen spinnen. Er hätte lieber zur Hauptstadt des Kaiserreichs, das 
er begründet, eine der alten deutschen Städte gewählt, deren Name sich 
in der Nacht der Zeiten verliert und die hinreichende Ueberlieferungen 
besitzen, um allen Aeußerungen der Intelligenz, die sich in ihnen abspielen, 
einen eigenartigen Stempel auszudrücken. Aber Berlin genießt der Wohl 
that des Besitzes. — Vielleicht erwächst ihm eines Tages ein Berliner 
Genius. 
Der Ueberfluß an Statuen zeichnet Berlin mehr aus als seine Ar 
chitektur. Ein großer Künstler „Rauch" und die von ihm gebildeten 
Schüler haben damit die Straßen und Plätze bevölkert. Das Friedrichs 
denkmal dieses Künstlers ist ein Meisterwerk und niemals ist die historische 
Erscheinung einer Persönlichkeit besser dargestellt worden, als er es in 
dem schwierigen Portrait eines so vielseitigen Helden gethan. 
Diese Statuen scheinen dazu bestimmt, in der Bevölkerung den mili 
tärischen Geist zu pflegen, welchem Preußen seine heutige Größe verdankt. 
Sie sind hauptsächlich den Kämpfern von Anno 1813 gewidmet — Stein, 
Pork, Scharnhorst, Gneisenau, Bülow, Blücher — und die Bildhauer 
haben versucht, in der Haltung dieser Persönlichkeiten den Gefühlen Aus 
druck zu geben, welche zu jener Zeit Deutschland gegen die Fremdherr 
schaft zum Aufstand brachten. Wir haben wohl auch auf einem Platze 
abseits einen berühmten Mann entdeckt, der kein Soldat war: einen 
Schiller, aber er schaute unter seinem Marmormantel recht unglücklich 
drein; ersichtlich fand er sich entftemdet im Kreise seiner lärmenden Ge 
fährten. 
Die symbolischen Gruppen, welchen man begegnet, sind ebenfalls von 
derselben Tendenz durchweht; es giebt deren acht auf der Schloßbrücke, 
nicht ohne Werth, welche die verschiedenen Unterrichtsstufen des kriege 
rischen Muthes darstellen. (Es folgt eine Einzelbeschreibung.) Vor 
zivanzig Jahren, als Gautier wie wir nach Rußland ging, sah er in diesen 
Gruppen auffälligerweise jedoch nur die Behandlung des Nackten; heute 
berührt uns vor allem die Absichtlichkeit, unter welcher diese Gruppen 
entstanden sind, und wie der Schlag, der uns getroffen, seit langem vor 
bereitet war. Noch ein anderes, dem militärischen Ruhme Deutschlands 
gewidmetes Denkmal haben wir besichtigen müssen. Man nennt es die 
Siegessäule, welche auf einem der Kreiselplätze des Thiergartens zu Ehren 
der Siege des heutigen Kaisers errichtet ist. Es ist das eine recht magere 
Genugthuung: aber in der That die bas-reliets sind erbärmlich, die Ge- 
sammterscheinung geradezu häßlich. Rauch ist todt und feine Schüler 
sind bei dieser Gelegenheit noch hinter sich selbst zurück geblieben. 
Die wissenschaftliche Bewegung ist in Berlin sehr bemerkenswerth; 
darin liegt eben die Fähigkeit der Deutschen. Die Regierung, welche 
aus der Hauptstadt einen großen Mittelpunkt der Intelligenz schaffen will, 
legt sich die größten Opfer auf, um eine gleichiverthige künstlerische Be 
wegung hervor zu rufen. Mit Millionenkraft bereichert es seine Museen. 
Eine der schönsten Gemäldesammlungen, die Suermondt'sche, war zu ver 
kaufen: sie ward um 1 250 000 Frcs. erworben. Der Boden von Olympia, 
dieser Sammelpunkt der griechischen Völker, war nicht durchforscht: der 
Staat gab eine Million und man entdeckte Originalwerke der Praxiteles, 
Alkamenes und Paeonius, von denen bisher nur die Namen zu uns ge 
drungen waren. In Pergamos fand man bewundernswerthe Marmor 
bilder, welche abermals unsere Ansichten über griechische Kunst umzuge 
stalten berufen sind: die Regierung beeilte sich, abermals eine Million zu 
deren Ankauf auszugeben. 
Angesichts der Zeugnisse eines so noblen Ehrgeizes, der dazu führt, 
der Meisterwerke sich zu bemächtigen, habe ich mit Bitterkeit daran zurück 
denken müssen, daß, als gelegentlich des Verkaufes der Krondiamanteu 
vorgeschlagen wurde: einen Theil des Ergebnisses der schlecht dotirtcn 
Kaffe unserer Museen zu überweisen, ein Philister sich fand, um zu be 
haupten, die Museen seien für Frankreich ohne Bedeutung und daß die 
schläfrige Kammer ihm recht gab. 
Wir gingen diese pergamenischen Marmore besichtigen, welche, erst 
seit kaum vier Jahren aufgefunden, schon ihre Berühmtheit haben. Seit 
kurzein sind dieselben in Berlin eingetroffen und noch nicht aufgestellt. 
Außer einigen Stücken, ivelche in der großen Rotunde des Museums 
untergebracht sind, liegen sie noch auf dem Boden des Saales, an dessen 
Ringwandungen sie Platz finden sollen. Sie stammen von einem Jupiter 
tempel, der auf der Akropolis der Stadt erbaut war, einem verlassenen 
Orte, wo sie von der Nachbarschaft der Menschen nicht zu leiden hatten 
u. s. w. (Es folgt eine ausführliche Beschreibung und gerechte Würdi 
gung des künstlerischen Eindrucks dieser Reliefs.) 
Hätten wir mehr Zeit gehabt, wir würden noch weit inehr Zeugnisse 
haben sammeln können von dem Plane, welchen die Männer, welche 
Deutschland leiten, emsig verfolgen — aus Berlin eine große Weltstadt 
zu machen. Wir würden z. B. das Kunst-Gewerbe-Museum besucht haben, 
auf das alle Welt mich aufmerksam gemacht hat; leider war es während 
unseres Aufenthaltes geschlossen. Man weiß, wie schlecht unterstützt die 
Anstrengungen werden, die man bei uns gemacht, um ein solches zu 
gründen. Wir hätten uns überzeugen können von der Sorgfalt, mit 
welcher die Unterhaltung der städtischen Einrichtungen geschieht. Vor dem 
Kriege waren die Straßen in einem bedauernswerthen Zustande, der 
größere Theil war mit Gräben eingefaßt, in denen die Abwasser offen 
Abfluß fanden; man führte den Schnee nicht ab. Heute ist das ganz 
anders. 
Im ganzen thut die Regierung alles Mögliche und der deutsche 
Genius unterstützt sie schlecht. Man fühlt nicht den Trieb einer inneren 
Kraft, das Feld auf dem man säet, bleibt fast unfruchtbar. Schöne v 
Straßen, schöne Bauwerke, die bewundernswerthe Stadtbahn — alle 
Fortschritte der Neuzeit und eine dünngesäte Menge, die kein Aussehen 
erregt, ohne Leben, fast keine Wagen — der wahre Luxus läßt sich nicht 
kopiren. Schöne Museen, die sich fortwährend bereichern und eine mittel 
mäßige Künstlerschule, wo Rauch, Kornelius und Kaulbach, die Berliner 
selbst nicht einmal durch ihre Erziehung gewesen sind — keine Nachfolger 
hinterlassen haben. 
Berlin ist noch kein Stern, dessen Dasein die Welt viel beschäftigt; 
es empfängt mehr Strahlen, als es verbreitet. Auf sieben Theaterzetteln 
fanden wir drei aus dem Französischen übersetzte Stücke; blickt man in 
die Schaufenster der Buchhändler, so findet man unsere Romane in 
deutschem Gewände. „Paris empfängt nichts von Berlin, und Berlin 
kann ohne Paris nicht leben." 
Wir dürften uns wohl freuen über ein solch allgemeines Urtheil — 
auch wenn nur das Staunen des blasirten Pariser Boulevardier damit 
ausgedrückt wäre. Die nachträgliche Nörgelei wollen wir nicht übel 
deuten, ebenso wenig die etwas flachen Bemerkungen über unser Volks 
leben — sind wir doch auch gewöhnt, in deutschen Zeitungen (und ander 
weitigen ebenso gründlichen Veröffentlichungen) die Franzosen sammt und 
sonders als Absynthtrinker bezeichnet zu finden — wahrscheinlich weil die 
betreffenden Publizisten eben mit solchen zusammen gerathen waren. Und 
hören wir nicht täglich aus gleich zuverlässigen Quellen Schilderungen, 
die uns die sittlichen Familienzustäude auch der Pariser „guten Gesell 
schaft" als vollständig untergraben darstellen! — 
pie Vaukhätigkeit in Merkin, jetzt auf der Höhe des Jahres, sieht 
auch schon ihrem herbstlichen Niedergang entgegen. Viele Rohbauten sind 
vollendet und der innere Ausbau beginnt. Ist auch nirgend ein Mangel 
an Arbeitskräften zu merken gewesen, so wird in 4 bis 6 Wochen sich 
Herausgeber und verantwortlicher Redaktmr: Emil Dominik in Berlin W. — Verlag von Gebrüder Partei in Berlin VV. — 
Druck: W. Moeser Hofbuchdruckerei in Berlin 8. — Nachdruck ohne eingeholte Erlaubniß ist untersagt.
        
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