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Volume 4. August 1883, Nr. 45

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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nung, der Geist Gottes habe aus ihr gesprochen und ihr auch die 
Aufträge zum Geldleihen gegeben! „Das Geld," sagte sie, „habe 
ich mir nur geborgt, um es den Armen geben zu können. Ich 
hoffte es wieder erstatten zu können, sobald der Kronprinz von 
Hannover mich, wie er versprochen, mit meinen Eltern zu sich ge 
nommen haben würde," worauf der Präsident des Gerichtshofes 
erwiderte: „Solche Zusicherungen sind Ihnen, wie amtlich festge 
stellt ist, nie gemacht worden." Festgestellt wurde ferner, daß das 
Mädchen häufig ausgegangen war, öffentliche Vergnügungsorte 
und Bälle besucht, sich von Männern begleiten laffen und kleine 
Liebeleien gehabt hatte, zu denen sie selbst auf schlüpfrige Weise 
angereizt. Vor Gericht erschien Luise ohne alle Schüchternheit als 
ei» hübsches, kokettes Mädchen, mit großen, dunkeln Augen, aus 
denen ein seltsames Feuer blitzte. Betrügliche Absichten gehabt zu 
haben, bestritt sie anfangs hartnäckig und schob alle Verantwort 
lichkeit für ihre Handlungen auf ihren Führer, auf Gott und 
Christus, deren Anweisungen sie nur gefolgt sei. Erst am Schluß 
der Voruntersuchung bekannte sie, wie gesagt, die betrügliche Ab 
sicht und gab zu, die Leichtgläubigkeit der betrogenen Personen 
bewußt benutzt zu haben. Trotz geschickter Vertheidigung durch den 
Referendar Wcdigcn wurde die Angeklagte denn auch des fortge 
setzten Betruges für schuldig erachtet und zu neun Monaten Ge 
fängniß und fünfhundert Thaler Geldbuße, eventuell sechs Monaten 
Gefängniß verurtheilt. Der Gerichtshof nahm an, daß namentlich 
durch die Manöver, welche die Angeklagte angewendet hatte, um 
ihren Eltern ihr Treiben mit den Personen, denen sie durch falsche 
Vorspiegelungen Geld abgelockt, zu verbergen, die Ueberzeugung 
gewonnen sei, daß sie selbst nicht an das Vorhandensein der von 
ihr vorgegebenen Erscheinungen geglaubt und daß sie daher in ge 
winnsüchtiger Absicht betrüglich gehandelt habe. Ihre große Ju 
gend wurde zwar als Milderungsgrund angesehen, dieser jedoch 
durch die Schlauheit ihrer Handlungsweise vollständig' ausgewogen. 
H. Sundelin. 
Oie Ärandtnburger im 30 jährigen Kriege oder -as 
Kriegswesen in Srandenburg und Preußen in der 
ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. 
Don 1>. Cutter. (Fortsetzung?) 
Der König Gustav Adolf wünschte ein Zusammengehen der 
beiden evangelischen Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen 
und war den Vorschlägen des Ersteren nicht abgeneigt, mit einer 
alliirten Armee in Schlesien einzudringen, um dort den unter 
schwerem Drucke seufzenden Protestanten Erleichterang zu schaffen. 
Den Absichten Brandenburgs auf Schlesien lagen jetzt realisirbar 
scheinende Ideen zu Grunde, nämlich Jägerndorf und Troppau 
wieder zu erlangen, welche Landschaften Kaiserliche Willkür dem 
Hause widerrcchtsich entzogen hatte. Auch hoffte man in Schlesien 
Ersatz zu finden für die eigenen, nun zu Gunsten Schwedens auf 
gegebenen Ansprüche auf Pommern. Genug, die Kurfürstliche Re 
gierung drängte mit aller Macht zu einer Vereinigung mit den 
sächsischen Völkern, und als diese säumig waren, rückten die Bran 
denburger im Mai 1832 auf eigene Hand in Schlesien ein um 
ihrer Unternehmungslust zu genügen. Unerwartet erschien der 
nunmehrige Oberst von Vurgsdorf mit seinen Reitern der Leib 
garde von Frankfurt her vor Crossen und allarmirte die dortige schwe 
dische Besatzung, um ihre Wachsamkeit zu prüfen. Der Versuch 
hätte für ihn selbst die übelsten Folgen haben können, denn eine 
von der aufmerksamen Besatzung abgeschossene Stückkugel riß ihm 
die Hutfeder vom Kopse. Als er weiter ins Fürstenthum Glogau 
gegen Grüneberg vorrückte, wichen die Kaiserlichen, bei Freistadt 
*) Siehe Bär Nr. 14, iS, 17, 21, 23, 39. 
aber wurden seine Reiter unversehens von Kroaten angegriffen, und 
nach hartem Kainpfe mußte er den Rückzug auf Crossen suchen. 
Mittlerweile gaben die in Böhmen unter Generalwachtmeister v. Arnim 
stehenden Sachsen dem anrückenden Waldstein nach, in Gewaltmärschen 
durchzogen sie die-Lausitz und nahmen plötzlich die Festung Glogau 
am 28. Juli mit stürmender Hand. Nun stand einer Vereinigung 
mit den Brandenburgern nichts mehr im Wege. Doch diese hatten 
sich bereits an den an der Oder und Warthe kommandirenden schwe 
dischen Obersten Jacob Blae Duval gewendet und die Bewilligung 
zu einem alliirten Vorgehen erlangt. 
Am 14. August fand die Vereinigung und Musterung der 
Truppen zu Züllichau statt. Es waren 42 schwedische und 24 bran- 
denburgische Kompagnien, wohl gegen 7000 Mann, die nun unter 
dem Befehl Duvals traten. 
Der Kurfürst George Wilhelm hatte erst kürzlich wieder die 
Reise nach Preußen angetreten und zur Begleitung 5 Kompagnien 
vom Burgsdorfschen Regiment unter Befehl des Obristwachtmeisters 
von Gleiscnthal mitgenommen. Es wird erzählt, daß diese auser 
lesenen Truppen damals von Neuem gleichmäßig in blau geklei 
det worden seien. Zum ersten Male wird hier die unserer Armee 
so charakteristische Farbe erwähnt. Zur Vereinigung mit den 
Schweden kamen alle übrigen Truppen: 15 Kompagnien zu Fuß 
und zwar das im Juni auf 4 reduzirte Regiment v. Kötteritz, das 
Regiment von Kracht mit 6, das Burgsdorfsche mit 5 Kom 
pagnien; 9 Reiterkompagnien standen unter dem zur Zeit auf 
einer diplomatischen Mission bei dem schwedischen Könige zu Fürth 
abwesenden Obersten von Burgsdorf. 
Am 18. August endlich konnte denn auch die Vereinigung 
mit den Sachsen stattfinden. Schweden und Brandenburger be 
setzten fortan Glogau und über den Oberbefehl einigte man sich 
dahin, daß Arnim und Duval mit einander die Operationen be 
rathen, und das Beschlossene Ersterer mit den Sachsen, Duval 
mit Schweden und Brandenburgern ausführen sollte. 
Das Heer der Verbündeten zählte nun wohl 18 000 Mann, 
eine ansehnliche Streitmacht in damaliger Zeit, geeignet, der pro 
testantischen Sache entscheidenden Nachdruck zu geben. Die Er 
folge blieben denn auch nicht aus, waren aber hauptsächlich dem 
energischen Duval mit seinen Schweden und Brandenburgern zu 
zuschreiben, während man offen den sächsischen General der heim 
lichen Parteinahme für die Kaiserlichen anklagte. Thatsache war 
es, daß Arnim die Waldstein'schen Güter in Schlesien schonte und 
dafür Sorge trug, ihnen besondere Sicherheitswachen zu geben. 
Indessen rückten die Verbündeten weiter vor. Ein erster 
ernstlicher Kampf erwartete sie beim Städtchen Steinau. Da 
sowohl in diesem wie im folgenden Jahre um diesen Ort die Bran 
denburger tapfer mitfochten, und sich sogar mit anerkanntem 
Ruhme bedeckten, so müssen wir die Lage des damals berühmten 
Passes näher betrachten. 
Steinau ist im Fürstenthum Liegnitz nahe dem linken Oder 
ufer gelegen. Das Thal des hier fast gerade von Süden nach 
Norden fließenden Stroms ist in dieser Gegend besonders breit. 
Oft war um den wichtigen Paß daselbst im deutschen Kriege ge 
kämpft worden, denn weit ober- und unterhalb machten die breiten und 
ausgedehnten Bruchflächen ein Ueberschreiten der Oder unmöglich. 
Bei Steinau aber lief die gerade Straße von Glogau, dem Schlüffe! 
Schlesiens, auf dessen Hauptstadt Breslau. Der Ort selbst war 
ohne Befestigung, dagegen die über die Oder führende Brücke auf 
beiden Ufern gesichert; aus dem östlichen rechten durch ein Horn 
werk, auf dem linken westlichen durch ein befestigtes Lager. 
Als am 19. August die Verbündeten vor dem Paß anlangten, 
stand das ganze Kaiserliche Heer unter Maradas auf der Anhöhe 
am linken Oderufer in Schlachtordnung. Arnim und Duval 
stellten sich "ihm gegenüber in Ordnung und es gelang nach hartem 
Kampfe, die Kaiserlichen zurückzudrängen.
	        
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