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Periodical volume 28. Juli 1883, Nr. 44

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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mann da, mich auch zur letzten Reise abzuholen? Erleichtert ward 
ich bald meines Irrthums gewahr; die gebeugte Gestalt mit der 
Sense in der Rechten und dem freundlich ernsten Angesicht war 
der Dorfkantor, der seiner Gais die Halme von den versunkenen 
Gräbern gemäht hatte. 
Auf meine Bitte öffnete er mir das Gotteshaus. Außer 
einem von der Decke hernieder schwebenden Engel, der nur durch 
die Flügel an jene Lichtgcstalten unserer Phantasie erinnerte, zeigte 
es eine fast puritanische Einfachheit. Gemeinsam auf einem Grabes 
hügel im Schatten einer Trauerbirke sitzend, theilte mir der ge 
sprächige Kantor die Geschichte dieses Kirchleins mit, wie folgt: 
„Am Ende unseres Dorfes steht ein dickwandiges Steinhaus 
aus den Grundmauern eines alten Schlosses, in denen man in 
Ketten liegende Skelette und Reste einer Folterkammer fand. Ein 
vornehmes Adelsgeschlccht haust darin, das seine Wurzeln durch 
die ganze Altniark erstreckt und seinen Stammbaum bis zu dem 
Geschlechteradel hinableitet. Soweit es brandenburgische Geschichte 
giebt, waren alle Edlen dieses Geschlechts treue Vasallen der 
brandenburgischen Herrscher. Ja zu dem uralten Speer und Dachs 
hatten sie noch das Rad in ihrem Wappen erlangt. Das war so 
gekommen. Einer der Edlen jagte durch Sümpfe und Moräste [ 
dem arg bedrängten Kurfürsten zu Hilfe. „Jog to!" nur rief er 
dem Knechte zu, obgleich ein Rad am Wagen brach, und entschied 
so ein schwankendes Treffen. Als nun Joachim II. von Branden 
bürg im Jahre 1542 die deutsche Reichsarmee gegen die Türken 
befehligte, gerieth einer dieser Edlen, der sich ganz besonders durch 
seine Treue ausgezeichnet, in die türkische Gefangenschaft. Nachdem 
er lange Jahre darin geschmachtet hatte, gelang es ihm mit Hilfe 
einer schönen Türkin, die in heftiger Liebe zu ihm entbrannt war, 
zu entfliehen. Nach vielen Mühseligkeiten gelangten die Flüchtlinge 
am Marientage auf dem eine Meile von hier entfernt gelegenen 
Edelsitze an, wo die treue, ihn als todt beweinende Gattin im 
Kreise ihrer Kinder hauste. Düster und geflickt stand das Nest da 
auf hoher Werft am Aland mit seinen unregelmäßigen Mauern, 
festen Thürmen und kleinen Glasscheiben, kalt umweht vom rauhen 
Märzwind. Die rüstige Edelsrau in der Wittwenhaube und dem 
selbstgewebten Kleid, mit dem großen Schlüsselbund am Gürtel, 
hatte eben ihren Kindern und den bei ihr hausenden Bettern und 
Basen das Mittagsmahl, Stockfisch und Erbsen, ausgetheilt, als 
ein bettelndes Paar um einen Bissen flehte. Die mildthätige , 
Herrin ließ ihm Speise vom Mittagsmahl und ein halbes Brot 
zur Weiterreise reichen. Der mit Lumpen dürftig bekleidete Mann 
sandte ihr darauf einen kostbaren Siegelring hinein. Wie erschrak ! 
sie, als sie darauf das Wappen ihres Hauses erkannte. Es folgte 
nun ein freudig trauriges Wiedersehen. Die edle Frau trat der 
Retterin ihres Mannes die Gattinrechte ab und lebte fortan der 
Pflege ihrer Kinder und der Armen, zu deren Wohl sie eine Stif 
tung machte, so daß noch bis ins 1v. Jahrhundert hinein die 
Kinder der Umgegend am Marientag mit Stockfisch und Erbsen 
gespeist und mit einem halben Brot beschenkt worden sind. Der 
Edelmann aber freite seine Lebcnsrctterin, zog hierher und grün 
dete zur Sühne der Bigamie diese Kirche und die Schule. Dieser 
Doppelehe entsproßten zwei Linien, die noch beide bestehen." 
Erinnert diese Erzählung auch an die Sage der Grafen von 
Gleichen, so hatte sic mich doch höchlich intercssirt. Ich dankte dein 
freundlichen Kantor und erhob mich, um vor meiner Weiterreise 
den alten Herrensitz wenigstens von Weitem in Augenschein zu 
nehmen. Mein Weg führte mich an seinen massiv ausgeführten 
Wirthschaftsgebäuden vorbei. Was ist das? Dem Edelfräulein 
init der Halskrause, dem Rosenkranz in den steif auf der Brust ge 
falteten Händen und den verklärt aufwärts gerichteten Blicken ahnte 
es bei seinen Lebzeiten wohl nicht, daß sein Leichenstein gemeinsam 
mit andern die Giebelwand eines Schafstalles schmücken werde! 
Als ich eben durch das offene Thor in den Garten blicken wollte, 
der das herrschaftliche Haus umgiebt, raste eine Heerde schwarzer 
Puten laut kollernd an mir vorüber. Wie ein Sausewind flog 
gleich darauf ein schönes, vielleicht achtjähriges Mädchen, von einem 
braunen Hühnerhund begleitet, sie verfolgend, vorbei, um nach we 
nigen Sekunden im Wirthschaftshof zu verschwinden. Ein Blick 
durch das Thor über den wohlgepflegten Obst- und Gemüsegarten, 
in dem Sonnenblumen von erstaunlicher Höhe wuchsen, zeigte mir 
das feste, kahlwandige Haus mit den kleinrautigen Fenstern und 
der großen Freitreppe. Die weitere Aussicht begrenzte der hoch- 
wipfelige Park. Da ich durch sich nahende Stimmen in meiner 
Betrachtung gestört wurde, kehrte ich zuin Wirthshausc zurück, un> 
bald darauf meine Weiterreise anzutreten. 
Der Himmel hatte sich bewölkt, die Hitze war inäßig und 
desto angenehmer die Fahrt auf sandigem Weg durch mcilenlangen 
Kieferwald, den hin und wieder tveite Moore unterbrachen, die die 
Forstkultur zum großen Theil in Kiefern-, Birken- und Erlcn- 
schvnungen umgewandelt hat. Diese melancholischen Einöden, auf 
denen das Haidekraut und die Himmelskerze blüht, wurden zuweilen 
von Rudeln Hoch- und Schwarzwildes belebt. Angestaunt habe 
ich die riesigen, vereinzelt stehenden Kiefern bei einer alten Försterei, 
die an Majestät des Wuchses den herrlichen Eichen der Altmark 
gleichkommen. 
Der Gaul schritt langsam hin; der Kutscher nickte, und ich 
träumte mich in eine längst vergangene Zeit zurück, ohne mich da 
hin zurückzusehnen. Plötzlich stand das Roß still; wir beide fuhren 
auf. Ward es durch Zauberspruch gebannt, oder fühlte es Er 
barmen mit dem unter seiner Last kauernden alten Weib? „Höh"! 
sagte der Kutscher und knallte mit der Peitsche. „Halt"! ries ich zu 
gleicher Zeit, „Mütterchen, wollt Ihr Euren Korb auf meinen Wagen 
setzen?" Rach wenigen Minuten hatte der mit Haidekraut gefüllte 
Tragekorb meinen Platz inne, und ich schritt mit der Alten, die 
ein Bündel medizinischer Kräuter in ihrer Schürze trug, neben dem 
Gefährt einher. Bald war ich mit der anfangs Wortkargen - in 
intereffantem Gespräch über die Lebens- und Anschauungsweise des 
altmärkischen Landvolks. „Arendsee" murmelte sie gedankenvoll 
vor sich hin, als sie das Ziel meiner Reise erfahren hatte. „Ist 
ein schöner, großer See, aber er will jedes Jahr sein Opfer haben." 
„Nun, wenn er mich nur verschont," warf ich scherzend ein. „Hat's 
in diesem Jahr schon," sagte sie, mich mit ihren tiefen Augen 
ernst anschauend. „Was wißt ihr von dem See, Mütterchen, ich 
bitt' Euch, erzählt's!" 
„Bor vielen hundert Jahren," begann sie nach kurzem Sinnen 
in ihrem Niedcrsächsisch, das ich indeß nicht wiederzugeben vermag, 
„stand auf den Hügeln, wo jetzt nur noch Ruinen stehen, ein statt 
liches Nonnenkloster. Am Fuße der Höhen lag ein Teich, dessen 
gestaute Waffer ein Mühlrad trieben. Dahinter breitete sich ein 
weites Moor aus. In der Mühle hauste ein alter Müller mit 
seinem Weib und seinem schmucken Sohn, dem Arend. Der Arend 
aber, ein trutziger Gesell, der von seiner Wanderschaft durch das 
Thüringer- und Frankenland kühne Ideen über Freiheit und Gleich 
heit heimgebracht, hatte seine Augen zu einem jungen Edelfräulein 
erhoben, das in dem Kloster erzogen wurde und für daffelbe be 
stimmt war. Und das junge Edelfräulein, das lieber einem 
schmucken Mann in die Mühle folgen, als seine Tage in dem 
Kloster vertrauern wollte, entfloh und eilte in die Mühle. Kaum 
aber betrat die dem Himmel Geweihte dieselbe, als sich die Erde 
spaltete, das Moor, die Mühle mit allem, was darinnen war, 
versank, und der krystallklare See zu Tage trat. So straft 
der Himmel den an ihm begangenen Raub, und doch hat er selbst 
dem Menschen die stärkste und schönste aller Leidenschaften ins Herz 
gelegt," fügte sie nach einer Pause bitter hinzu. Wir waren in 
zwischen an einen Kreuzweg gekommen. „Hier muß ich abbiegen," 
sagte sie, und ich hob ihr die Bürde auf den Rücken. „Nehmt 
zum Dank dies Glücksmännchen, es ist gut gegen den See," und
        
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