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Periodical volume 21. Juli 1883, Nr. 43

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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den silbernen Wellen zog, immer deutlicher trat die Gestalt des Ritters > von fünf Schlachtenbildern genehmigt, welche die Feldherrnhalle schmücke» 
vom Gral hervor, bis endlich das Boot am Ufer anlegte und der schöne tvsrden. Knackfuß aus Düsseldorf wird die Scklacht von Turin (7, Sep- 
Jüngling in alänzenter Rüstung an's Land stieg. Nichts dergleichen sah 
man in Berlin. Wohl sang der Chor „Seht dort den Schwan", wohl 
reckte sich das Publikum die Hälse aus, um nach dem Wunder zu sehen; 
aber man erblickte nichts, bis auf einmal ein großes pappendeckelnes 
Ungethüm vor einem Kahn aus der Coulisse herausgeschoben wurde, dem 
dann der hühnenhafte Niemann recht „vergnügt" eirtkletterte. 
Auf der aitderen Seite dagegen wird wieder das Menschenmögliche 
in scenischer Ausstattunng geleistet, und die Wolfsschlucht im „Freischütz" 
z. B. ist ein Triumph der Kunst. Gewöhnlich ist diese Wolfsschlucht der 
Schrecken aller Schrecken, mag sie nun ihre Opfer in der Bowery oder 
sonst wo anders fordern. In der königlichen Oper zu Berlin dagegen 
wird sie in einer Weise zur Anschauung gebracht, daß man sich nicht satt 
an dem Bilde sehen konnte. Alles ist Vollkommenheit: der Mond, welcher 
die wilde Landschaft bescheint, und die Wolken, welche ihn in Schleier 
der Nacht verhüllten, der erst silberhell, dann wie ein Feuerstrom über 
die zackigen Klippen hinab stürzende Wasserfall und die geisterhaften 
Gestalten der wilden Jagd. 
Ein herzlich schlechter Jägerchor rief mich wieder in die Gegentvart 
zrirück. Erinnern Sie sich noch jener Aufführung des „Freischütz" in 
Rew-Iork, als die Männergesangsvereine „Liederkranz" und „Arion" die 
Chöre sangen? Ich wollte, sie wären in Berlin und zeigten dem Diri 
genten der Oper, was Chöre sind, und wie sie gesungen werden müssen; 
denn in Berlin weiß man das nicht. Nichts klappt, und der Max im 
„Freischütz", der Tenorist Müller, leistet etwas ganz Ordentliches im 
Fälschungen und Taktlosigkeit; trotzdem klatscht das Publikum donnernden 
Beifall. Tacitus hat uns die alten Germanen als eines der genügsamsten 
Völker damaliger Zeit geschildert, und sein Urtheil trifft noch heute zu. 
Dian ist in Deutschland mit Wenigem zufrieden, und das ist ja schließlich 
ein Glück, es muß auch zufriedene Leute geben. 
In Fräulein Lola Beeth hat die Oper eine ganz brillante Sängerin 
und eine Agathe, wie man sie sich nicht besser wünschen könnte. Rein, 
wie ihre Stimme, ist auch der Hauch, den sie über diese echt deutsche 
Mädchengestalt auszugießen versteht, und als ihr der Einsiedler am 
Schluffe sagte, daß man ihr den Junfernkranz zu früh gewunden habe 
und sie noch ein ganzes Jahr Braut bleiben müsse, da lächelte sie so kindlich 
naiv, als verstände sie gar nicht die Grausamkeit des Urtheilsspruches. 
Das niedliche Fräulein Driese, die ebenfalls eine hübsche Stimme hat, 
hätte sich das nicht gefallen lassen, deshalb ließ man sie auch nicht die 
Agathe singen, sondern hatte ihr die Rolle des Aennchens zugetheilt, der 
sie eben so gerecht wurde, wie früher den beiden Zerlinen in „Fra Dia- 
valo" und „Don Juan", ohne doch das Ideal aller Zerlinen, Pauline 
Lucca, zu erreichen. Daß „die kleine große Pauline" wieder einmal den 
Berlinern die Köpfe verdreht hat, wissen Sie wohl schon längst; trotzdem 
wird es den Lesern des „Belletristischen Journals" Vergnügen machen, 
hier noch einmal zu hören, daß alle Gerüchte, als habe die Lucca an 
Stimme verloren, böswillige Verleumdungen sind. Frau Lucca's Organ 
ist noch eben so glockenrein und voll, wie vor elf Jahren in New-Uork, 
und I» diva hat in „Carmen" ihrem Repertoir eine Rolle hinzugefügt, 
die eigens für sie geschaffen zu sein scheint. Die Ovationen, welche der 
gefeierten Sängerin bei ihrem letzten Auftreten zu Theil wurden, spotten 
jeder Beschreibung, ein wahrer Blumenregen fiel auf die Bühne hinab, und 
der Enthusiasmus des Publikums war eben so stürmisch, wie aufrichtig. 
Im Allgemeinen kann man nun von der hiesigen Oper sagen, daß 
sie ein verdienstvolles, gut geleitetes Kunst-Institut sei, dessen Mängel 
bald verschwinden würden, wenn die Presse ihre Pflicht thäte und 
dieselben mit Nachdruck hervorhöbe. Sie werden mir einwenden, die 
Berliner Presse habe vielleicht kein Recht der freien Kritik. Darin irren 
Sie sich aber doch wohl. Mir scheint es, als raisonnirten die Zeitungen 
hier oft laut genug, besonders über die Regierung, aber der Uebelstand 
ist, daß das Zeitungswesen noch so sehr im Argen liegt. Wenn beispiels 
weise Sonnabend Abends ein Konzert in der Sing-Akademie stattfindet, 
so erscheint die Kritik nicht, wie bei Ihnen in New-Uork, am folgenden 
Morgen, sondern frühestens Dienstags oder Mittwochs, und dann ist sie 
noch nicht einmal weit her. Das ist auch ganz natürlich. Man beschränkt 
einen Musikkritiker gewöhnlich aus dreißig Zeilen, weil man ihm die 
Zeile mit drei Pfennigen*) honorirt, und dafür kaun man doch nicht 
gerade viel verlangen; eigentlich ist es ein Wunder, daß in einer Stadt, 
wo man neunzig Reichspsennige (zweiundzwanzig Cents) für eine Kritik 
bezahlt, die Oper nicht unter derselben**) ist. Der erste Schritt zur Re- 
formirung der Oper müßte eine Reformirung der Verhältnisse der Kritik 
sein; aber wo mit dieser Reformirung anfangen, wo enden? Sie kennen 
ja den hiesigen Preßjammer zur Genüge; je weniger man über denselben 
sagt, desto besser. Civis Americanus." 
Aus dem Zeugbaule. Als viertes Kolossalbild für die Herrscher- 
halle des Zeughauses ist die Krönung König Friedrich 1. in Königsberg 
am 18. Januar 1701 in Aussicht genommen. Die Ausführung dieses 
Gemäldes ist jedoch nicht, wie man anfänglich beabsichtigte, dem Professor 
Steffeck in Königsberg, sondern — wie die Voss. Ztg. schreibt — dem 
Proseffor Anton v. W erner übertragen worden. Alsdann sind die Skizzen 
*) Recht herzlich lachen werden die Herren Musittrititer Uber diese Treipsennigc. 
**) Diesmal durfte es der Korrespondent mir seinen Echllchbemerkungen sein. 
tember 1706) darstellen, in welcher die Preußen unter dem „alten 
> Dessauer" fochten. Das nächste Bild ist dem Großen Kurfürsten und der 
Schlacht von Fehrbellin (18. Juni 1675) gewidmet; der ausführende 
Künstler ist Peter Janssen in Düsseldorf. Weit hinaus in den äußersten 
Norden führt das dritte Bild, welches die wilde Flucht der Schweden 
über das gefrorene kurische Haff im Winter 1678 zu 1679 schildert; die 
Ausführung ist in die Hände von S im ml er in Düsseldorf gelegt. An 
die Großthaten der lebenden Generation erinnern die beiden letzten Bilder. 
Professor Hünten wird den Augenblick wiedergeben, wo auf dem Schlacht 
felde von Königgrätz der König und der Kronprinz sich in der späten 
Abendstunde treffen, während Professor Bleibtreu den Sturm des Garde 
korps auf St. Privat malen wird. Sämmtliche Kolossalbüsten der Feld 
herren sind bis auf eine abgeliefert; ebenso sind sämmtliche überlebens 
große Standbilder der preußischen Herrscher bis auf König Friedrich 
Wilhelm 1. abgenommen. 
Die deutsche Kaisers!adt Berlin und ihre Umgebung geschildert von 
Max Ring. Mit 300 Illustrationen. 11. und 12. Lieferung a 1 Mark. 
Diese Hefte bringen den Schluß der Wanderung durch das Neue 
Berlin mit einigen hübschen Privathäusern und einer Tafel des 
Schauspielhauses; daraus folgt die Beschreibung der Museen; zuerst 
des alten Museums mit der schönen Faeade (als Tafel) und seinen herr 
lichen Kunstschätzen, von denen uns einige in Bildern vorgeführt 
werden, wie die antike Marmorstatue der Amazone, die Athenegruppe 
und die Hekategruppe der Pergamenischen Skulpturen, der Götter 
und Heroensaal, der Johannes von Michel Angelo; von den Ge 
mälden: 2 Tafeln des Genter Altares von den Brüdern Eyck, Christus 
und Johannes von Rubens, Lavinia von Tizian. Daran schließt sich 
das neue Museum mit seinem großen Treppenhause an, letzteres als 
Bild, die Hunnenschlacht von Kaulbach ist besonders abgebildet, einiges 
aus dem Hildesheimer Silberfund, die Hamilton-Sammlung ist vertreten, 
sowie das Aegyptische Museum. Ausführlich ist die Schilderung der 
Nationalgalerie mit ihren Schätzen, die erst im nächsten Hefte ihren 
Abschluß findet. 
Die hilkoritche Windmühle bei Sanssouci hat bei ganz ruhigem 
Wetter einen Flügel verloren; die anderen sind so morsch, daß sie der 
Sicherheit wegen entfernt werden müssen. Ob die Flügel durch neue er 
setzt werden sollen, will man der Entscheidung des Kaisers anheimstellen, 
doch glaubt man hier nicht an eine Wiederherstellung der Mühle, die sich 
als solche nie bewährt hat und lediglich als Reliquie zur Erinnerung an 
die Gerechtigkeit Friedrichs des Großen gepflegt wurde. (M. Z.j 
Merd. von Schill ist dieser Tage auf dem Rittergut Wilmsdorf bei 
Possendorf eine marmorne Gedenktafel gewidmet worden. Es heißt auf 
derselben: „In diesem Hause wurde der Major Ferd. v. Schill am 
6. Januar 1776 geboren. Er fiel im Kampfe gegen die französische 
Fremdherrschaft am 31. Mai 1809." 
Der neue Backhof. Gegenüber der Hygiene-Ausstellung, auf dem 
weiten Uferterrain von der Spree und dem Lehrter Bahnhöfe begrenzt, 
erhebt sich eine große Anzahl Baugerüste. Dort, auf dem Terrain für 
die neue Packhofsanlage, sind Tausende von Arbeitern mit der Auf 
führung von Quais, dem riesigen Niederlagsgebäude, den Monumental 
bauten der Provinzial-Steuer-Direction und des königlichen Haupt-Steuer- 
amtsgebäudes beschäftigt. Die 500 Meter lange Spreeufermauer wird in 
Sandsteinquadern aufgeführt und das große Terrain in einer Durchschnitts 
höhe von 27, Metern aufgeschüttet. Die Niederlagsräume sind so belegen, 
daß eine unmittelbare Wasser- bez. Eisenbahn-Zufuhr stattfinden kann. 
Der gesammte Hebeverkehr soll durch feste hydraulische Krähne bewirkt 
werden. Eine Zufuhrstraße wird unmittelbar neben der Moltkebrücke in 
das Terrain der Packhofsanlagen und durch dasselbe zu den Spiritushösen 
führen. Die genannten Bauten sind bereits im Fundament fertig gestellt und 
werden nach der Voss. Ztg. noch im Laufe dieses Herbstes unter Dach ge 
bracht, spätestens im Jahre 1885 dem Verkehr übergeben werden. Die beiden 
Monumentalbauten der Provinzialsteuer-Direktion und des Hauptsteuer 
amts erhalten ihre Faqaden nach der Alt-Moabiter Straße. Die Leitung 
und Ausführung liegt in den Händen des königlichen Bau-Jnspectors 
Wolfs und der Regierungs-Baumeister Bergmann und Keller. 
Geologisch - agronomische Karte von Zlorddeutschkand. Die 
preußische Staatsregierung hat die Herstellung einer geologisch-agro 
nomischen Spezialkarte des norddeutschen Flachlandes ange 
ordnet, und es siird mit der Ausfühmng der hierzu erforderlichen Arbeiten 
in den dazu im Laufe eines Jahres bestimmten Kreisen Mitglieder der 
geologischen Landesaufnahme, Hilfsgeologen und Kulturtechniker beauftragt 
worden. Die Ortsbehörden und Einwohner werden ersucht werden, den 
Beauftragten, welche sich als solche ausweisen, das zur Ausführung der 
betreffenden Arbeiten erforderliche Betreten von Privatäckern, Gärten rc. 
ohne weiteres zu gestatten, überhaupt dieselben bei ihren Arbeiten möglichst 
zu unterstützen und ihnen namentlich von etwa gemachten Beobachtungen, 
welche für die Kartenaufnahme von Interesse sein können, Büttheilung 
zu machen. V. Z. 
Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Emil Dominik in Berlin W. — Verlag von Gebrüder Partei in Berlin Vf. — 
Druck: W. Moeser Hofbuchdruckerei in Berlin 8. — Nachdruck ohne eingeholte Erlaubniß ist untersagt.
        
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