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Periodical volume 21. Juli 1883, Nr. 43

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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Laß ab! laß ab! — Apage! versetzte er, seine Hand 
ansstreckend, als wollte er den Teufel beschwören, und doch 
dabei lächelnd. — Warum wolltest Du ihn verschmähen? ; 
fragte er darauf. 
Warum? antwortete ich und meinen Kopf aufhebend 
sah ich ihn an, und meine Augen füllten sich mit der Gluth, 
die mich verbrannte. Eine Minute laug stand ich so vor ihm, 
dann sagte ich dieselben Worte, die ich vorher nicht auszu- ! 
schreien gewagt hatte: Weil ich schon Einen habe, dem mein 
Herz gehört! 
Dian — rief mein Onkel erschrocken zlirückprallend, — 
man hat schon Einen?! 
Der mich auch heirathcn tvill, fuhr ich fort — und lieber, 
herzliebster Onkel! schrie ich, indem ich mich plötzlich anseinen 
Hals tvarf rmd ihn festhielt, da eS doch nicht möglich ist. 
Zwei zu heirathcn, und da ich ihn liebe und er es mir ge 
schworen hat, so helfen Sie mir, auf daß ich nicht elend 
werde. 
Wer? wer? fragte er, mich von sich zurückhaltend. 
O, Sie kennen ihn, Dumoulin! 
Er schüttelte heftig den Kopf, machte sich von mir los, 
wandte sich um und wieder zurück und griff nach meiner Hand. 
Dies sind Jmaginationcs, sagte er, müffen Jmaginationes 
sein; niemals würde der König darein willigen. Ich habe 
eine Opinion davon gehabt, habe Dir auch Monika ertheilt, | 
welche Du nicht vergessen solltest. 
Nein, nein! rief ich dazwischen, lieber will ich gar nicht 
hcirathen. Niemand kann mich dazu zwingen. Welches 
Recht hat der König, mir einen Mann geben zu wollen, den 
ich nicht mag? 
Ich bitte Dich Kind, ich bitte Dich, sagte er ängstlich, alle 
seine Würde aufgebend, willst Du Dich und mich und uns 
Alle unglücklich machen? Der König ist ein unbeschränkter 
Herr über alle seine Unterthanen, Du würdest nicht die Erste 
sein, die er gezwungen hat, den zu heirathen, den er für sie 
bestimmte. Rege um Gottes willen nicht seinen Zorn auf, 
denn was sollte aus Dir werden! — Und was verlangt er 
von Dir? Nichts denn Liebes und Gutes. Ein Mann, der 
eine Perle ist unter den Männern, hochgeschätzt und hochgeehrt, 
mit Reichthum ausgestattet, gnädiglich angeschaut von jedem 
Auge, lobsam und lieblich, wohin mau blicken mag; auch 
daneben eine Zukunft voller Freuden und Ehren. Neiden wird 
man Dich und sich vor Dir beugen! In Stolz und Glanz 
wirst Du wandeln, und mein Segen tvird bei Dir sein. Habe 
ich doch Keinen als Dich, und bist Du doch das Wohlgefallen 
meines Alters. O, Du garstiges Mädchen! Bringe keine 
Schande, keinen Gram über mich und Dich, sondern laß uns 
jubeln und uns freuen. 
Er schloß mich in seine Arme und bat mich zärtlich, nicht 
länger ihm Kuminer zu bereiten, als ich aber immer wieder 
neue Einwendungen machte und darauf bestand, daß ich Du- 
moulin nicht verlaßen könne, gerieth er von Neuem in Angst 
und Aergerniß. 
Man ist eine undankbare Creatrir! schrie er, mit beiden 
Händen in seine Perrücke fahrend. Man gehe sofort in seine 
Kammer und komme mir nicht eher wieder vor die Augen, 
bis man vernünftig gctvvrdeu ist. O, Herr mein Gott, steh' 
uns bei und rette uns aus diesem Elend! Was soll entstehen 
wenn der treffliche Herr von Element dies erfährt? llnd der 
König! der König! Hebe Dich weg von mir und bete, daß 
der Herr Dich erleuchten und bessern möge. 
6. 
So wurde ich von ihm entlassen und so gelangte ich in 
meine Kammer, wo ich unter Thränen, Zorn und Furcht 
meine Stunden verbrachte. Bald behielt mein Trotz die 
Oberhand, bald wollte ich fliehen, bald Clement Alles gestehen 
und seinen Edelmuth anrufen, bald wieder bei Dumoulin 
Schutz und Hilfe suchen. Dabei blieb ich endlich stehen. 
Wenn er mich liebte, würde er geduldig bleiben? Würde er 
nicht Alles aufbieten, um mich zu befreien? Wer sollte es 
thun, wenn er es nicht that? — Und ich zweifelte nicht daran, 
seine Kühnheit, seine Entschlossenheit, seine mächtigen Gönner, 
lind selbst des Königs Gunst, Alles vereinigte sich, mir Glauben 
einzuflößen. Ja gewiß, er konnte nicht säumen. Meine Hoff- 
nlingen wuchsen auf lvie Frühlingsknospen, ich brannte vor 
Ungeduld, ihn von meiner Lage in Kenntniß zu setzen. 
Inzwischen war es Abend geworden, und wo sollte ich 
ihn finden? Mich aus dem Hause schleichen in die Nacht 
hinaus, in seine Wohnung, ivar etwas so Unerhörtes, daß 
ich selbst in meiner Fieberangst davor zurückschauderte. Kein 
ehrbar Frauenzimmer wagte sich in der Dunkelheit allein auf 
die Straße, auch hielten Patrouillen jede fest, welche sie 
fanden; ich konnte jedoch an ihn schreiben, und meine Bitten 
und Bestechungen waren wohl im Stande, den alten Gottfried 
zu bewegen, sogleich und heimlich meineit Brief zu bestellen. 
Mit Ungestüm ergriff ich diesen Ausweg und bald saß ich vor 
einem Bogen Papier, den ich von Anfang bis Ende mit der 
Geschichte meines Schicksals füllte. Ach! helfen Sie mir, 
helfen Sie mir inein liebster Schatz! schrieb ich zuletzt, damit 
ich nicht gezwungen werde, den Herrn von Clement zu nchmeir. 
Er ist zwar ein schöner und edler Herr, hat auch mit vieler 
Liebenswürdigkeit mich behandelt, aber ich ziehe mir doch 
meinen herzliebsten Schatz vor und will ihm treu sein, mag cs 
mir gehen, wie es will. Kommen Sie nur und sagen Sie 
mir, daß ich treu beiden soll, so will ich nicht wanken. Wenn 
die ganze Welt gegen mich aufsteht, so will ich doch Nein 
sagen bis zu meinem letzten Ständlein. 
Als ich fertig war, kam Freude über mich, denn ich fühlte 
mich nicht mehr verlassen, und eilig lief ich hinab und suchte 
den alten Diener auf unb brachte ihm mein Anliegen vor. 
Ich hatte dem alten Manne mancherlei Gutes gethan, dafür 
war er mir gewogen. Nun drückte ich ihm einen Thaler in 
die Hand, das einzige große Geldstück, das ich besaß, unb 
schmeichelte ihm vertraulich dabei- Ich wollte es ihm immer 
lohnen, wenn er mir den Brief bestellte und Antwort brächte, 
doch Niemand dürfte etwas merken, kein Mensch erfahren, 
wohin er ginge. 
Er nickte mir treuherzig zu und verzog sein Gesicht. 
Kann's mir schon denken, sagte er, sei die Jungfer ohne Sorge, 
ich tvill's ihr schon wohl machen. Gleich kann ich nicht fort, 
aber so bald es angeht, soll's geschehen, die Antwort bring' 
ich mit, ich will sie schon verbergen. 
So konnte ich denn freudig die Treppe hinaufspringen, 
und oben in meiner Kammer schlug ich meine Hände zu- 
samineu und meine funkelnden Augen schauten dankbar zum 
Himmel auf, der voll glänzender Sterne hing. Sie strahlten
        
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