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Periodical volume 14. Juli 1883, Nr. 42

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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Farbenfrische noch nach langen Jahren — 1857 sah ich ihn zuletzt 
und hörte Worte liebender Theilnahme aus seinem lieben Munde 
— vor meiner Seele, und ich bin dessen gewiß, viele seiner Schüler 
werden sympatisch dem zustimmen. 
Da liegen vor mir zwei schon etwas vergilbte Zeitungsblätter 
von 1858: Die erste Beilage der Vossischen Zeitung zu Nr. 88 
und die Beilage der Spenerschen Zeitung zu Nr. 93, beide Ne 
krologe Dehn's enthaltend und von liebender Hand getreulich auf 
bewahrt. Jmer ist von L. R. (Ludwig Rellstab) unterzeichnet und 
dieser vom Freiherrn von Ledebuhr. 
Siegfried Wilhelm Dehn war am 25. Januar 1799 zu Al 
tona geboren. Sein Vater war ein reicher Bankier. 1819 bezog 
er die Universität Leipzig, um Jura und Humaniora zu studiren. 
Auch bildete er sich hier theoretisch und praktisch in der Musik, in 
welcher er im elterlichen Hause durch einen eigenen Musikmeister 
einen tüchtigen Grund, besonders auf dem Cello, gelegt hatte, 
weiter aus. Nach der Universitätszeit machte er Reisen und ließ 
sich dann in Berlin nieder, wo er privatisirte und in der Musik 
besonders durch den Umgang mit Bernhard Klein gefördert wurde. 
1830 verlor er durch die Zeitereignisse sein bedeutendes Vermögen 
und sah sich nun angewiesen, sein Fortkommen zu sichern. Er 
wählte die Musik zu seinem Lebensberuf und machte 1831 einen 
Kursus bei L. Klein durch, der aber nur 19 Lehrstunden umfaßte, 
nach welchen der Lehrer erklärte, er könne ihm nichts mehr lehren, 
und ihm durch seine Empfehlung eine große Anzahl von Schülern 
verschaffte, von denen wir nennen: Glinka, Rubinstein, Fr. Aug. 
Reissiger in Norwegen, Konst. Decker/ M. Blumner, H. Ulrich, Fr. 
Kiel, Theod. Kullak, Organist Haupt, B. Scholz. Mit Fötis und 
Kiesewetter trat er in musikwissenschaftliche Verbindung, und durch 
seine Schriften auf ihn aufmerksam gemacht, ernannte ihn die 
König!. Behörde 1842 zum Kustos der musikalischen Abtheilung 
der König!. Bibliothek in Berlin. Was er als solcher geleistet, 
das gehört der Geschichte der Musikwiffenschaft an. Aus einem 
Chaos schuf er durch einen wissenschaftlichen Katalog Ordnung und 
es war hoch intereffant, ihn darüber Details erzählen zu hören. 
Er beherrschte dies Gebiet vollkommen als ein Meister. Damals 
gab es auf der Welt nur ein paar Männer, welche die alten Mu 
sikzeichen lesen konnten. Dehn hat vieles aus der alten Musik 
herausgegeben. Der König!. Bibliothek hat er ein Prachtwerk ge 
schenkt, das ich mit Entzücken gesehen habe: Die älteste durchweg 
5stimmige Oper, in die jetzige Musikschrift von ihm übertragen 
und mit Zeichnungen, getreu nach den Originalen von seiner 
Schwägerin kopirt. Wahrlich er hatte ein Recht zu dem befrie 
digten Lächeln, mit welchem er einem für würdig befundenen 
Schüler solche Schätze vorlegte. 
Dehn's Harmonielehre brach völlig neue Bahnen durch die 
Akkordlehre und durch die musikgeschichtliche Grundlage, die im 
Großen und Ganzen seine persönlichste Schöpfung war. Dieses 
Werk unter seiner persönlichen Leitung durchzuarbeiten, das er 
forderte eine bedeutende Anstrengung und mancher verschwand nach 
einigen Lektionen auf Nimmerwiedersehen. Solche Leute konnte 
Dehn auch nicht gebrauchen. Wer aber aushieltsund Ernst machte, 
der lernte ihn kennen, den Meister der eisernen Strenge im antiken 
Satz, der aber kein Pedant war, sondern in seiner genialen Weise 
der Individualität des Schülers Rechnung trug. Wunderbar 
gütig war sein Verkehr mit den Knaben im Domchor während 
seiner Lehrthätigkcit an demselben, die leider nur kurz war und 
sein konnte, weil es nicht Art hatte, daß er als Zweiter neben 
einem Manne stand, der praktisch tüchtig war, aber doch von ihm 
unendlich überragt wurde. Uns Knaben im Domchor stand er da 
als das Ideal eines ganzen Mannes, vor dem wir einen Respekt 
fühlten, der ehrfurchtsvoller Art war, und den wir doch so heiß 
liebten, daß wir für ihn durch's Feuer gegangen wären. Im 
Sommer machte er mit den besten Choristen eine Landpartie, wo 
bei er der Vater und Gastgeber war und wo in fröhlicher Lust 
ein Sonnentag uns aufging, der noch heute unvergeffen ist. 
Rellstab sagt von ihm: Er war ein Charakter von seltener 
Selbstständigkeit und beharrlicher Kraft; unerschütterlich treu seinen 
nächsten Freunden und Verbundenen, wohlwollend durch Rath und 
That gegen Alle, die bei ihm darum nachsuchten. In dankbarer 
Erinnerung möchte ich dem noch etwas hinzufügen. Er war so 
edel und freigebig, daß er bei vertrauten Schülern nicht erst war 
tete, bis sie ihn baten. Als einer von ihnen ihm den Tod seines 
Vaters, welchen Dehn sehr schätzte, meldete, da fragte er tief be 
wegt : „Habt ihr auch das Geld zum Begräbniß?" und wahrlich, 
er wäre bereit gewesen, es ganz zu geben, wenn es gefehlt hätte. 
Ein solcher Zug giebt ein Bild seines warmen, gütigen Herzens. 
Wo er Talent bei einem Knaben oder Jüngling sah, da bot er 
seinen kostbaren Unterricht ohne Honorar an, während ein Mensch, 
der nicht Lust hatte, etwas zu thun, vergeblich suchte, sich seine 
Generalbaß-Lektionen zu erkaufen. Es leuchtete hier ein idealer 
Zug lieblich durch sein ganzes Wesen hindurch. In rührender 
Weise tritt sein väterliches Lehrerherz uns in dem Verhältniß zu 
dem russischen Komponisten Glinka entgegen. Ich erinnere mich, 
daß er mir einmal mit leuchtenden Augen eine Komposition dieses 
Schülers zeigte und sein Lob, mit dem er nicht sehr freigebig war, 
in das knappe Wort kleidete: „Das ist was!" Glinka trieb immer 
wieder kontrapunktische Studien bei Dehn. Im Winter vor des 
Lehrers Tode, kam er noch einmal nach Berlin und hier pflegte 
Dehn den längst gereiften Schüler auf dessen Sterbebett und ord 
nete liebevoll seinen Nachlaß. 
1849 wurde Dehn zum Profeffor ernannt. Eine Reihe von 
Reisen nach Wien, München und Italien, die er in amtlichem 
Aufträge unternahm, lieferte reichliche Ausbeute durch Erwerbung 
von Manuskripten re. 
Aus den glücklichsten Familienverhältnissen wurde er am 
12. April 1858 ganz plötzlich abgerufen. Ein Schlagfluß raffte 
ihn dahin, dessen eiserner Körper bis dahin jeder Arbeit gewachsen 
gewesen war. An seinem Grabe war die musikalische Welt von 
Berlin wohl vollzählig erschienen. Ueber die Gruft klangen die 
lieblichen Töne des Domchors. Sein Andenken aber bleibt unter 
seinen Schülern und Freunden im Segen. — 
Misretlen. 
Zum Mau der Kurfürlkcndamm-Straße. Dem „Berlin Charlotten 
burger Bauverein" ist eine Cabinets-Ordre des Kaisers zugegangen, welche 
derselbe noch vor seiner Abreise nach Ems vollzogen hat. Dieselbe ent 
halt die lang ersehnten Bestimmungen über die anzulegenden Promenaden, 
Reitweg, Fahrdämme, Borgärten und Straßenbahngeleise auf dem Kur- 
fürstendamnl. Die Ausführung sämmtlicher Arbeiten einschließlich der 
Bahngeleise wird von der Kurfürstendamm-Gesellschaft so gefördert werden, 
daß die Avenue im nächsten Frühjahr dem Verkehr übergeben werden 
kann. Mit den Befestigungsarbeiten soll dort sofort vorgegangen werden 
und zwar derart, daß von den beiden den in der Mitte der Straße be- 
legenen Reitweg flankirenden Fahrdämmen der nördliche gut gepflastert 
wird, während in der Mitte des südlichen Fahrdammes eine 5,5 Meter 
breite Basalt-Chaussee zwischen 2 je 1,75 Meter breiten Pflasterstreifen an- 
gelegt wird. Man beabsichtigt demnächst eine Polizeiverordnung zu extra- 
hiren, durch welche das Befahren der Chaussee für schweres Fuhrwerk 
untersagt wird. Die Pferdebahngeleise sollen sofort mit eingelegt 
werden. Wesentlich maßgebend für die Beschleunigung der Arbeiten auf 
der bezeichneten Strecke waren die Wünsche des Berlin-Charlottenburger 
Bauvereins, dessen Neubauten zwischen dem Kurfürstendamm und dem 
Bahnhof Grunewald eifrigst gefördert werden. Anknüpfend hieran 
theilen wir aus der ersten, ordentlichen General-Versammlung der 
„Kurfürstendamm-Gesellschaft", welche von dem Aufsichtsraths- 
Vorsitzenden Herrn Dr. G. Siemens geleitet wurde, nachstehendes 
nach dem Berichte mit, welchen „die Post" brachte. Es waren 
916 000 M. Kapital mit 227 Stimmen vertreten. Herr Dr. Siemens 
konstatirte zunächst, daß die Eintragung der Gesellschaft in das Ge 
sellschafts-Register erfolgt und daß die Gesammtheit der Aktien und 
Obligationen voll eingezahlt sei. Zum ersten Punkt der Tagesordnung 
erstattete Herr Dr. Siemens selbst den Bericht über die Organisation und 
gegenwärtige Geschäftslage der Gesellschaft. Es sei ein Grundstücks- 
Komplex am Kurfürstendamm von 150000 gm für etwas über 2 Mil-
        
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