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Volume 7. Juli 1883, Nr. 41

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

„Train-Magazin" fast ganz unbebaut. Doch war die „Schwimm- 
Anstalt" (die sogenannte Pfuel'sche) auch schon vorhanden. 
Als ich der Grundsteinlegung von Bethanien, die der hochse 
lige König Friedrich Wilhelm IV. persönlich vollzog, als Knabe 
im Domchor beiwohnte, da lag der Bauplatz noch mitten aus 
freiem Felde, und wir fanden mit Mühe den Weg dahin. Heute 
ist Bethanien auf allen Seiten von bewohnten Straßen einge 
schlossen. Diese Thatsache zeigt besonders anschaulich den Unter 
schied von 1835 und 1882. 
Jetzt noch Einiges über das Innere der Stadt. Die Char 
lottenstraße reichte damals nur bis zur Kochstraße. Wo jetzt die 
Fortsetzung bis zum Enke-Platz geht, da lag damals der Rans- 
leben'sche Garten mit einem Teich, auf dem wir Schlittschuh liefen. 
Die Besselstraße existirte noch nicht. Die Sternwarte befand sich 
Dorotheen- und Charlottenstraßen Ecke.*) 
Sonst hat sich in der Friedrichstadt an Straßen nichts ge 
ändert. An das frühere Haus Friedrichstraße 200, Ecke der Krau 
senstraße knüpft sich folgende mündliche Tradition über Friedrich 
Wilhelm 1. Es wohnte dort ein Garkoch Namens Külo, ein 
überaus schmutziger Mann. Als er eines Tages in seinem schmie 
rigen Kochkostüm vor der Thür stand, kam der König vorüber. 
„Was ist Er?" „„Ew. Majestät, ich bin Koch."" „Eine 
Sau ist Er." Damit sauste der königliche Rohrstock auf die Schul 
tern des Schmierfinken nieder. Sehr oft jagte man ihn später, 
wenn er vor der Thür stand, in die Flucht durch den Ruf: „Külo, 
der König kommt!" Die Nachbarschaft sagte von ihm: Koch Külo 
schlägt die Laus mit der Kelle todt. 
Noch eine mündliche Tradition über denselben König. Er 
liebte es nicht, daß Berliner Bürger den militärischen Uebungen 
zusahen. Er hielt das für eine Zeitvergeudung. Eines Tages 
spazierten einige Bürger im Sonntagsanzug die Wilhelmstraße 
entlang, um vor dem Halleschen Thor dem Exerziren zuzusehen. 
Plötzlich erscheint in der Ferne der König. Sie flüchten sich in 
einen Neubau, werfen die Röcke ab und fangen an fleißig zu 
karren. Der König betritt den Neubau. Handlanger in Sonn 
tagshosen hatte er noch nicht gesehen. 
„Wer seid ihr?" „„Majestät, wir hellen unserem Nachbar 
beim Bau."" „Das ist hübsch. Wenn ich zurückkomme, werde ich 
euch noch sprechen." Sprach's und ritt davon. So nagelte er die 
neugebackenen Handlanger fest. An dem Tage muß er aber eine 
besonders gute Mütze aufgehabt haben, sonst hätte es doch etwas 
gesetzt. 
Zum Schluß noch eine liebliche Erinnerung aus der Gegend 
der Wilhelmstraße. Da lag Einer krank, der ganz allein stand. 
Seinem Arzt fiel es auf, daß im Krankenzimmer alles so sauber 
und ordentlich war, während er doch nie einen Menschen außer 
dem Kranken zu sehen bekam. Er fragte. Der Kranke wollte 
lange nicht mit der Sprache heraus. Endlich gestand er: „Der 
Prediger Jänicke von der böhmischen Kirche kommt jeden Morgen, 
fegt mir die Stube aus und macht mir das Bett." — Möge 
dieser Geist barmherziger Lieb« wie im alten, so im neuen Berlin 
fortleben von Geschlecht zu Geschlecht! 
Miscelltn. 
Pcntlch-Sellerreichische Ausstellung für 1885 in Merlin. Be 
züglich einer für das Jahr 1885 projektirten deutsch-österreichischen 
Ausstellung schreibt man der Voss. Ztg.: Augenblicklich circulirt bei 
den maßgebenden Persönlichkeiten eine Liste behuss Vorbereitung einer 
deutsch-österreichischen Ausstellung kunstgewerblicher Gegenstände in Berlin, 
welche für das Jahr 1885 in Aussicht genommen worden ist. Vertreter 
der hohen Aristokratie, der Kunst und der Kunstwissenschaften, welche 
gute Fühlung zu haben pflegen, sind denn auch für ein solches Unter 
nehmen eingetreten, welches vor Allem den vortrefflichen Beziehungen 
dieser beiden großen Nachbarländer seinen Ursprung zu verdanken hat. 
Eine hauptsächlich von Dtünchen aus recht warm empfohlene Weltaus 
stellung ist trotz der Sympathien, die dieselbe auch hier Dank der Be 
mühungen der Kaufmannschaft und des Handelsstandes gefunden, vor 
läufig nicht beliebt worden, da dem Anscheine nach weder das Reich noch 
auch die betheiligten industriellen Kreise das Risiko einer würdigen aber 
kostspieligen Internationalen Industrieausstellung in Berlin zu tragen 
geneigt sind. Der bedeutende Aufschwung des deutschen Kunstgewerbes, 
wie er in den letzten Collektivausstellungen des Kunstgewerbemuseums 
durch die Silbergeräthe für den Prinzen Wilhelm und durch zahlreiche 
andere kunstreiche Arbeiten bekundet wurde, läßt es als wünschenswerth 
und Vortheilhaft erscheinen, auf diesem Spezialgebiete eine erste Fachaus 
stellung zu versuchen. Dem Auslande gegenüber ist ein derartiger Beginn 
jedenfalls zweckmäßig, weil die ganze Anordnung und Einrichtung einer 
kunstgewerblichen Ausstellung große Mannigfaltigkeit und eine vortreffliche 
Gelegenheit zur Entfaltung von Geschmack und künstlerischem Geschick zu 
bieten geeignet ist. Baurath Heyden, der geniale Schöpfer so mancher 
besten Leistung der Neuzeit, soll, wie man hört, mit der Aptirung und 
Einrichtung des LehrterBahn Hofes betraut werden, wenn höheren Ortes 
der Plan einer Verbindung dieses Bauwerkes mit den Pavillons der 
Hygiene-Ausstellung die Genehmigung findet. In dieser Angelegenheit 
soll demnächst eine Versammlung von Angehörigen des deutschen Kunst 
gewerbes stattfinden, um im Interesse des Letzteren auf die Erweiterung 
der geplanten Spezialausstellung zu einer Internationalen hinzuwirken. 
Man befürchtet nämlich, daß bei den ziemlich bestimmt entwickelten Be 
ziehungen zwischen Deutschland und Oesterreich durch die Ausstellung der 
Absatz nach dem letzteren Lande nicht besonders gehoben werde, während 
für Amerika, Frankreich, England und Italien dies weit eher der Fall 
sein dürfte. 
Eduard Ilaege, der langjährige Vice-Direktor der Berliner Akademie 
der Künste, ist am 6. Juni d. I. aus diesem Leben geschieden. Am 
10. April 1805 in Berlin geboren, hat er das hohe Alter von achtund 
siebzig Jahren erreicht, freilich schon längst nicht mehr in der Kunst 
schaffend thätig, weshalb an den Künstler auch nicht der Maßstab des 
Ranges gelegt werden darf, den er unter den heut der Malerei obliegenden 
Zeitgenoffen einnahm. Daege gehörte der anspruchslos auftretenden 
älteren Berliner Malerschule an, welche vorzugsweise die Staffelmalerei 
übte und der großen Monumentalmalerei fern blieb; ihr Jdeenkreis war 
nicht weit, aber ihr Schaffen war ein ernstes, tüchtiges und gewissenhaftes, 
. das eindringlich zu den Herzen der Zeitgenossen sprach. Auch Daege's 
! Bilder zeichnen sich weniger durch geistreiche Erfindung, als durch ange 
messene Komposition, sorgfältige Ausführung und feine Empfindung aus. 
Nachdem er den ersten Unterricht durch Johann Gottfried Niedlich er 
halten, trat er in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts in die 
Schule des 1787 zu Berlin geborenen Historienmalers Karl Wilhelm Wach 
ein, seit 1819 Professor an unserer Akademie und 1841 Vice-Direktor 
derselben, ausgezeichnet als religiöser und Portraitmaler. Von ihm rühren 
als früheste Arbeit die Deckengemälde im Konzertsaal des Schauspielhauses 
her; ausgezeichnet ist sein Kniestück der Prinzessin Marianne, welches der 
j König der Stadt Amsterdam schenkte; ein anderes seiner Meisterwerke, das 
! große Madonnenbild, welches er 1827 für die Prinzessin Friedrich der 
Niederlande malte. Wach starb am 25. November 1845 zu Berlin; sein 
Schüler Daege machte fich nach einer 1832 mit dem Maler Ed. Biermann 
unternommenen Reise nach Italien schnell einen Namen durch sein an- 
muthiges und stilvolles Bild: „Die Erfindung der Malerei" und schuf 
dann eine Reihe von Altarbildern für eine Kirche in Rostock, in Kyritz, 
für die protestantische Kapelle in Marienbad, für die katholische Kirche in 
Sigmaringen u. s. w. Von seiner Hand rühren ferner sechszehn Engels 
gestalten und die Geburt Christi in der Schloßkapelle zu Berlin her, 
ebenso war er bei der Ausmalung der Halle des Museums thätig. Zu 
seinen bekanntesten Gemälden gehört der in der Berliner Nationalgalerie 
befindliche Meßner, welchen ein Knabe durch das Wasser geleitet, ein 
Pendant zu dem „wohlthätigen Mönch." Vielfach durch Stahlstich und 
Lithographie vervielfältigt und ehemals ein beliebter Wandschmuck der 
Zimmer, namentlich in Berlin, sind außerdem Daege's „Zuflucht zum 
Altar," „Einkleidung einer Nonne," „das Weihwasser," „Krankenbesuch 
der heiligen Elisabeth" u. s. w.; für die Glasgemälde des Domchors in 
Magdeburg entwarf er die Kartons. Seit dem Jahre 1835 war der 
liebenswürdige Künstler ordentliches Mitglied der Akademie, deren Vice- 
, Direktor er 1861 nach dem Tode des Professors Herbig wurde. Seit 
1838 war er Lehrer an der Antikenklaffe, wurde 1852 in den Senat ge 
wählt und trat 1873 in den Ruhestand; auch war er Mitglied der K. K. 
Akademie zu Wien. Daege's Andenken wird, namentlich in Berlin, nicht 
verlöschen. H. S—n. 
Schloßapotheke. Das königl. Hosmarschallanit hat dem Magistrat 
mitgetheilt, daß der Kaiser mit einer theilweisen Beseitigung der Schloß 
apotheke behufs Herstellung der Kaiser Wilhelmstraße sich einverstanden 
erklärt habe. Als Preis für den an die Stadtgemeinde abzutretenden 
Theil der Apotheke werden 540 000 Mk. beansprucht, was dem Preise 
von ca. 6000 Mark pro Ou.-Ruthe entsprechen würde. 
*) Vgl. Bär 1882 Nr. 24. 
Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Emil Dominik in Berlin w. — Verlag von Gebrüder Partei in Berlin W. — 
Druck: W. Moeser Hofbuchdruckerei in Berlin 8. — Nachdruck ohne eingeholte Erlaubniß ist untersagt.
	        
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