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Volume 3. März 1883, Nr. 23

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

Jahre 1348 die Frankfurter den Bayern ihre Thore und ließen 
sich getrost von der Macht des lützelburgischen Kaiser Karls ein 
schließen. Es sah ja traurig genug aus in der getreuen Stadt. 
Die Glocken Frankfurts waren lange, lange verstummt; denn da 
durch, daß die Frankfurter im Jahre 1326 mit dem Vogte Erich 
von Wulkow gegen den Bischof Stephan II. von Lebus gezogen 
waren, ihn gefangen genommen und seine Residenz Göritz ver 
brannt hatten, waren sie in den Bann der Kirche gerathen. Sie 
scheuten ihn nicht, die kühnen und treuen Männer. Zu jedem 
Opfer waren sie für ihren Markgrafen bereit, denn in dem wittels- 
bachischen Fürsten hatten sie den Vorkämpfer für die Geistesfreiheit 
der Nation erblickt, für deren Unabhängigkeit von Rom ihnen 
selbst das Herz so begeistert schlug. Was verdankte Ludwig nicht 
Alles allein dem Wirthe, bei welchem er in Frankfurt wohnte, 
dem reichen Goldschmiede Bruno, und den edlen Geschlechtern von 
Niemegk, von Petersdorf, Wale und Hokemann! Nicht die Noth 
des drangvollen Kampfes, nicht die furchtbaren Verwüstungen 
ihrer Lehngüter draußen, ja selbst nicht die entsetzliche Gottesgcißcl, 
der „schwarze Tod", welcher in ihren Mauern wüthete, vermochte 
die sreiheitsstolzen Bürger zu demüthigen. Es sind beredte Zeugen 
jener Tage die Bannbriefe Roms, welche uns erhalten sind und 
Frankfurt besonders angehen. In 
denselben heißt es: „Wir", — 
nämlich der Bischof Guaffred 
von Carpentras im Namen des 
Papstes Klemens VI. — „bannen 
und excommuniciren sämmtliche 
Einwohner von Frankfurt aus 
dem Rathe und der Bürgerschaft, 
Wilke Myrow, Petze Löwe, Volk 
mar von Sagan, Hermann Hahn, 
Johann Baumgarten, Wilhelm 
von Landsberg, Niklas und Konrad 
sowie Henning de Hokemanne, 
Johann und Henning von Lichten 
berg, Lorenz Bayer, Bartholo 
mäus Halbpfaffe, Wigand List, 
Heinrich von Angermünde, Jo 
hann von Petersdorf, Tilo List, 
Betke Wale, Johann Eckmann, Johann List, Johann von Jesar 
und alle Menschen von allerlei Geschlecht, Alter und Stand in 
Frankfurt." Als Heinreich von Angermünde, Johann von Peters 
dorf und Tilo List starben, durften ihre Körper nicht begraben 
werden; ja, die im Banne verschiedenen Frankfurter Johann 
Winter, Johann und Henning von Lichtenberg, Hermann Hahn, 
Johann von Belkow, Lorenz der Pole, Niklas Wiemann, Hermann 
Koch, Jakob Salzmann, Niklas der Schulze von Dolgelin und 
Betke Wale sollten ausgegraben werden, denn auch mit den 
Todten führte die römische Kirche noch Krieg. Die Buße der 
Stadt, falls sie ihren religiösen Frieden wieder erkaufen wollte, 
ward auf nicht iveniger denn 12 000 Mark Silbers festgesetzt! 
Die Franziskaner, welche während des Bannes in dieser „ver 
dammten Stadt" den Gottesdienst gehalten hatten, hätten zwar, 
so sagt der lange Bannbrief, den Zom des Himmels in vollem 
Maße verdient, denn sie sind abgehalten von Gott, — indeß, 
aus großer väterlicher Milde will der Papst ihnen verzeihen, 
wenn sie die Sitze der Ungerechtigkeit verlassen. Aber die Franzis 
kaner blieben und hielten aus; die Bürger verzagten nicht trotz 
des schwarzen Todes, und endlich, selbst furchtbar von der Seuche 
heimgesucht, zog noch im Herbste 1348 das Belagerungsheer von 
Frankfurt ab, ohne den falschen Waldemar in die hohen Mauern 
eingeführt und die frciheitsstolze Stadt gedemüthigt zu haben. 
Aber erst 1354, nachdem die Bürgerschaft 28 Jahre im Banne 
gelegen hatte, erfolgte die Lossprechung der Frankfurter. Vermuth 
lich in diesem Jahre ist zur Sühne ihrer sicherlich oft schweren 
Thaten von den Patriziern der Stadt die Kapelle am nördlichen 
Kreuzarme zu St. Marien aufgeführt worden. Treuer als Frank 
furt an der Oder — das darf mit vollem Rechte behauptet 
werden — hat selbst einst nicht das kaiserliche Speyer zu dem 
unglücklichen Heinrich IV. gestanden in dessen tiefster Noth. 
Ja, es war eine mannhafte und ritterliche Bürgerschaft, welche 
hinter den hohen Mauern der Stadt wohnte! Das erfuhren nach 
mals die Hussiten und ihr Heerführer Prokop, deren Sturm aus 
Frankfurt ebenfalls mißlang, das der Herzog Hans von Sagan, 
welcher im Jahre 1477 vor Frankfurt erschien, um von dem Mark 
grafen Albrecht Achilles die Herausgabe schlesischer Landestheile zu 
erzwingen, welche durch Erbvergleich, wie er meinte, widerrechtlich 
an Brandenburg gefallen waren. Der abenteuerliche Zug der 
Plasten mißlang. Später, als der tolle Herzog durch sein wunder 
liches Treiben Land und Leute verloren hatte, erbat er sich von 
seinem einstigen Gegner auf dem Schlachtfelde, dem Kurfürsten 
Johannes Cicero, die Erlaubniß, sich in Frankfurt niederzulassen, 
da Niemand ihn hegen und pflegen wollte. Wenn auch nur un 
gern, die Frankfurter nahmen den Fürsten bei sich auf. Arm und 
elend lebte der Vertriebene bis zum Jahre 1500 in einer dürftigen 
Miethswohnung zu Frankfurt, 
dem Spotte der Kinder ausgesetzt, 
welche ihm in Erinnerung seiner 
durch den berüchtigten heißen 
Brei abgeschlagenen Bestürmun 
gen Drossens und der Oderstadt 
selbst zuriefen: 
„Herzog Hans ohne Leut und Land 
Hat sich vor Dressen und Frankfurt 
das Maul verbrannt!" 
Dann zog der vertriebene 
Herzog, ein bußfertiger Pilgrim, 
nach Rom, Vergebung seiner 
vielen Sünden zu erlangen, 
welche er als kecker Reitersmann 
in guten Tagen begangen hatte. 
Im Jahre 1504 ist er im Elende 
verkommen. 
Anders aber als das heldenmüthige Frankfurt des Mittel 
alters tritt uns, von furchtbaren Kriegesstürmen heimgesucht, von 
Kaiserlichen, von Schweden, Ruffen, Oesterreichern und Franzosen 
besetzt, das Frankfurt der neueren Zeit entgegen. Es ist bewun 
dernswürdig, mit welch' zäher Lebenskraft die ehrwürdige Stadt 
all' diese Stürme der Kriegeszeiten ausgehalten und ertragen hat. 
Langsam genug blühte sie freilich seit den zwanziger Jahren unseres 
Säkulums wieder auf; aber Gott Lob! sie sind überwunden, die 
schweren Zeiten, und unter ausgezeichneter Verwaltung erfreut die 
ehrwürdige Handelsempore an der Oder sich einer erneuten Be 
deutsamkeit, welche freilich den alten Glanz der Waffen und des 
Handels vermissen läßt. Wohl hat sie ihre Universität, von 
welcher wir die wichtigsten Nachrichten dem Leser in einem beson 
deren Aufsatze mitgetheilt haben, verloren; aber der Hauch eines 
! regen geistigen Lebens und ein warmes Interesse für Kunst und 
: Wissenschaft, von welchem auch manche Vereinigungen zur Pflege 
der geistigen Sphären des Lebens Zeugniß ablegen, ist dem Ver 
fasser dieses stets entgegengetreten, so oft derselbe zu Frankfurt 
verweilt hat. 
Doch noch ein Bild aus trübster, drangvollster Zeit, ein Bild 
voll tiefen Elendes, aber auch hohen, leuchtenden Heldenthums! 
Es war im April 1631. Zu Frankfurt standen innerhalb und 
außerhalb der starken Befestigungen die kaiserlichen Regimenter 
Schaumburg, Hardcck, Fernamont, Waldeck, Heyden, Torquato 
! Conti, Liechtenstein, Buttler, Marzahn, Montecuculi, Sparr und 
Das Rathhaus zu Frankfurt a. ®.
	        
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