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Periodical volume 7. Juli 1883, Nr. 41

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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habe ich Geld nöthig, und wenn Sie, mein Herr Chevalier, 
mir auf mein Ehrenwort zwanzig Pistolen vorstrecken könnten, 
würde ich dies als einen großen Dienst betrachten. 
Gerne soll es geschehen, antwortete Herr von Clement. 
Begleiten Sic mich in mein Zimmer, oder — er hielt inne, 
denn der Baron lachte laut ans. 
Ich will nicht mit Ihnen gehen, sagte er, denn Ihre 
Frömmigkeit könnte in Gefahr gerathen, wenn mich der hoch- 
würdigste Hofpredigcr witterte. Ich verabscheue überdies 
diese» gleißnerischcn alten Burschen, der wie ein echter Pfaffe 
Alles gut heißt, wobei er seinen Vortheil zieht. Bei alledem 
aber sind Sie zu beneiden, mit der hübschen Nichte beisanunen 
zu wohnen. 
Es ist ein artiges Mädchen, antwortete Clement. 
Ein Schätzchen zum Lieben und dabei eine Erbin. 
Ist der Hofpredigcr reich? fragte Herr von Clement. 
Glauben Sie, daß man umsonst so viele Jahre inbrünstig 
so vielen Herren dient? lachte der Fremde. Er nimmt, wo 
er es bekommen kann, und geizig ist er auch. Nicht weuig 
Geld hat er auf die neuen Häuser ausgeliehen, welche der 
König mit Gewalt erbauen läßt, und dainit erwirbt er nicht 
allein hohe Zinsen, sondern das besondere Wohlgefallen feines 
geizigen Herrn, der selbst nichts geben will. 
Herr von Clement schwieg einen Augenblick und sagte 
dann: Ich bringe Ihnen morgen die zwanzig Pistolen mit, 
Herr Baron von Hcidekainm. Jetzt gute Nacht und meinen 
besten Dank für alle Ihre intereffanten Mittheilungen. 
Sie sollen noch ganz Anderes erfahren, mein Lieber, 
versetzte der Baron. Sie sollen diese preußische Wirthschaft 
kennen lernen, ich will Ihr Führer sein. Ans mein Wort! es 
soll Ihnen nichts entgehen. 
Er faßte ihn unter den Arm und sie entfernten sich beide 
und gingen nach der Gartenthür. Jetzt schlüpfte ich aus 
meinem Versteck, erreichte den Hof und das Haus und endlich 
unbemerkt auch meine Kammer, aus der ich mich nicht wieder 
entfernte. 
5. 
Am folgenden Tage kam der König. Er kam ganz 
allein am Nachmittage, als cs schon dämmerte, und ich sah, 
wie Herr von Clement ihn empfing und ihn dann in sein 
Zimmer führte, wo er lange Zeit mit ihni allein blieb. Es 
wäre nicht sehr schwer gcwcseir, aus dem Versteck sie zu be 
lauschen, den ich gestern untersucht hatte, aber ich scheute mich 
davor, eben sowohl weil cs eine schlechte Handlung tvar, als 
tveil Dumoulin mich so dringend gebeten, fern zu bleiben 
von Allem, was diesen Mann beträfe. Ich hatte mich hierin 
auch schon den ganzen Tag über geübt, denn ich machte mir 
häusliche Geschäfte, ging ihm aus dem Wege und behandelte 
ihn sichtlich gleichgültiger, als es bisher der Fall gewesen. 
Er mochte denken, daß dies die Folge seines Ausbleibens am 
vergangenen Abende sei, und daß ich ihm mein Mißfallen 
darüber merken lassen wollte; denn er entschuldigte sich mit 
Wehklagen, daß einige Personen ihn festgehalten hätten, 
denen er nicht entkommen konnte, war aber doch gewiß heim 
lich vergnügt über mein Schmollen, welches er sich zmn Besten 
deutete. 
Ich ließ mich dadurch nicht abhalten, mich gemessen und 
beschäftigt zu benehmen, und den ganzen Tag über glückte 
es ihm nicht, mir näher zu kommen. Als nun der König ihn 
besuchte, war ich mit meinem Onkel allein, der jedesmal in 
der Nähe seines gewaltigen Herrn in eine Art gelinden Fieber- 
zustand versetzt wurde. Ehrfurcht und Furcht bemächtigten 
sich seiner, es ging ihm tvie den allermeisten Unterthanen 
dieses vielgcfürchtcten und tvenig geliebten Monarchen, d. h. 
er hätte davonlaufen mögen und wagte es doch nicht. 
Horchend und nachsinnend saß er auf seinem Stuhle, und 
wenn er sich seinen Gedanken überließ, fuhr er bei jedem Ge 
räusch wieder daraus empor und zog seine Mienen in Unter- 
thänigkeit zusammen. 
Es dauert heut sehr lange, flüsterte er mir endlich zu. 
Herr von Clement muß Sr. Majestät Viel zu vertrauen 
haben. 
Und von welcher Art mögen denn diese Heimlichkeiten 
sein, antwortete ich, daß kein Mensch bei Todesstrafe ein Wort 
davon vernehmen soll? 
Will man stille sein auf der Stelle! flüsterte mein Onkel 
ängstlich winkend. 
Gutes kann gewiß nicht dahinter stecken, fuhr ich ohne 
mich daran zu kehren fort, denn Gutes bedroht man nicht so 
tyrannisch. 
Will man sich denn um den Hals reden? fuhr er mich an. 
Alles, was der König befiehlt ist gut, muß gut sein. 
Das möchte meinem hochgelehrten Herrn Onkel den» doch 
schwer werden zu beweisen, versetzte ich lachend. 
Alan ist so unverständig wie eine Gans, antwortete er 
würdevoll seinen Kopf erhebend. Der König ist Gottes 
Statthalter auf Erden; Alles, was geschieht, ist wohlerwogen 
zu Gottes Ehren und zum Heile des Staates und der Ge 
rechtigkeit. 
Der König ist bei alledein ein Mensch und kann irren 
und fehlen, erwiderte ich. Dieser Herr von Clement kann ihm 
viel schlimme und schlechte Dinge erzählen und er kann sich 
davon eben so gut täuschen lassen, tvie andere Menschen, oder 
vielleicht noch leichter, denn ich sollte meinen, solche hohe vor 
nehme Herren siird am leichtesten 31t betrügen. 
Betrügen! betrügen! rief mein Onkel mich anstierend, wie 
kommt inan zu solchen schrecklichen Worten und Gedanken? 
Dieser große Monarch ist so vorsichtig, so mißtrauisch, daß er 
Keinem glaubt, den er nicht erprobt hat; wem er jedoch sein 
Vertrauen schenkt, der ist dessen auch sicherlich würdig. 
Er dachte dabei jedenfalls zunächst an sich selbst und 
blickte tnich mit Erhabenheit an, dennoch blieb ich hartnäckig 
bei meinen Zweifeln. Was weiß er denn von dein Herrn von 
Clement, fuhr ich fort, den er bisher gar nicht gekannt hat 
und mein hcrzliebster Onkel eben so wenig. 
Man höre endlich auf, unterbrach er mich zornig, über 
Dinge zu urtheilen, ivelche man nicht versteht. Dies ist ein 
Rüstzeug von Gott erwählt und ausgesandt, und wenn Sc. 
Majestät ihn derartig auszeichiien, tvie es den Anschein hat, 
so verdieilt er es mehr, als jeder Andere. 
Es verging einige Zeit, während er sich erhob, auf- und 
abging und mich iricht weiter beachtete. Endlich fragte ich: 
Giebt es nicht einen gewissen Baron von Heidekamin? 
Bei dieser Frage staiid er vor mir still und sah mich böse 
aii. Wie kommt man zu diesem Namen? begaiin er. Ich 
will nicht hoffen, daß mau mit dieseni Menschen irgend eine 
Connexion angeknüpft hat?
        
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