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Periodical volume 1. Juli 1883, Nr. 40

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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er ihm sodann die Mühle übergeben, sich selber aber zur Ruhe 
setzen könnte. Das hat denn der alte Fritz auch gewährt; er hat 
dem Müller außerdem aber auch noch soviel Holz aus den Forsten 
von Zorndorf und Neumühl angewiesen, als der Mann nur je zu 
Reparaturen an seiner Mühle nöthig hatte." — In dieser schlichten, 
freilich sehr wenig poetischen Weise schmückt das märkische Land 
volk die großen Thaten der Geschichte aus, welche es mit durch 
lebt hat! — 
Man könnte wohl noch viel von märkischen Mühlen und 
Müllern erzählen! Was freilich der Herr v. Reinhard in seinen 
„Sagen und Märchen aus Potsdams Vorzeit" uns berichtet (vgl. 
a. a. O. S. 16 „die alte Mühle in Klein-Glienicke") ist ebenso 
wenig Volkssage wie all' die anderen Stücke, welche dies Buch 
enthält. Unglückliches Bestreben, die Sage romantisch ausmalen 
zu wollen! Aecht volksthümlich dagegen sind die folgenden, auf 
die Mühlen bezüglichen Räthsel: 
„Vier Jungfern greifen sich und kriegen sich ihr Lebtag nicht!" 
- — Die Windmühlenflügel! — 
sowie der die Wassermühle trefflich schildernde Kinderreim: 
„Het riffelt und rasselt met isernen Ketten! 
Soldaten, Kamraten, kann Niemand nicht retten?" 
Und in gleicher Weise spricht sich der echte, dichterische Volks 
geist aus, wenn er endlich durch die Sage vom „wunderbaren 
Mühlsteine zu Perleberg" auch noch einen einzelnen Theil des 
in Rede stehenden, so ersprießlichen Kunstwerkes wirthschaftlicher 
Mechanik verherrlicht. Ich berichte nach Beckmann, TH^V, S. 83: 
„In der Johanneswoche am 26. Juni 1650 gingen zwei 
Mägdlein, Christoph Riekens, Schneiders, und Clemens Rothens, 
Bierspunders zu Perleberg, Töchter, nach dem Morgenmahle spielen 
bei einem untersten dicken Mühlstein, welcher an der Dammühlen 
gelehnt stund; da sie zweifelsfrei aus kindlicher Einfalt ihn im 
Sande soviel ausgescharret, daß der Mühlstein über sie zugefallen, 
so daß von beiden Kindern nichts zu sehen. Als gegen dem Mittags 
mahle die Eltern ihre Kinder vermißten, können sie dieselben nach 
ängstlichem Suchen nicht finden. Endlich werden sie unter dem 
Mühlstein eines Zipfels von einem Kindesröcklein gewahr; der- 
wegen die Nachbarschaft mit Hebestangen den Stein lichtete, da 
die Kinder breit gedrückt und ganz braun für todt herausgebracht 
werden, um 2 Uhr des Nachmittags; sie erholten sich aber durch 
Gottes Allmacht wieder, so daß sie an Gliedern unverletzt beim 
Leben geblieben und groß worden. Eben dieser sehr schwere Stein 
trieb hernach zur Winterszeit eine gute Ecke auf dem Wasser fort, 
bis er am Ufer sich legte an einem — andern Ort mit unglaub 
licher Verwunderung der Reisenden. Er war mit dickem Eise um 
geben und da von plötzlich geschmolzenen tiefen Schnee die Stenitz 
eine erschrecklich große Fluth brachte, riß die Gewalt des schnellen 
Stromes den befrorenen Stein mit dem Eise zugleich fort." — 
Fast also eine märkische Legende von einem Mühlsteine! In 
Süddeutschland erscheint dieser „schwimmende Mühlstein" des Oefte- 
ren, wenn mich mein Gedächtniß nicht täuscht! — 
Und wie ich den vorstehenden Aufsatz, der Unbeachtetes sam 
meln will, „fertig" geschrieben habe, da stehen wieder märkische 
Mühlen in ihrer schlichten, anspruchslosen Poesie vor mir! Ich 
gedenke einer abgelegenen Mühle „Vogelfang", auf welcher ich 
einst nach langer Wanderung in tiefer Nacht ausruhte; ich gedenke 
einer Wassermühle im Johanniterdorfe Quartschen, aus welcher 
oft genug der Helle Gläserklang zum bebuschten Ufer der Mietzel, 
— dem nachtigallreichen, — hinabgeklungen ist; — ich seh's im 
Geiste wieder, wie ein schmuckes Müllerkind von 18 Jahren dem 
wandernden Studenten mit schneeigem Linnen den Tisch deckt und 
eine Poesie von wundersam anmuthender Art in dem vielfach von 
Rasieln und Prasseln, von Stampfen und Rauschen durchtönten Ge 
mache verbreitet. Der Sommer ist da! — Liebe Mark, sei gegrüßt; 
entfalte deine stille und anspruchslose Schönheit dem Wanderer 
auch in diesem Jahre wie in so vielen vorangegangenen! Ge 
grüßt, Landsleute allüberall, — auch ihr, ihr grauröckigen Ge 
sellen von der Mühle, die ihr bester seid als euer Ruf in der Sage 
Alt-Brandenburgs! 
Zur Geschichte des Berliner Weißbiers. 
Aus Anlaß unseres in Nr. 28 abgedruckten Artikels bringt 
die „Germania" einen Artikel, der sich gegen unsere Annahme 
wendet, daß das Weißbier in Berlin seit beinahe 300 Jahren 
gebraut sei. Wir drucken zunächst den Germania-Artikel ab: 
„Zur Geschichte des Berliner Weißbieres wird uns 
geschrieben: „In Nr. 28 der Berliner Zeitschrist „Bär" vom 
7. April d. I. (Jahrgang IX.) heißt es S. 341, „daß es nun 
bald 300 Jahre her sein werde, daß das Weißbier seine 
Herrschaft in Berlin begründet habe." Es wird dann 
weiter ausgeführt, daß dastelbe aus Weizen-und Gerstenmalz 
hergestellt werde und die erste Fabrikation wohl in die Jahre 
zwischen 1575—1642 falle, indem sonst Or. Knaust, welcher bekannt 
lich im Jahre 1575 ein höchst interessantes Buch über die Bier 
brauerei geschrieben und sogar eine Berlinerin zur Frau gehabt 
habe, dieses Bier damals gewiß erwähnt haben würde. Es sei 
deshalb höchst wahrscheinlich, so heißt es weiter, daß dasselbe gegen 
das Jahr 1600, und zwar als Nachbildung des Hamburger resp. 
englischen Bieres eingeführt worden sei. Nehmen wir nun mit 
dem Verfasser an, daß das Berliner Bier schon damals aus Weizen 
und in der jetzt hellen Farbe gebraut wurde, was ja der Brauer 
mit Hilfe der Darre in seiner Hand hat, so widerspricht diese An 
nahme sowohl der mir vorliegenden, dem 16. Jahrhundert ange- 
hörigen Mühlen- und Brauordnung des Kursürstenthums 
Brandenburg, worin nur Gerstenmalz als Besteuerungsartikel vor 
kommt, wie auch der diese Brauordnung ergänzenden Mühlen- und 
Brauordnung der Stadt Berlin vom 9. November 1680, worin 
zunächst von braunem Weizenbier die Rede ist. In dem Artikel 6 
dieser „renovirten" Mühlen- und Brauordnung der Stadt Berlin 
vom Jahre 1680 heißt es nämlich, „daß zwar gegen das jetzt 
in Aufnahme gekommene Weizenbier nichts einzuwenden 
sei; da aber auf Weizen ungleich mehr, wie auf Gerste gegossen 
werden könnte, so verordnen wir gnädigst, daß über die sonst 
gewöhnlichen Zinse oder Accyse, annoch 4 Rthr. von braunem 
Weizenbier gegeben werden sollen und zwar sofort nach Pu 
blikation dieses Patentes." Da nun das Patent vom 6. Novem 
ber 1680 die ältere Mühlen- und Brauordnung als bekannt vor 
aussetzt, indem es in derselben heißt, daß über die bereits be 
stehende Zinse oder Accise, annoch 4 Rthr. von Weizenmalz zu 
bezahlen sei, so ist dieses Patent, ohne Kenntniß der älteren 
Mühlen- und Brauordnung, namentlich in Bezug auf die Ver 
steuerung ganz unverständlich, denn man wird sich fragen müssen, 
wie hoch war dann vor dem Jähre 1680 die Malzsteuer und von 
welchem Quantum Weizenmalz sollten, außer der bestehenden 
Brausteuer, vom 9. November 1680 ab, noch 4 Rthr. mehr bezahlt 
werden? Hierüber giebt uns nun die erwähnte höchst interessante 
Mühlen- und Brauordnung des Kurfürstenthums Brandenburg 
den nöthigen Aufschluß. Dieselbe befindet sich abgedruckt in dem 
mehrbändigen Werke des Johannes Coleri „Oeconomia,“ (gedruckt 
im Jahre 1604 bei Paul Helwigs, Buchsührer in Wittemberg) und 
ist betitelt „Ordtnung des Bruwens und Einnemung der Bier- 
zynsen im Churfürstenthumb Brandenburg." Nach dieser Ordnung 
konnte der Brauer entweder ein ganzes Gebräu, bestehend aus 
38 gestrichenen Scheffeln, oder ein halbes Gebräu, bestehend aus 
19 gestrichenen Scheffeln Gerstenmalz, zur Mühle führen, wofür 
er dann an den Zehsemeister „drei Thaler newe und ein halber 
Thaler alte Zcyse" zu zahlen hatte. Nach dem Jahre 1680 trat
        
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