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Periodical volume 21. Oktober 1882, Nr. 4

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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rädel" nennen, obgleich das, glaube ich, schlesisch ist, und 
sich von der Mama eine Frau aussuchen läßt. Und er 
ist auch Assessor; ich hielt das Bild meines Affesiors vom 
Gebirge dagegen, der würde so etwas nicht thun, das wußte 
ich genau! — 
Beim Dunkelwerden wurde der ganze Garten durch 
Lampions erleuchtet, August läutete zum Essen, „da man 
keinen Trompeter habe, der zum Futtern blasen könne", meinte 
Hildegard. Baron Wolden reichte mir und Bertha v. Felden 
den Arm, Herr v- Zieger führte Hildegard und Rosa v. Springer 
und so fort. Die vier jungen Herren mußten sich zwischen 
sechszehn junge Mädchen theilen, drei alte Herren beschützten 
ca- zwanzig ältere Damen. Im Saal war ein Buffet aufge 
stellt, man aß an kleinen Tischen, fast in allen Zimmern. — 
Nach dem Souper wurde ein Gang durch den Garten ge 
macht, um die Erleuchtung zu bewundern und der Dienerschaft 
Zeit zu laffen, Buffet und Tische weg zu räumen. Ich verlor mich 
mit Bertha Felden, die mir am sympathischsten war, soviel als 
möglich in Seitengänge; sie erzählte mir viel von der hiesigen 
Gesellschaft, Neid und Mißgunst scheint hier zu walten, wie 
freundschaftlich man auch heute that. — Hildegard hat nicht 
viel Liebe unter ihren Altersgenoffen, fast jeder einzelnen hat 
sie kleine Intriguen gespielt; — sie ist gefallsüchtig gegen 
Herren (hier giebt es in der ganzen Gegend nur drei heiraths- 
fähige) und scheut kein Mittel, wenn es gilt, andere Dainen 
in ein schlechtes Licht zu stellen. — Wir mußten üns beeilen, 
ins Haus zu kommen. Alle waren schon voraus. — 
Die ganze Gesellschaft hatte im Saale Platz gefunden, 
draußen war's zu kühl. — „Hildegardchen muß uns was singen," 
sagte die Baronin; diese beorderte sofort Angust und den Kutscher, 
den herrlichen Konzertflügel in die Mitte des Saals zu rollen, 
blätterte in einigen Notenhcften und sang mit vieler Bravour 
aus dem Barbier: „Frag ich mein bekloinm'nes Herz;" mir 
wurde auch ganz beklommen unis Herz, etwas Muth gehört 
zum Singen, aber das war zu muthig. — 
Frau v. Erlenroth umarmte Hildegard, so schön habe sie 
noch nie gesungen. Bertha v. Felden imb noch einige junge Da 
men sangeil noch, keine kam Hildegard gleich in der Virtuosität; 
da sah inich Gräfin Zerncr durch ihre Lorgilctte prüfend an: „Sie 
singen doch gewiß auch, Fräulein Helene?" „Ein klein wenig." — 
„Nun, cs können ja nicht lauter geschulte Sängerinnen sein," 
sagte Frau v. Erlenroth mit einem innigen Blick auf Hildegard. 
Ich wollte meine Noten holen, man wollte es aber nicht, ich 
setzte mich denn ruhig ans Klavier und sang das schöne 
Trompetcrlicd: „Nun ist er hinaus u. s. w.," erst mit etwas 
Herzklopfen, dann aber tapfer bis zu Ende. 
Ein schallcilder Applails folgte dem Schlußakkord, ich wollte 
ausstehen, man bat: „Noch ein Lied;" — ich weiß nicht wie mirs 
in den Sinn und in die Finger kam, ich sang: „Hinans, ach 
hinaus zog des Hochlands kühner Sohn." Im Geiste war ich auf 
der Koppe, im kleinen Gastzinliner, mir gcgeilüber saß eine männ 
lich schöne Gestalt, tiefe, blaue Augen schauten mich an; ich 
mußte, als das: „nie kehrt er mehr zurück" verklungen war, 
schnell ausstehen, um meine Wehmuth zu verbergen. Frau 
v. Erlenroth streichelte mein Haar: „Sie haben ja eine herr 
liche TAltstiinmc, liebe Helene, ich freue mich unendlich darüber, 
denn ich liebe den Gesang so sehr!" Ich beugte mich auf die 
Hand der gütigen Sprecherin und küßte sie. — 
Gleich darauf trat BaronWolde» zu mir in die Fensternische, 
wohin ich mich zurückgezogen hatte, um einem halsbrecherischen 
Walzer zu lauschen, den eine blasse jungeDaine vortrug. Er ergriff 
meine Hand und dankte für den seltenen Genuß, meine Stimme 
sei hinreißend, es wäre ein Juwel mit mir in die hiesige, 
trostlose Gegend gekommen, glücklich der, welcher ihn dereinst 
faffen könne! 
Ich sah den Sprecher ganz erschrocken an, so hatte 
noch nie ein Herr gewagt, mit mir zu sprechen, ich entzog 
ihm meine Haild, drehte ihm den Rücken und trat zum 
Gros der Gesellschaft zurück, das jetzt sich empfahl. Nur 
wenige nahe Bekannte blieben, darunter Feldens und Zcrners. 
Bertha zog mich in das Blumenhaus am Frühstückszimmer: 
„Einzige himmlische Helene, ich darf Sie doch so nennen, 
nennen Sie mich auch Bertha, Sie singen ja wie ein junger 
Gott; Hildegard platzte vor Aerger, Herr v. Zieger fand Sie 
schön, Wolden ist bis über die Ohren in Sie verliebt, er ist 
die beste Partie in der Gegend, 10,000 jährliche Revenücn, 
auf Hildegards Angel hat er nicht angebiffen; die alte Zerner 
zerbricht sich den Kopf, was sie Ihnen noch sagen könnte, 
als vorhin Alle Ihre göttliche Stimme entzückte, fand sie 
Ihren Gesang, für ein so junges Wesen zu gemacht! Es ist 
zum Todtlachen; Frau v. Erlenroth konnte ihrer Freundin 
Zerner keinen größeren Gefallen thun, als Sie, Helene, her- 
zunehmen; wenn sich nur nicht der schöne Conrad auch in 
Sie verliebt, dann haben Sic bei Zerners ganz verspielt!" 
Ich war ganz versteinert, Bertha sprudelte ihre Rede, die hier 
fast eine Seite einnimmt, in wenigen Sekunden heraus. Kauin 
hatte ich mich von diesein Erguß erholt, da kam Hildegard: 
„Fräulein v. Werden, Baron Wolden will sich Ihnen em- 
i psehlen, er sucht Sie überall, er könnte ja nicht Ruhe finden, 
wenn Ihre schönen blauen Augen ihn nicht noch ein Mal 
angeschmachtet hätten, wie vorhin beim Croquet, oder Ihr 
süßer Mund ihm nicht zugelächelt, wie vorhin in der Fenstcr- 
! Nische; — wenn Sic wirklich erst 17 Jahre zählen, hat man 
! Sie in der Pension gut angelernt, Ihre Vorzüge ins beste 
Licht zu stellen!" Dabei schlug sie die Portiere nach dem 
Zimmer auseinander und rief: „Immer 'ran, meine Herren, 
hier ist zu sehen die junge Dame, direkt ans der Pension!" 
Baron Wolden hatte die Persiflage glücklicher Weise nicht 
gehört, er sagte mir uiib Bertha zugleich in aller Form „gute 
Nacht" und fügte hinzu, er habe künftigen Sonntag die Ehre, 
; die Herrschaften bei sich in Ebbendorf zu sehen; da er Musik 
über Alles liebe, bäte er Bertha und mich, Noten mitzubringen. 
— Bertha erklärte mir nachher, Baron Wolden gäbe ab und 
zu recht hübsche kleine Gesellschaften, seine Mutter, eine sehr 
liebe, alte Dame, lebe bei ihm, sie sei gclähnit lind würde 
im Rollstuhl gefahren, deshalb mache sie außer dein Hause 
nichts mit, sähe aber sehr gern Besuch bei sich. 
Endlich gingen auch die letzten Gäste; Frau v. Erlenroth 
küßte mich beim „gute Nacht" sagen auf die Stirn und sprach ihre 
Freude aus, über mein sicheres Benehmen in der Gesellschaft, sie 
habe gefürchtet, ich würde, so direkt aus der Pension, verlegen 
und blöde sein, es freue sie, daß dies nicht der Fall. Ich küßte 
der alten, lieben Dame die Hand und ging hinauf in mein 
Reich. Ich wollte Wilhelms Brief an Helene gleich adressiren, 
damit er morgen noch fortging, dabei fiel mir der Zettel mit 
dem Gruß ans Bräntchen ein, den ich in W. vergeffen hatte 
abzuschicken. Ich hatte ihn in meine Schreibmappe gelegt, ich 
wußte es genau, jetzt konnte ich ihn nicht finden, ich mußte
        
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