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Volume 1. Juli 1883, Nr. 40

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

strafte, das Geber'sche Jndustriegebäude und die Gratweil- 
schen Vierhallen, an Innendekorationen Ballhaus, Poppen 
berg, Cafo Bauer, Galerie Ravenö und ein Theil des Or 
pheums. Fast gleichzeitig mit der großartigen Neuanlage des 
Zoologischen Gartens, der in seinem architektonischen Theile — 
insbesondere dem Elephantenhause und dem großen Festsaale — 
ein bedeutendes Geschick für originelle Lösungen verrath, entstanden 
während der Milliardenjahre eine Reihe der bedeutendsten Bauten für 
Bankinstitute, darunter durch Ausführung und Inneneinrichtung 
besonders ausgezeichnet die Union, die Ai itteldeutsche Kredit 
bank (Behrenstr. I) und die Bodenkreditbank hinter der ka 
tholischen Kirche. Derselben Zeit etwa verdankte das Hotel de 
Rome seine Entstehung, dann die Villenanlage in Wannsee und 
in Westend, den letzten Jahren — abgesehen von dem Stände 
haus in Danzig, dem Junkerhofe in Elbing und vielen auswär 
tigen Bauten — die beiden Panoramen, die Loge Royal 
Aork und das ethnographische Museum in der Königgrätzer- 
straße. Es ist das ein gutes Stück des modernen Berlin, das wir 
in Villen, Wohnhäusern, großen Instituten, öffentlichen Lokalen 
und staatlichen Bauwerken, von demselben Geiste beseelt, von der 
selben künstlerischen Phantasie jeder Aufgabe entsprechend unmuthig 
oder monuinental gestaltet finden, meist in dein Sinne einer freieren 
vornehmen Renaissance. Wo ihm als Architekt die volle Freiheit 
gewahrt bleibt, ersetzt er, was neuere Künstler durch Ueberladung 
erstreben, durch die Genialität der Erfindung und die Schönheit 
der Formen. In dieser Auffassung betvegen sich auch die von ihin 
geleiteten Studien an der Bauakademie, als deren Lehrer er schon 
unter von Arnim gewirkt hat. — Neben den Bauausführungen 
trugen zu der Begründung seines Rufes eine Reihe von Konkur 
renzen bei, aus denen für unsern Zweck diejenigen um den Ber 
liner Dom, um die Schloßireiheit und das Reichstagsge 
bäude hervorgehoben sein mögen. 
Professor und Baurath Hermann Ende, erst im Anfange der 
fünfziger Jahre stehend, ist Mitglied der preußischen Kunstkom 
mission im Kultusministerium, stellvertretender Präsident der Aka 
demie der Künste und stellvertretender Abtheilungsdirigent der vor 
drei Jahren in's Leben gerufenen Akademie des Bauwesens. 
Diese wohlverdienten Auszeichnungen lassen wünschen und hoffen, 
daß noch manches monumentale Bauwerk unserer Zeit unter der 
Hand dieses Meisters erstehen möge. — P. W. 
von märkischen Mühlen und Müllern. 
Von Oskar Srlimesirt 
Es ist oft eine ganz eigenartige, überaus fesselnde Poesie, 
welche die Mühlen unseres engeren Vaterlandes umschwebt. Die 
Wassermühlen vor allem! Dort liegt das Gehöft am Ende der 
kleinen Stadt oder des Dorfes am langsam rinnenden Fließe, um 
geben von Weidenbüschen, überragt von rauschenden Rüstern, und 
drinnen stampst es und klappert's und rauscht's und wirbelt's und 
wallt's ohne Ruhe und Rast bei Tag und bei Nacht! Selten 
fchlt solcher märkischen Mühle der sorglich gepflegte Baumgarten, 
— wie jener fesselnde, wenngleich melancholische Reiz, welchen 
Eichendorf so rührend besungen hat! Und dort steht sie, auf 
windumspielter Höhe vor dem alten grauen Stadtthore, die nach 
deutscher oder nach holländischer Weise gebaute Windmühle, und 
weithin schweift von oben der Blick; weithin überschaust du von 
der „Krone" aus die Ebene, die nahe Stadt, Flur, Feld und 
Wiese bis zum grünblauen Waldesrande! Es wohnt sich gut 
dort oben, — freilich aber nur zu sommerlicher Zeit! — 
Es giebt eine Menge in geschichtlicher oder in gewerblicher 
Beziehung namhafter Mühlengrundstücke in der Aiark und in 
ihrer nächsten Umgebung! Wer denkt nicht an die sagenberühmte 
Mühle bei Hundelust, aus welcher, — allerdings nach sehr unwahr 
scheinlicher Tradition, — der falsche Waldemar hervorgegangen 
sein soll; — wer nicht an die bekannte „Hakenmühle" im Lande 
Teltow, aus welcher Professor Berghaus das berühmte Geschlecht 
der Herren von Hacke hervorgehen läßt, — eine Annahme, welche 
mir freilich ein wenig gewagt erscheint! Es giebt „Klostermühlen" 
im Lande Brandenburg, welche auf inehr denn sechs Jahrhunderte 
ihres Bestehens zurückblicken dürfen; eö giebt andere „Etablisse 
ments" bei uns, die, wie z. B. die von den Borne'schen Mühlen 
zu Berneuchen in der Neumark, in ihrem ausgedehnten Betriebe 
der Aiark wahrhaft zur Ehre gereichen. Doch von alle dem wollen 
wir heute nicht sprechen; es kommt mir darauf an, die Mühlen 
und die Aiüller in den brandenburgischen Landen einmal nach 
einer andern Seite hin zu schildern und die Bedeutsamkeit her 
vorzuheben, welche sie in der heimathlichen Sage besitzen! 
Es ist ein ganz eigenthümlicher Zug, der in fast allen 
Erzählungen von märkischen Mühlen wiederkehrt: Es ist nie 
recht geheuer auf den Mühlengrundstücken, und die Aiüller 
wie die Mühlknappen sind Gesellen, die offenbar mehr ver 
stehen, als Brod zu effen. Ich bin der festen Ansicht, daß 
dieses auf uralt - volksthümlicher Tradition beruhende Urtheil der 
Menge auch jener Sage Entstehung verliehen habe: Der 
berüchtigte „Woldemarus Lotus" oder „lulsus" sei aus dem 
Müllerstande hervorgegangen; — er sei der Knappe Jäkel Rehbock 
von Hundeluft bei Zerbst gewesen! 
Doch gehen wir nun zu den Mühlen- und Müllersagen über, 
wie dieselben in bunter Aiannigfaltigkeit durch's Land verbreitet 
sind! — 
An der Plane, zwischen Treuenbrietzen und Belzig, liegt 
eine Waffermühle, die „Wielmühle" geheißen. „Wiel" ist wohl 
gleichbedeutend mit „Rad". Das Gehöft liegt einsam in der 
melancholischen Landschaft da; die Heerstraße führt über seinen 
Hof; aber sie ist nicht belebt. Engelien und Lahn erzählen in 
ihrem kleinen, inhaltreichen, noch lange nicht nach Gebühr gewür 
digten Buche „Der Volksmund in der Mark Brandenburg; Berlin, 
Wilh. Schnitze, 1868," daß diese Mühle in früheren Zeiten, „da 
noch jeder Bauer selbst mahlte", sehr besucht gewesen sei. Damals 
hatte dieselbe drei Gänge. Wenn es Nachts „um zwölf" war, 
so mußte stets der eine Gang ausgeräumt sein. Denn Nachts 
um zwölf kam „Einer" — sie sagen, es sei der Böse selbst ge 
wesen — der hat dann auf dem freien Gange gemahlen, „bet 
et man ütmner so jebunbert unn jekracht hett". Freilich war's 
kein ^Getreide, welches der Teufel mahlte; — es waren, wie sich 
leicht denken läßt, Stoffe, welche zu des deutschen Teufels eigen 
thümlichen Thiere, dem heiligen Rosse Wodans, in naher Be 
ziehung standen! Wenn indessen eine Stunde „um" gewesen ist, 
war der Teufelsspuk mit all' seinen Spuren verschwunden! — 
Wo der Böse haust, da findet sich aber natürlich auch sein 
„Ingesinde", Kobolde, Spukgestalten u. s. w. — So hat auch 
der Müller auf dieser Wielmühle einst einen Kobold gehabt; er 
hat denselben gern „los" sein wollen, hat indeffen nicht gewußt, 
wie er dies anstellen sollte. Nun kamen einst zwei Bärenführer 
in die Wielmühle und blieben in derselben über Nacht. Ihre 
Bären sperrten sie in die Mahlgaststube ein, da diese gerade frei 
war; sie selbst suchten sich ein 'Nachtlager, wo sie's finden konnten. 
Um Mitternacht kam indessen ein „kleiner Rothjäckiger"*) in die 
Mahlstube herein; er „machte sich Feuer im Kamine" an und 
sing an, sich etwas zu braten. Die Bären lagen alle beide ganz 
ruhig in der Ecke. Wie nun aber die Butter in der Pfanne das 
bekannte „kreischende" Geräusch zu machen beginnt, — wie der 
Geruch des Fleisches durch die Stube zieht, erhebt sich einer der 
Bären, geht zu dem „Rothen" an dem Kainine, faßt ihn mit 
* 
') Bekanntlich ein „Unterirdischer" oder Zwerg.
	        
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