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Periodical volume 23. Juni1883, Nr. 39

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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So gut ich es als Nichtkundiger vermag, leie ich Ave Maria, auf 
der anderen Seite pax. . Christe. . nobis und unten O rex gloriae 
Christe veni... Domine. Die beiden kleineren Glocken sind modern, 
nämlich von 1841, und zu ihrer Herstellung soll — die zweite alte 
Glocke eingeschmolzen worden sein. 
Eine andere Merkwürdigkeit ist das alte Taufbecken, merkwürdig vor 
allem wegen seiner Uebereinstimmung mit dem Taufbecken der Branden 
burger Domkirche. Den Rand umgeben laufende Hirsche, darunter steht 
eine mehrmals wiederkehrende Inschrift von schwer zu lesenden Buch-- 
stabenverbindungen, in der Mitte sehen wir die Verkündigung Mariä, 
nämlich den Engel Gabriel mit der Lilie, die heilige Jungfrau, Lilien in 
einem Blumentöpfe und einen heranschwebenden, strahlenumgebenen Adler, 
wenn nicht eine Taube, als Symbol des heiligen Geistes. Das Becken 
ist wie das Brandenburger aus geschlagenem Messing, die Darstellungen 
kehren theilweise auch auf den Taufbecken der St. Gotthardskirche in 
Brandenburg wieder. 
Erwähnen will ich endlich eine aus dem alten Inventar der Kirche 
ziemlich gut erhaltene aus Holz geschnitzte Sanduhr, die gewiß am besten 
im Märkischen Museum aufgehoben würde. *) 
H. Drhm. 
Der Zieichstagsbau ist bekanntlich dadurch sehr erschwert worden, 
daß für das Hinausrücken des Platzes nach der Siegessäule zu 
— angeblich, um die Symmetrie des schönen Platzes nicht zu zerstören 
— keine Erlaubniß zu erlangen war. Daß der schöne, fast zu große 
Königsplatz an sich etwas schief, ist bekannt; und daß ferner durch ein 
Hineinrücken des Reichstagsgebäudes der noch schiefer gewordene Platz 
auf dem Plane ein symmetrisch angelegtes Herz verstimmen könnte, kann 
zugegeben werden. Daß aber in der Wirklichkeit Niemand ein Hin 
einschieben des Reichstagsbaues um 10—15 Meter bemerken würde, 
möchte ich behaupten. Und zwar deswegen: Einer der regelmäßigsten 
und schönsten Plätze Berlins ist der Gensdarmenmarkt, und jeder 
Berliner wird ganz unzweifelhaft behaupten, daß das Schauspielhaus ge 
nau in der Mitte der beiden Kirchen, und daß diese wieder gleich weitab 
von der Mohren- resp. von der Französischenstraße liegen. In Wirklich 
keit liegt aber die Französische Kirche dem Schauspielhaus« zu um 
10 Meter näher, als die Neuekirche gelegen ist, ohne daß dies irgend 
Jemand bemerkt. — D. 
Leinrick Meist's Denlimak. Vor einigen Jahren ging durch die 
deutsche Presse ein Ruf des Bedauerns, der sich auf den Zustand des 
Grabes des unglücklichen großen Dichters Heinrich von Kleist be 
zog. Verfallen war der Hügel, vom Regen ausgewaschen die Inschrift 
des einfachen Granit-Grabsteins. Damals — es war zur Zeit des 
hundertjährigen Geburtstages des Dichters der „Hermannsschlacht" und 
des „Käthchen von Heilbronn" — geschah denn auch etwas für das 
Grab. Das Gitter wurde mit neuen Marmorpfosten versehen, der Hügel 
wurde ausgemauert und zu Häupten des Grabes wurde eine Marmor 
tafel mit der Inschrift angebracht: 
„Er kämpfte, sang und litt 
In trüber, schwerer Zeit. 
Er suchte hier den Tod 
Und fand Unsterblichkeit." 
Wir haben das Grab des Dichters in einer Illustration gebracht. We 
nige Jahre, so schreibt der „Berl. Bors. - Cour.", sind seitdem vergangen, 
und wieder befindet sich das Grab in trübseliger Verfassung. In diesen 
Tagen, Ende Mai, war noch nicht einmal das welke Laub des Herbstes 
von dem Grabe entfernt. Der Epheu, den man auf das Grab gepflanzt, 
ist ausgegangen und seine abgestorbenen Stengel und Aeste ranken sich 
trübselig um die auf des deutschen Dichters Grab gepflanzte Eiche. Die 
schwarzen Buchstaben des Marmorsteins, den man auf das Grab gelegt 
und der jenen Vers enthält, sind vollständig ausgewaschen, so daß man 
nicht eine Silbe von dem oben citirten Vers mehr lesen kann, — kurzum 
das Ganze bietet den Anblick traurigster Verwahrlosung dar. Sollte 
*) Anm. der Red: Gegen den letzten Satz möchte ich mir einen kleinen Einspruch 
gestatten. Ich halte dafür, daß es viel besser ist, solche Erinnerungen dort zu belasten, 
wo sie seit Jahrhunderten stehen, und sie nicht in den historischen Sammelstätten des 
Hohenzollern- oder Märkischen Muieums aufzubewahren. Wie stimmungsvoll wirkt ein 
altes Taufbecken in einer alten Torfkirche und wie pietätlos erscheint mir z. B. die Ueber- 
führung des alten Taufsteins aus der Tempelhofer Dorfkirche in das Märkische Mu 
seum. Das eine silberblaue Mm'ihimmer im Potsdamer Stadtschloß — ich mag gar nicht 
vom Sanssoucischloß sprechen — giebt mir mehr historische Erinnerungen an den großen 
Preußenkönig, mehr historische Farbe als alle die aufgestapelten Dinge im Monbijoumuseum. — 
nicht der „Verein für die Geschichte Berlins", — der in pietätvoller 
Weise Gedenktafeln an den Häusern, in denen Berlins große Geister ge 
wohnt haben, anbringen läßt — oder der „Verein Berliner Presse" 
oder der „Literarische Club" oder endlich die Colonie Wannsee, die fast 
durchweg aus reichen Banquiers und Künstlern besteht, es sich zur Ehrenpflicht 
machen, dauernd für die Instandhaltung des aus einem kleinen Hügel 
inmitten einer Haide gelegenen Grabes Sorge zu tragen? Wir sind 
überzeugt, daß es eine Kleinigkeit wäre, einen Fonds von etwa 1000 Mark 
zusammenzubringen, der sicher angelegt würde, und aus dessen Zinsen 
„für ewige Zeiten" — so weit in menschlichen Dingen von „ewigen Zeiten" 
die Rede sein kann — die Grabstätte in würdigem Zustande erhalten 
werden könnte. — Daran knüpft die Zeitung die folgende Zuschrift: „Die 
Humboldtbilder sind enthüllt und den vornehmsten Repräsentanten preußi 
scher Wissenschaft ist so ihr Recht geworden. Aber aus demselben mär 
kischen Adel entsprossen, ein echter Repräsentant seiner Heimath, steht der 
größte preußische Dichter da, der nun gleichfalls sein Recht fordert: 
Heinrich von Kleist. Ihm ein Denkmal in unserer Stadt zu er 
richten, möchten wir als schöne Pflicht in Anspruch nehmen, das öffent 
liche Interesse eindringlich auf ihre Erfüllung weisend. Der erste volle 
dichterische Zeuge von Preußens Größe, dem die reinste Verherrlichung 
unseres Staates und seiner Herrscher im „Prinzen von Homburg" ge 
lungen, hat auf solche Ehre vor Allem Anspruch; er, dem im Leben sich 
entzog, was den Dichter beglückt, dem kein Scho seiner großen Schöpfun 
gen zurückkam, wie lang er auch danach aushorchte, mag eine späte 
Sühne dessen, was ihm seine Zeitgenossen schuldig blieben, in der Haupt 
stadt des neu erstandenen Reiches finden, jenes Reiches, an dem auch in 
trübster Zeit er nie verzweifelte und dessen kommenden Glanz er mit 
Dichterauge vorausschaute: 
Das wird sich ausbaun herrlich in der Zukunft, 
Erweitern unter Enkels Hand, verschönern, 
Mir Zinnen, üppig, feenhaft, zur Wonne, 
Der Freunde und zum Schrecken aller Feinde . . . 
In Staub mit 'allen Feinden Brandenburgs! 
Neben Lessing, Göthe, Schiller mag als der vierte Große unserer 
klassischen Poesie Kleist sich erheben, dann erst wird der leuchtende Ring 
geschlossen sein." 
Eine Reminiszenz an Ferdinand v. Hckill. Ein interessantes 
Dokument aus einer denkwürdigen Zeit kam in diesen Tagen durch einen 
ergötzlichen Zufall zum Vorschein und wird nunmehr an betreffender 
Stelle unter Glas und Rahmen feierlich aufbewahrt. Das „Dt. Tgbl." 
berichtet darüber: Der Besitzer eines beliebten Restaurant in der Fried- 
richstrahe, bekannt als eifriger Politiker, ist wie seinen Gästen ebenfalls 
nicht unbekannt ist, ein geschworener Feind der Franzosen im allgemeinen 
und der Napoleoniden insbesondere, und namentlich gilt ihm Napoleon I. 
als Erzfeind und nichtswürdigster Verderber Deutschlands. Nun erwähnte 
vor einigen Tagen im Laufe des Gesprächs ein etwas „unsicherer" Gase 
er sei im Besitze einer höchst interessanten Urkunde aus jener Zeit des 
ersten Napoleon, die einst dem Verhaßten nicht wenig Spott und Schande 
eingetragen haben mochte: nämlich eines alten vergilbten Zeitungsblattes 
des früher in Köslin herausgegebenen „Pommcrschen Volksblattes", 
welches die betreffende Affaire seinen damaligen Lesern erzählte. Aufge 
fordert, das interessante Blatt zur Stelle zu schaffen, warf der Besitzer 
desselben im Scherz die Frage auf: „Was bekomme ich dafür?" — „Ich 
streiche Ihre Zeche, wenn Sie mir das Blatt geben!" rief im ersten 
Feuer der enthusiastische Wirth. Kaum dem Gehege seiner Zähne ent 
flohen, wurde das willkommene Wort von dem „unsicheren" Gast feierlich 
acceptirt, das Zeitungsblatt ward gebracht und wanderte in die Hände 
des beglückten Wirths. Dieser hängte es zum ewigen Andenken unter 
Glas und Rahmen am Ehrenplätze auf, und so ist jene interessante Re 
miniszenz zu erneuter, weiterer Kenntniß gelangt. Der betreffende Zei 
tungsartikel erzählt, wie Ferdinand von Schill vor der Belagerung von 
Kolberg von den Franzosen vier prachtvoll schöne Pferde erbeutet hatte, 
welche für den Kaiser Napoleon eigens bestimmt waren. Napoleon bot 
ihm schriftlich pro Pferd 1000 Thaler Vergütigung, adressirte aber den 
Brief: „An den Räuberhauptmann Schill." Der wackere Major antwor 
tete: „Mein Herr Bruder! Daß ich Ihnen vier Pferde genommen, macht 
mir um so mehr Vergnügen, da ich aus Ihrem Briefe ersehe, daß Sie 
einen hohen Werth darauf setzen. Gegen die angebotenen 4000 Thaler 
kann ich sie nickt zurückgeben. Wollen Sie aber die vier Pferde, welche 
Sie vom Brandenburger Thor in Berlin weggestohlen haben, zurückgeben, 
I so stehen die Ihrigen unentgeltlich zu Diensten. Schill." 
An unsere Leser! 
Mit der nächsten Nummer 40 beginnt das vierte Quartal des laufenden Jahrgangs. Wir ersuchen darum diejenigen unserer Leser, 
welche ihr Abonnement noch nicht erneuert haben, dies baldmöglichst bewerkstelligen zu wollen, damit keine Unterbrechung in der Zusendung entstehe. 
Außer der Fortsetzung des laufenden Romans „Ein Abenteurer am Hofe König Friedrich Wilhelms I." bringt das nächste 
Quartal noch eine Novelle von A. von Senten „Meine erste Novelle." Von weiteren Artikeln nennen wir: Baurath Ende (mit Portrait), „Von 
märkischen Mühlen und Müllern" von Oskar Schwebe!, die „Geschichte des Berliner Grauen Klosters", Die Entwicklung Berlins von 1225 bis heute 
(mit zahlreichen Karten), Schönhausen und Pankow, Alt-Brandenburg, Sommerfahrten in die Mark Brandenburg (Woltersdorfer Schleuse und 
Rüdersdorf, Köpnick und die Müggelberge, Großbehnitz, Königswusterhausen, das Havelländ'sche Luch re.) vom Herausgeber, re. re. 
Wir bitten die alten Freunde unseres Blattes, treu zu bleiben, und auch darum, neue mitwerben zu helfen. 
1 Oie Redaktion und Expedition des ,Mr", Berlin W., Lützowstraße 7. 
Herausgeber und Verantwortlicher Redakteur: Emil Dominik in Berlin W. — Verlag von Gebrüder Paetel in Berlin W. — 
Druck: W. Moeser Hofbuchdruckerei in Berlin 8. — Nachdruck ohne eingeholte Erlaubniß ist untersagt.
        
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