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Periodical volume 16. Juni1883, Nr. 38

Full text: Der Bär Issue 9.1883

empfing den Prinzen sehr zuvorkommend, sagte ihm vieles Schmei 
chelhafte und machte ihm bekannt, daß er noch in dieser Nacht in 
Begleitung des Obersten Gerard nach Berlin abreisen müsse. Am 
29. traf er dort ein und wurde sofort in schmutziger Kleidung und 
mit einem Pantoffel aus dem in der Schlacht bei Auerstädt durch 
einen Prellschuß beschädigten Fuße vor Napoleon geführt. Der 
selbe empfing ihn zwar höflich, sagte aber u. A., er wisse nicht 
warum ihm Preußen den Krieg erklärt habe; er habe stets den 
Frieden gewünscht und dergleichen Phrasen mehr. Der Prinz 
schwieg darauf, bat sich aber, als Napoleon noch weitere Fragen 
an ihn richtete, allein die Gnade aus, nicht mit denen verwechselt 
zu werden, die die Kapitulation von Prenzlau geschlossen hätten. 
Er habe sich mit seinen Grenadieren so lange gewehrt, als noch 
eine brauchbare Patrone vorhanden gewesen. Zuletzt sei er in 
einem undurchdringlichen Moraste gefangen genommen worden. — 
Ein eigenthümliches Schauspiel, wenn wir die Gegensätze der 
Ereignisse bei Prenzlau und Bandelow kritisch näher in das Auge 
fassen. Dort Hohenlohes, eines alten erprobten, in fridericianischer 
Schule erzogenen, persönlich braven Kriegsmannes Rathlosigkeit und 
Unselbstständigkeit sobald cs gilt, gefahrvollen Lagen mit ruhiger, 
kalt überlegender Energie entgegen zu treten. Seines gelehrten 
Stabschefs physische wie moralische Unfähigkeit, sie waren die 
Hauptursachen gewesen, die bessere Ueberzeugung und die Energie 
vieler anerkannt tapferer, bereits bewährter Männer so total zu 
lähmen, daß auch nicht der leiseste Versuch gemacht wurde, sich der 
unerhörten Schmach einer Kapitulation mit den Waffen in der 
Hand zu entziehen, oder einem ehrenvollen Untergange den Vor 
zug vor solcher Schande zu geben. — Hier die ruhige Fassung 
eines jugendlichen Prinzen und seiner Offiziere, denen es gelang 
mit kaum Vi tausend, zwar hungernder und entkräfteter, aber ent 
schlossener Männer den wahrscheinlich mehr als achtfach überlegenen, 
durch seine fortgesetzten Erfolge dreisten, ja übermüthigen Sieger 
in Schach zuhalten und stundenlang energisch zurückzuweisen! 
Es ist wohl zu glauben, daß — wie Prinz August nachmals 
oft ausgesprochen hat — die Geschichte unseres Vaterlandes keine 
Kapitulation von Prenzlau auf ihren Blättern zu verzeichnen 
haben würde, hätte es ein gütiges Schicksal ihm ermöglicht, mit 
dem Hauptkvrps die Ostseite der Stadt zu erreichen. Bei seinem 
lebhaften Gefühl für militärische Ehre — dem er bereits am 
16. Oktober bei Weißensee laut Ausdruck verlieh, als General 
von Kalkreuth den Gedanken an eine Kapitulation auskommen ließ 
— würde seine opsermuthige Hingabe für den Ruhm und die 
Ehre der Fahnen, die unter Friedrich II. soviel edeles Blut fließen 
sahen, gewiß sehr viele der anwesenden Offiziere wenigstens zu 
dem Versuch eines Durchschlagens ermuntert haben. Und, hätte 
man ihn unternommen, alle Umstände lagen so: er wäre wohl 
kaum mißlungen, weil der Gegner zu schwach war, um solchen 
ernsten Willen zu brechen. 
Lange Zeit blieb bei der allgemeinen Entrüstung, welche die 
schmachvolle Kapitulation im ganzen Volke erweckt hatte, auch des 
Prinzen und seiner braven Grenadiere muthvolle That der Ver- 
geffenheit anheimgefallen, besonders wohl, weil der König jedes 
Andenken an die traurige Zeit unterdrückt wissen wollte. Erst 
nach mehr als 30 Jahren hatte die Zeit auch bei ihm den 
herbsten Stachel gemildert, und gelegentlich einer Besprechung 
jener Episode äußerte er: „wir haben aber ehrenvoll die Scharte 
wieder ausgewetzt." 
Diese hochherzigen königlichen Worte gaben einem patriotischen 
Manne, dem Landrath des Prenzlauer Kreises, von Stülpnagel- 
Dargitz Veranlassung, auf seine Kosten, zur Erinnerung an die 
mannhafte That der treuen Grenadiere und ihres heldenmüthigen 
Führers ein Denkmal aus uckermärkischem Granit, schlicht und 
eimach, zu errichten. Dieses Denkmal sollte vor der Nach- 
welt Zcngniß ablegen, wie im tiefsten Unglück, als Hoch und 
Niedrig kleinmüthig verzagten, Standhaftigkeit und Treue vieler 
braver Krieger zu Preußens Fahnen kein leerer Schall geworden war! 
Das Denkmal, 13 Fuß hoch und 3'/- Fuß breit, oben in 
Form eines Landwehrkreuzes, steht, inmitten von 7 Gräbern ge 
fallener Franzosen, links vom Wege zwischen Ellingen und Schön 
werder, genau auf der Stelle, wo die Grenadiere die 5 Haupt 
angriffe der Franzosen zurückschlugen. Auf seiner Vorderseite steht: 
„Den Kriegern, welche unter der Führung eines heldenmüthigen 
Prinzen nach tapferer, vom Feinde selbst gerühmter Gegenwehr, 
eines besseren Schicksals würdig, hier erlagen." 
Die Rückseite zieren zwei gekreuzte Schwerter; darunter 
liest man: 
„den 28. Oktober 1806." 
Unter einem Eichenkranze ist das Datum der Errichtung ein 
gelassen: 
„18. Juni 1841", 
desjenigen Tages, an dem der rachsüchtige Urheber des über 
Preußen hereingebrochcnen Unheils im Jahre 1815 aus der Ebene 
von Waterloo gestürzt wurde, um sein von allen Völkern Europa's 
verwünschtes Leben einsam und verlassen auf der öden Felseninsel 
des atlantischen Oceans, fern von den Seinen, zu beschließen. 
M. 
Miscellen. 
Weu-Kökn am Wasser (hierzu die Illustration S. 455). Neu-Köln 
entstand im Jahre 1681. Es ist die Gegend zwischen Friedrichsgracht 
und dem ehemaligen Festungsgraben. Ein Theil der Spree und die 
Friedrichsgracht trennen Neu-Köln von Berlin und Alt-Köln; der Festungs 
graben trennt es von der Köpnickervvrstadt und der Friedrichsstadt und 
auf dem Spittelmarkte stößt es mit dem Friedrichswerder zusammen. 
Dieser und Neu-Köln zusammen bilden eine vollkommene Insel. Neu-Köln 
hat eigentlich nur zwei Straßen, nämlich „Neu-Köln am Walle" wie 
früher die Wallstraße genannt wurde und Neu-Köln am Wasser, 
eine Kaistraße an der linken Seite des Friedrichsgrabens, von der 
Waisenbrücke bis zur Roßstraßenbrücke. 
Der Festungsgraben, der vor 200 Jahren angelegt wurde und dessen 
Zuschüttung jetzt beschlossen ist, erhielt anfangs inner- und außerhalb eine 
Ueberwallung und zwei Wehre oder Bäre, um das Wasser in dem 
Graben zu stellen. Der eine, der bald wieder fortgenommen wurde, stand 
an der Spree, wo aus derselben der Graben geleitet worden war; der 
andere, der später Wusterhausenscher Bär hieß, (weil er zwischen der 
prinzlichen Besitzung lag, die unter Verwaltung des Wüster hausenschen 
Amtes stand) ist noch jetzt hinter dem Hause Neue Jabobsstraße 14 
vorhanden. Ein wenig naiv ist es, dieses Wehr von verhältnißmäßig 
jungem Datum — wie oft geschehen — unter die Wahrzeichen Berlins 
• zu bringen. 
Zum Neubau des Neiäislagsiinuses. Entgegnung. Herr Re 
dakteur. In Nr. 35 des „Bär" findet sich eine Besprechung meiner 
Broschüre „Neue Grundrißdisposition zu den Wallvtschen Faeaden des 
Reichstagsgebäudes." 
Die darin aufgestellten Erörterungen sind nicht mit den Thatsachen 
übereinstimmend, und ich erlaube mir, Sie auf einige Punkte hinzuweisen, 
die einer Berichtigung bedürfen. Es ist zunächst nicht zutreffend, daß ich, 
wie im Anfang des Artikels gesagt wird, „mit Benutzung" der Wallvtschen 
Faeaden ein Projekt ausgearbeitet habe. Mein Projekt ist ohne Rücksicht 
auf die Wallvtschen Faeaden auf Grundlage meines früheren mit dem zweiten 
Preise gekrönten Konkurrenzentwurfes entstanden. Die Faeaden desselben 
stützen sich auf meinen früheren Entwurf; die übereinstimmenden Maße der 
Eckdauten und des Kuppelunterbaues gewähren aber die Möglichkeit — und 
hierauf weise ich in meiner Broschüre nur hin —, die charakteristischen 
Theile der Wallvtschen Faeaden, d. h. eben die genannten Eckthürmc und 
die Kuppel, — auf meine Grundrißdisposition zu übertragen. Herr 
Wallot ist an und für sich schon gezwungen, die Architektur der einzelnen 
Fronten total zu ändern, auch bei Beibehaltung seiner Grundrißdisposition, 
weil er genöthigt ist auf Grund der verlangten Tieferlegung das Obergeschoß 
zur Ausnutzung für dieFraktions-resp. Abtheilungssäle heranzuziehen und als 
solches in von mir u. A. bereits versuchter Weise, äußerlich durchzubilden. 
Der Titel meiner Broschüre und die bereits citirte bezügliche Be 
merkung in derselben sind lediglich als ein Akt der Rücksichtnahme auf 
das mit dem ersten Preise gekrönte Projekt aufzufassen.' Meine Arbeit, 
welche auf Grund einer Anregung von hervorragender par- 
Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Emil Dominik in Berlin W. — Verlag von Gebrüder Partei in Berlin W. — 
Druck: W. Moeser Hofbuchdruckerei in Berlin 8. — Nachdruck ohne eingeholte Erlaubniß ist untersagt.
        
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