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Periodical volume 16. Juni1883, Nr. 38

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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waren aufzutrciben und es mußte neuer Vorrath erst aus Leipzig 
bestellt werden. 
Endlich im Jahre 1819 — nach mehr als dreijähriger Arbeit 
— fand die erste, aber nicht vollständige, Aufführung des „Faust" 
mit der Musik des Fürste» Radziwill in den Sälen des Schlosses 
Monbijou statt. August v. Goethe und seine Gattin befanden sich 
damals in Berlin und wohnten der Aufführung bei, über welche 
Zelter an Goethe schrieb: „Von Aufführung zweier Scenen des 
Faust tverde» Dir die Kinder weit und breit zu erzählen wissen. 
Es war doch ein Ansang und am besten Willen hat's nicht gefehlt." 
Erst im darauf folgenden Jahre, ain 24. Mai 1820, fand 
die erste vollständige Aufführung zum Geburtsfeste der Fürstin 
Louise Radziwill statt. Graf Brühl hatte die Jnscenirung, Fürst 
3! adziwill die musikalische Leitung übernommen, Pius Alexander 
Wolfs spielte den Faust, Herzog Carl natürlich den Mephisto, 
Graf Boß den Wagner, Auguste Stich das Grethchen und Herr 
v. Wildenbruch — der Vater unseres Ernst — den Schüler. Die 
Gesänge wurden von Zelter's Singakademie ausgeführt. Gleich 
am darauf folgenden Tage berichtete der treue Eckart nach Weimar: 
„Gestern als den 24. dieses, am Geburtstage der Fürstin Radziwill, 
ist endlich unser Faust glatt und rund vom Stapel gelaufen. Der 
König war so zufrieden mit uns, daß ich sein Lob aus seinem 
Munde honigküß vernommen habe und hinterher Wohl sagen mag, 
daß ich selber zufrieden war .... Dein Vivat bei Tische war aus 
seinem Munde, es bestand in einem hundertstimmigen, dreimaligen 
Accorde. . . Was ich nächstdem nun auch noch für Dich zu 
bemerken finde, besteht in der Anerkennung des Ganzen. Die 
Sensation unserer ersten Versuche seit zehn Jahren, hatte bis 
heute einen Bittergeschmack, der in Einzelheiten und Worten seinen 
Grund hatte. Einige konnten darüber nicht wegkommen, bissen 
die Lippen und konnten nicht begreifen, wie man öffentlich nennen 
könne, was sie sich genug schuldig wissen. Daher mußten Worte 
mit anderen vertauscht und vertuscht werden. Nun fangen sie schon 
an, die rechten Worte zu vermissen und eine Dame ließ sich gestern 
vernehinen: da man so viel sage, so sei nicht zu begreifen, wie 
man nicht alles sage, was geschrieben steht. 
Wenn Radziwill's Composition auch gar kein 
eigenes Verdienst hätte, so würde man ihm doch das 
große zugestehen müssen: dies bisher im dicksten 
Schatten verborgen gewesene Gedicht an's Licht zu 
bringen, was jeder, wenn er es gelesen und durchempfunden, 
glaubte seinem "Nachbar vorenthalten zu müssen.... 
Denkst Du Dir nun den Kreis dazu, in dem dies Alles vor 
geht: einen Prinzen als Mephisto, unsern ersten Schauspieler als 
Faust, unsere erste Schauspielerin als Grethchen, einen Fürsten als 
Componisten, einen wirklich guten König als ersten Zuhörer mit 
seinen jüngsten Kindern und ganzem Hofe, eine Kapelle der ersten 
Art, wie man sie selten findet, und endlich einen Singchor von 
unseren besten Stimmen, der aus ehrbaren Frauen, mehrentheils 
schönen Mädchen und Männern vom 3! an ge (worunter ein Con- 
sistorialrath, ein Prediger, eine Consistonalrathstochtcr), Staats 
und Justizräthen besteht, und dies alles angeführt vom Königlichen 
General-Intendanten aller Schauspiele der Residenz, der den Ma 
schinenmeister, den Dirigenten und Souffleur niacht, in einem König 
lichen Schlosse: so sollst Du mir den Wunsch nicht schlimm heißen. 
Dich unter unter uns gewünscht zu haben." 
Und auf diese Relation des guten und derben Zelter erwi 
derte Goethe nach wenigen Tagen: „Was soll ich aber nun zu 
Eurer Faustischen Darstellung sagend Die treue Relation, die ich 
Dir verdanke, versetzt mich ganz klar in die wunderlichste Region. 
Die Poesie ist doch wirklich eine Klapperschlange, in deren Rachen 
man sich mit widcrwilligem Willen stürzt. Wenn Ihr freilich 
wie bisher zusammenhaltet, so muß es das seltsamste Werk sein, 
werde» und bleiben, was die Welt gesehen hat." 
Mit Bezug auf das Faustdrama gesprochen hat der Dichter 
als vorwärtsschauender Prophet "Recht behalten: Es ist das selt 
samste — oder wie wir wohl substituiren dürfen — erhabenste 
Werk und wird es bleiben, was die Welt gesehen hat! Und daß 
sie es sehen und im Spiegel der Scene schauen durfte, das ist 
das unvergängliche Verdienst jenes Fürsten, den die Aufführung 
des Werkes wohl auch in die „wunderlichsten Regionen" versetzt 
hat, in denen ihm ein Ahne» von der Vollendung und Erhebung 
aufging, die dieses Weltendrania in sich birgt. Etwas von diesem 
Glanz und Schauer muß aber Jeden durchbebt haben, der dieser 
Vorstellung beizuwohnen das Glück hatte. Ein Einziger lebt noch 
von jener großen imposanten Versammlung, der von dem mächtigen 
Eindrücke berichten könnte und zu den vielen großen und schönen 
Erinnerungen seines herrlichen Lebens gewiß auch jene Stunde 
zählt — Se. Majestät der Deutsche Kaiser! 
Die Aufführung selbst wurde fortan noch oft wiederholt und 
fand in späteren Jahren in der Singakademie statt, wo zum ersten 
Male das Grethchen von Clara Stich und der Faust von Eduard 
Devrient gesprochen wurde. Dort auch wurde erst vor wenigen 
Wochen mit Fräulein Clara Meyer und Herrn Richard Kahle das 
erhabene Tonwerk zur Darstellung gebracht. 
Nach der ausgezeichneten und fachmännischen Beurtheilung, 
die die Compositioncn des Fürsten Radziwill aus diesem wie aus 
früheren Anläßen schon an dieser Stelle gefunden haben, wird 
man nun dem Laien erlassen, hier nochmals über diese Musik aus 
zusprechen. Die Compositionen fanden zur Zeit ihres Entstehens 
und auch später manche Gegner, aber niemand vermochte zu leugnen, 
daß sie sowohl in musikalischer wie in ästhetischer Hinsicht höchst 
interessant und werthvoll sind, nicht nur als musikalische Gloffcn 
zu einem unvergänglichen Dichterwerke, sondern auch um ihrer 
eigenen Genialität und Schönheit tvillen. Es ist ein hoher und 
edler Geist, der aus ihnen spricht, eine tiefe, religiöse Be 
geisterung, die sie durchdringt und erfüllt. Und so verfehlen diese 
Compositionen, die nun auf unseren Bühnen heimisch geworden 
und meist in Verbindung mit der Musik Lindpaintners aufgeführt 
werden, niemals ihres erhebenden feierlichen Eindrucks. Der Ton 
schlägt die Brücke zum Verständniß des Wortes und beide vereint 
erfüllen die Herzen der Hörer mit jenem Schauer, der Zeugniß 
ablegt von den dramatischen Wirkungen dieses Wcltgedichts. 
Mit Recht hat deshalb der Herausgeber der Compositionen 
des Fürsten die Hoffnung ausgesprochen: „Die tiefere Würdigung 
des großartigen Werkes ist als gewiß bald reifende Frucht seiner 
eigenen Wirkung zu erwarten. Aber voraussehen läßt sich schon 
jetzt die Folge des Eindrucks, den die neuliche öffentliche Auf 
führung der meisten dieser Compositionen hervorgebracht, daß, wie 
auch über einzelne derselben das Urtheil der Kunstwelt sich ge 
stalten möge, jedenfalls um der ergreifenden Wahrheit willen, 
die sich in der musikalischen Auffaffung des Gedichtes offenbart, 
sowie wegen der lebendigen Charakteristik und eigenthüm 
lich gemüthlichen Tiefe, die hier zur Anschauung gebracht 
wird, das Ganze, ein geliebtes und verehrtes Gemeingut des 
deutschen Volkes, aus dessen eigenstem Wesen Musik wie Gedicht 
entstammte, werden und bleiben wird." 
In dem Maße, als die in diesen Worten eines Kunstverstän 
digen liegende Ueberzeugung sich Bahn gebrochen, sind auch die 
Angriffe verstummt, die man gegen die Compositionen des Fürsten 
erhoben, in denen noch Körner in einem Briefe an Goethe „die 
Genialität eines Dilletanten" finden wollte, „dem es nur an dem 
Vermögen fehlt, seine Ideen befriedigend auszuführen", während 
sie gegenwärtig in Wahrheit ein Gemeingut des deutschen Volkes 
sind und bleiben werden. 
Fürst Radziwill lebte noch' 13 Jahre nach der Aufführung 
seines Werkes. Die erste Bühnenaufführung des „Faust", 
die im Jahre 1829 in Braunschweig stattfand, hat er so wenig
        
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