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Periodical volume 16. Juni1883, Nr. 38

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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ich soll mich seinem Zorne aussetzen und dem Sprichworte 
nach der Affe sein, der die Kastanien aus dem Feuer holt? 
Man ist arich ein Affe! versetzte er, denn man grinst wie 
ein Affe bei den ernsthaftesten Dingen. Und seine Imperator- 
miene mit einem Handausstrecken nach der Thür begleiteild, 
fügte er hinzu: Man gehe jetzt ohne weiteren Widerspruch und 
störe meine Ruhe nicht länger. 
So zog sich der Herr Hofprediger aus der Affaire lind 
handelte klüglich wie ein Diplomat, der jede mögliche unan 
genehme Berührung vermeidet. Er wußte aber auch aus 
Erfahrung genugsain, daß der König, wenn er in üble Laune 
versetzt wurde, nach einem Gegenstand dürstete, an welchem er 
seinen Zorn anslassen konnte; christlicher erschien es ihm daher, 
lieber mich dafür vorzuschieben, als sich selbst ihm entgegen 
zustellen. — 
Als ich hinaus war, schloß er die Thür von innen ab, 
und brachte sich dadurch in vollständige Sicherheit, was meine 
Lust vermehrte. Was konnte mir denn der König thlm, 
mochte er auch der übelsten Laune sein? Er war zwar 
tyrannisch genug, lind man erzählte manche fürchterliche Ge 
schichte, wie er feine Diener behandelte, mit Leuten umging, 
die ihre Bittschriften überreichen wollten, oder selbst ans offener 
Straße Menschen tractirte, die etwas thaten, was ihm nicht 
gefiel; aber alle diese schrecklichen Erinnerungen fochten mich 
wenig an. Meine Neugier tvar weit großer, als meine Furcht, 
und mit dem Könige beschäftigte sich diese weit weniger, als 
mit feinem Begleiter. Ob der König Gutes oder Schlimmes 
von dem Herrn von Clement erfuhr, und was es sein möge, 
schien mir gleichgültig, aber ob er noch da sei, wollte ich 
wissen, denn in diesein Falle war ja auch der Major von 
Dumonlin noch im Haufe, in jenem Zimmer, wohin er ihn 
als Wache postirt hatte, und dies hatte für mich weit größeres 
Jntereffe als alles Uebrige. 
Leise schlich ich an die Thür und legte zuerst mein Ohr 
daran, allein, ich konnte nicht das geringste Geräusch hören, 
als ich mich jedoch bis an das Schlüffelloch bückte, sah ich 
mir gerade gegenüber den Major sitzen. Er hatte den Kopf 
in seiner Hand, den Arm auf den Tisch gestützt, in der 
anderen Hand hielt er etwas, das er unverwandt betrachtete. 
Ich konnte nicht recht erkennen, was es war, plötzlich aber 
hob er den Gegenstand auf und sein Gesicht belebte sich, mit 
einer raschen Bewegung drückte er ihn an seine Lippen. 
Welch Entzücken für mich! Es war der Spitzenkragen, 
an welchem ich gearbeitet hatte. Ein wonniges Leben rauschte 
durch mein Herz, ich hätte aufschreien, ein lautes Gelächter 
anstimmen mögen, all' mein Aergerniß hatte ein Ende; doch 
ich besann mich zur rechten Zeit. Aber ich mußte ihn sehen, 
mußte ihm mein versöhntes frohes Gesicht zeigen, er mußte 
wissen, daß ich ihm Alles verziehen hatte. Ganz leise öffnete 
ich die Thür, sah hinein und schlüpfte meinem Kopfe nach. 
Als er mich erblickte, sprang er auf und versteckte den 
Kragen, den er in seiner Hand zusammendrückte. Er sah 
verlegen und erfreut aus, warf einen Blick auf die Ncbenthür 
und kam auf mich zu, indem er leise flüsterte: Gehen Sie 
hinaus, liebe Jungfer Charlotte. Der König ist hier, wenn 
Sie es noch nicht wissen. 
Ich weiß es allerdings, erwiderte ich eben so leise, 
ich wollte nur zusehen, ob der Herr Major sich gut unterhielt. 
Ich unterhalte mich so gut ich kann, erwiderte er, indem 
ich — hier brach er ab, allein seine Augen drückten ans, was 
er verschwieg. 
Ei, sagte ich, es muß eine angenehme Unterhaltung 
gewesen sein- Was sicht denn dort aus Ihrer Hand hervor? 
Er warf den Kragen auf den Tisch rind wollte ein 
ernstes Gesicht machen, doch als er das meinige sah, gelang 
es ihm nicht. 
Ist das die Art, sagte ich, indem ich mich des Kragens 
bemächtigte, wie der Herr Major sich zu unterhalten versteht? 
Die beste, die schönste, welche mir zu Gebote stand, ant 
wortete er, indem er meine Hände festhielt, denn ich dachte 
dabei an die, welche diese artige Arbeit gefertigt hat. 
Und Sie behandelten diese Arbeit eben so, wie die arme 
Arbeiterin, mein böser Herr, der Sie so launenvoll und in 
grimmig sind, wie Ihr erhabener Gebieter da drinnen. 
Liebe theure Charlotte, flüsterte er mir zu, ich bin freilich, 
wie Sie wissen, ein Barbar und arger Sünder, aber — der 
Teufel soll mich holen — 
Pfui! fiel ich ein, wie mögen Sie ein so abscheuliches 
Wort in der Wohnung des ersten Hofprcdigers Sr- Majestät 
und vor den Ohren dessen frommer Nichte gebrauchen! Ja, 
Sie sind ein Barbar, das behauptete nicht ich allein, sondern 
auch Herr von Clement hat es mir bestätigt. 
Wie hat dieser schleichende Bursche sich unterstehen können, 
mich so zu nennen! versetzte er- Sie haben ihn dazu wohl 
aufgefordert? 
Er hat ganz recht daran gethan, erividerte ich, denn 
haben Sie mich nicht gestern erst schrecklich beledigt und als 
ein eingefleischter Barbar sich bewiesen? Haben Sic nicht alle 
Genüsse in meiner einfältigen Nähe ihm großmüthig zuer 
kannt und sich höhnisch davor für alle Zeiten bewahrt? 
Ich sah, wie zufrieden Sie damit waren, unterbrach er 
mich, wie Sie — o! verdammt sei dieser geleckte Kerl, der uns 
an den Hals geschleudert wird. Aber das ist so ein Lecker 
bissen für junge Frauenzimmer, welche sich gern schmeicheln 
und bewundern lassen, solch luftiger Patron im Sainmet- 
röckchen, gepudert und frisirt, nach Pomaden duftend wie eine 
Zibetkatze, dabei wie ein Schooßhund geschmeidig und mit 
allen Hunden gehetzt. 
Wer wird doch so neidisch sein, versetzte ich lachend. Ich 
habe die Pflicht, diesein schönen Herrn zu gefallen, und er 
verdient es auch, denn er ist kein Barbar, sondern hat mir 
erlaubt ihm vorzusingen und zu spielen, Bücher mit ihm ju 
lesen und Französisch von ihm zu lernen. 
Nichts weiter? fragte er mit seiner gewöhnlichen Spötterei. 
Liebste Jungfer Charlotte, thun Sie es nicht. Sie könnten 
gar zu viel lernen. Bon mir allerdings nichts weiter als 
fluchen und schwören, dennoch ist dies zuweilen besser als 
Anderes, das schöner aussieht, und wenn ich auch ein ganz 
abscheulicher, unverbesserlicher Sünder bin, so sind meine 
Schwüre doch nieinals falsch, und darunter ist Einer — Einer, 
licbwertheste Charlotte — 
Er hielt innc und preßte meine Hand fester, den» im 
Nebenzimmer wurde es plötzlich laut. Des Königs durch 
dringende Stimme rief mit größter Heftigkeit: Ist das Alles 
wahr, tvas Er vorbringt? Kann Er es bei seiner Ehre und 
Seligkeit beschwören? 
Beschwören und beweisen, Majestät, antwortete der 
Chevalier.
        
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