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Volume 9. Juni1883, Nr. 37

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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furter Chaussee bei Friedrichsfelde gekreuzt hat, in einer flachhüge 
ligen, durch mehrere kleine, von Nord nach Süd gerichtete Thälchen 
durchschnittenen Hochebene. Die fast ausschließlich zum Acker 
bau benutzte Oberfläche wird hier aus Ablagerungen des oberen 
Diluviums gebildet, welche beispielsweise zwischen Friedrichsfelde und 
Hoppegarten, Wo die oberste Decke aus lehmigem Sande mit dar 
unter folgendem Lehm, den Verwitterungs- respektive Ausschläm 
mungsprodukten des auf weite Strecken gleichmäßig sich fortsetzen 
den oberen Diluvialmergels (Geschiebemergels), besteht, einen sehr 
fruchtbaren Boden liefern. 
Ganz anders ist die Umgebung der südlichen Eisenbahnlinie. 
Hier befinden wir uns mitten in dem ausgedehnten Thal eines 
ehemaligen Nicsenstromes unseres norddeutschen Flachlandes, welcher 
sich erst nach Ablagerung der soeben erwähnten Diluvialschichten 
sein breites Bett ausgrub und feine gleichkörnige Sande in dem 
selben ablagerte. Soweit der Blick reicht, sehen wir während der 
Fahrt nichts als eine einförmige, meist mit Kieferwaldungen be 
deckte, ebene Sandfläche, welche nur durch einige Dünensandzüge 
und kleine mit Torf- und Moorbildungen erfüllte jungalluviale 
Rinnen unterbrochen wird. Aber trotz der Einförmigkeit der Ge 
gend ist die südliche Linie bei einem Ausfluge nach Rüdersdorf 
entschieden vorzuziehen und zwar deshalb, weil sich von Erkner ab 
die Gelegenheit zu einer außerordentlich lohnenden Fahrt mit den 
kleinen Dampfbooten auf dem schön gelegenen Flaken- und Kalksee 
bis nach Rüdersdorf bietet. Die vom Flakensee aus sichtbaren, 
im Norden vorliegenden Erhebungen bei Woltersdorf und Wolters- 
dorser Schleuse bilden das Nordgehänge des großen in südöstlich 
nordwestlicher Hauptrichtung sich erstreckenden alten Oderthales, 
welches, nach Müllrose zu sich von dem heutigen Oderlauf abzweigend, 
über Berlin bis nach Havelberg deutlich zu verfolgen ist. Ein 
Blick von der Kuppe des zu den schönsten Aussichtspunkten ge 
hörenden Kranichsberges zeigt die weite Erstreckung der vorliegen 
den Thalcbene und läßt im Hintergründe den Müggelsberg er 
kennen, der wie ein trennender Pfeiler zwischen dem heutzutage von der 
Spree durchflostenen alten Oderthale und dem Thale der wendischen 
Spree oder Dahme stehen geblieben ist. Bon der Woltersdorfer 
Schleuse ab bestehen die 60—70 Fuß hohen Uferränder des Kalk 
sees aus den Schichten des unteren Diluviums. Die an dem 
schön mit Kiefern bestandenen Ostufcr durch künstliche Aufschlüsse 
entblößten Steilwände gehören dem unteren Diluvialmergel an. 
Auf diesem lagern Sande des unteren Diluriums, welche auch 
ausschließlich die ganzen Anhöhen am Westufer zusammensetzen. 
Im Norden des Kalksees rücken die Gehänge näher aneinander 
und lasse» ein mit Torf erfülltes Thal zwischen sich, in deffen 
Mitte sich der künstlich angelegte Kalkgraben befindet. Schon vom 
Kalksee aus beobachten wir zur Linken die ganz aus Kalksteinen 
im gothischen Style erbaute, freundliche Kirche von Alte Grund, 
nächst den uns auf der Fahrt begegnenden und oft mit Kalksteinen 
schwer beladenen Kähnen, das erste Anzeichen von der Nähe der 
Rüdersdorfer Kalkberge. 
Am Kesselsee verlasien wir das Dampsboot und haben nun 
entweder Gelegenheit, mittelst eines der dort stets zur Verfügung 
stehenden Kähne direkt durch den Reden-Tunnel in den Bruch 
einzufahren oder denselben auf einem kleinen Spaziergange zu 
erreichen. Wir wählen das Letztere, da sich uns dabei zugleich 
die Gelegenheit bietet, den ganzen Aufbau dieser im Diluvium sich 
insclartig erhebenden Klippe des älteren Gebirges etwas näher 
kennen zu lernen. 
Das hier auftretende Gestein ist ein in der Bildungsgeschichte 
unserer Erdrinde verhältnißmäßig sehr altes, denn es gehört zur 
sogenannten Triasformation, auf welche bis zu dem in Dilu 
vium und Alluvium sich gliedernden Quartär noch die gewaltigen 
Ablagerungen der Jura-, Kreide- und Tertiärzeit folgen. Die 
Trias zerfällt, von der ältesten Bildung an gerechnet, in Bunt 
sandstein, Muschelkalk und Keuper, von welchen in Rüders 
dorf nur die beiden ersteren zu beobachten sind. 
Die Ablagerungen der Trias geben sich durch die in ihnen 
vorkommenden Versteinerungen von charakteristischen, jetzt allerdings 
völlig ausgestorbenen Mecrthiercn als deutliche Absätze eines ehe 
maligen Meeresbodens zu erkennen. Dieselben können natürlich 
nur in sehr langen geologischen Zeiträumen gebildet sein, lagerten 
sich dabei ursprünglich horizontal und schichtweise ab und wurden 
durch die Länge der Zeit unter dem hohen auf ihnen lastenden 
Druck allmählig zu festem Gestein. Erst später, jedoch wahrschein 
lich vor der Tertiärperiode, wurde der ganze Gebirgsstock in der 
Weise ausgerichtet, wie wir ihn jetzt vor uns sehen. Letzterem 
Umstande hat man es zu danken, daß man die ganzen Schichten 
ihrem Alter nach verfolgen kann, da auch die ältesten bei der Auf 
richtung der Oberfläche nahe gerückt sind. Was ursprünglich zu 
unterst lag, nennt man das Liegende, was darüber sich befindet, 
das Hangende, so daß demnach der Buntsandstein als das Lie 
gende des Muschelkalkes zu bezeichnen ist. Der ganze Gebirgsstock 
ist im Allgemeinen nach Südost zu aufgerichtet, man spricht daher 
von einem Einfallen der Schichten nach Nordwest. Denken wir 
uns eine Horizontalcbene durch die aufgerichteten Schichten gelegt, 
so giebt die Linie, in welcher dieselben geschnitten werden, die 
Streichungsrichtung an. Diese verläuft bei Rüdersdorf von Nordost 
nach Südwest, ändert sich jedoch im Alvenslebensbruche in Folge 
einer Verwerfung in West-Ost um, so daß auch das Einfallen der 
Schichten dort nach Nord hin stattfindet. 
Gehen wir, nachdem wir die Brücke über den Reden-Kanal 
in Alte Grund überschritten haben, am Nordrande des Kesielsees 
entlang, indem wir das hübsch gelegene Gasthaus zur goldenen Traube 
zu unserer Linken lassen, so gelangen wir in die sogenannte Giesen 
schlucht und haben dort Gelegenheit, in den rothen dolomitischen 
Mergeln die oberste Abtheilung des Buntsandsteines, der soge 
nannte Röth, zu beobachten, welchem in größerer Tiefe eine Gyps- 
bank eingelagert ist. 
Hier befand sich früher ein Gypsbruch, der jedoch wegen 
der geringen Rentabilität aufgegeben wurde. Durch fiskalische 
Tiefbohrungen ist eine Gesammtmächtigkeit von 317,53 Meter 
für die Buntsandsteinformation in Rüdersdorf nachgewiesen. Aus 
dem beträchtlichen Salzgehalt der tiefsten Bohrprobe glaubt man 
schließen zu dürfen, daß darunter Ablagerungen des Zechsteines 
folgen, welche mit den Staßfurter und Sperenberger Salz 
lagern in Parallele zu stellen wären. 
Nachdem wir den Weg in der Giesenschlucht bis zu dem, 
Jdashöh genannten Akazienwäldchen hinaufgestiegen sind, wenden 
wir uns links, um die Aussicht auf den Rüdersdorfer Grund vom 
Schulzenberge (240') aus zu genießen. Der Blick von dort in das tief 
einschneidende, nach Norden zu kesselartig abgeschlossene Thal, zu 
besten beiden Seiten die freundlichen Häuser von Alte Grund und 
der Kolonie Rüdersdorfer Grund aus dem grünen Laub der Bäume 
hervorschauen, ist ein außerordentlich lieblicher. 
Unmittelbar gegenüber haben wir den 246 Fuß über dem 
Ostseespiegel gelegenen Arnimsberg vor tins, dessen Gehänge mit 
Wein- und Obstgärten geschmückt sind und dessen Gipfel das dem 
nächst zu enthüllende schöne Kriegerdenkmal von Rüdersdorf 
und Umgegend trägt. Wir sehen den langen Kalkgraben, der sich 
wie eine Silbcrader in Mitten des Thales hinzieht, bewundern 
den glatten Spiegel des Kalksees mit seinem bewaldeten Ostufer, 
lassen den Blick an den Kirchthürmen von Alte Grund und Wol 
lersdorf vorüberschweiien und freuen uns über den malerischen Ab 
schluß, welchen in weiterer Entfernung die mit Kiefern gekrönten 
Gipfel des großen und kleinen Müggclsberges dem anmuthigen Bilde 
verleihen. 
Die nordwestlich vom Schulzcnberge gelegenen Schutthalden zrir 
Linken lastend, überschreiten wir die nach Dorf Rüdersdorf und
	        
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