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Periodical volume 9. Juni1883, Nr. 37

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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rangen erlaubte, welche keineswegs freundlich klangen. Er 
schilderte die Einwirkungen der Priester und Beichtväter auf 
den kaiserlichen Hof, die Wechselwirkungen, welche dadurch 
hervorgerufen würden, die Politik der Unduldsamkeit, welche 
vergolten würde durch die Hülse der Kirche, um die Völker 
in geistiger Erstarrung und tiefster Unterwürfigkeit zu halten; 
nichts aber konnte meinem Onkel größeres Entzücken bereiten, 
als diese Gesinnung zu vernehmen, welche seiner eigenen so 
gut entsprach. 
Major Dumoulin schien dagegen bei Weitem nicht so 
sehr von dem Herrn Chevalier erbaut. Er warf Fragen 
auf, welche dies bezeugten, zuletzt die Frage, ob der Herr 
als ein geborner Ungar nicht selbst zur katholischen Kirche 
gehöre? 
Allerdings, erwiderte Herr von Clement in seiner höflichen 
und verbindlichen Weise, ich bin Katholik, allein — 
Dann ist es zu verwundern, unterbrach ihn der Major, 
den Herrn derartig reden zu hören. 
Es stände doch übel mit der Wahrheit, versetzte der 
Chevalier lächelnd, wenn wir uns so vor ihr verschließen 
müßten, lieber in Blindheit zu wandeln, als dem kirchlichen 
Willen ungehorsam zu sein. 
Die Kirche verlangt Gehorsam als erste und heiligste 
Pflicht, so streng wie der König hier zu Lande, ries Herr von 
Dumoulin. 
Der König verlangt, so viel ich weiß, vor allen Dingen 
Wahrheit, antwortete der Chevalier, und haßt nichts so sehr 
wie die Lüge. 
Nun, sagte der Major mit spöttischen Mienen, ich wollte 
doch Niemandem rathen, des Königs Willen nicht zu thun, 
weil er etwa glaubt, damit gegen die Wahrheit zu handeln. 
Der König, Herr Chevalier, ist bei uns die höchste Wahrheit 
und der höchste Wille; wer den nicht befolgen, oder wer ihn 
hintergehen will, dem ist der Galgen in Berlin sicherer, als 
in Rom der Scheiterhaufen. 
Es kam mir vor, als ob Herrn von Clements schönes 
lächelndes Gesicht bei diesen rauhen Worten sich ein wenig 
verdunkelte, aber es war nur ein Schatten, welcher darüber 
hinlief. Er blickte gleich wieder auf und erwiderte in wür 
diger Weise: Jedem Gewiffen widersteht die Gewalt, welche 
man ihm aufzwingen möchte, leider aber ist immer noch viel 
mehr Finsterniß als Licht auf Erden. Davon hat vor 
wenigen Jahren mein armes Vaterland Ungarn ein Beispiel 
gegeben. Religiöser Druck und der kaiserliche Absolutismus, 
der dem Lande seine alten Rechte und Freiheiten entriß, 
brachten den großen Aufstand hervor, welcher zehn Jahre 
lang wüthete; und was hat es geholfen, daß vor sieben 
Jahren endlich beim Friedensschluß den Ungarn die Herstellung 
ihrer Rechte und den Protestanten Religionsfreiheit zugesichert 
wurde? Bald waren Priester und Kaiser wiedenim gewalt- 
thätiger als vorher. Der edle tapfre Feldherr und Fürst 
Franz Nagoezy, den das Glück verlassen hatte, mußte vor 
seinen Verfolgern nach Frankreich entfliehen, vielen Anderen, 
die bei ihm gestanden, blieb nichts übrig, als das Vaterland 
ebenfalls zu verlassen. 
Waren Sie zu jener Zeit in Ungarn? fragte der Major, 
ihn scharf ansehend. 
Ich habe niemals des Schwert getragen, erwiderte Herr 
von Clement, der die Gedanken des Majors errieth, auch habe 
ich nicht zu den Verfolgten gehört. Allein ich war in Ungarn, 
und ich gestehe, daß der Abscheu, den ich damals vor den 
Handlungen vieler Männer in Priestergewändern und vor 
den treulosen Versprechungen hoher Herren empfand, viel 
dazu beigetragen hat, mich von meinen früheren Meinungen 
abzuwenden. 
Sie haben, tvie ich gehört, dem aufrührerischen Fürsten 
Nagoezy beim Utrechter Frieden gedient und seine Sache ver 
theidigt? fuhr Dumoulin nicht freundlicher fort als vorher. 
Damals nannten Sie sich Baron von Rosenau. 
Ich habe diesem edlen und unglücklichen Herrn mit 
Freuden gedient, antwortete Clement, und den Namen meiner 
Mutter dabei angenommen. Leider hatte ich keinen Erfolg, 
denn der Kaiser besaß große Macht und Einfluß. England 
und die Generalstaaten standen ihm zur Seite. 
Aufrührer müssen ihren Lohn bekommen! rief Dumoulin. 
Der Kaiser hat genug von ihnen gelitten. 
Vergessen Sie nicht, mein werther Herr von Dumoulin, 
antwortete Clement gelassen lächelnd, daß der König von 
Preußen, Ihr allergnädigster Monarch, dem Fürsten Nagoezy 
sein Wohlwollen schenkte und daß er gegen die fernere Be 
drückung der Protestanten die kräftigsten Vorstellungen erhob. 
Mein Onkel hatte lange Zeit schon unmuthig das Be 
nehmen des Majors beobachtet, und er erinnerte sich zugleich 
ebensowohl, was Herr von Marschall ihm erzählte, daß näm 
lich dieser Baron Rosenau im Haag die schönsten Verbin 
dungen gehabt, auch oftmals vom preußischen Gesandten, 
Grafen Metternich, und andern Gesandten, nur nicht von den 
kaiserlichen, eingeladen worden sei, tvie er sich auch erinnerte, 
daß der König selbst ihm diesen Gast übergeben, der ein so 
feiner, vornehmer und gelehrter Herr war, daß seine Seele 
sich daran erwärmte. Der Major benahm sich grob und 
anmaßend gegen ihn, und auch jetzt noch, als mein Onkel sich 
einmischte und den Herrn von Clement unterstützte, fruchtete 
dies wenig bei dem trotzigen Offizier, der es nicht unterließ, 
weiter mißgünstige Bemerkungen und Ausfälle zu machen. 
Dabei trank er viel Wein und verspottete den mäßigen 
und bescheidenen Chevalier, indem er ihm ins Gesicht schrie, 
daß, wenn er nicht tapfer trinken und rauchen und andere 
Cavaliertugenden aufweisen könne, er am besten thun würde, 
so schnell als möglich sich wieder fortzumachen. 
Dies ist auch meine Absicht, antwortete Herr von Clement, 
denn ich habe wichtige Geschäfte im Haag, allein — so wandte 
er sich zu mir — es wird mir schwer werden, Mademoiselle, 
dies Haus bald wieder zu verlassen, in welchem ich mit so 
vieler Güte aufgenommen wurde. 
Dann, sagte ich, müssen Sie recht lange bei uns bleiben, 
so lange es immer angeht- 
Würden Sie nicht darüber zürnen? fragte er. 
Es könnte uns sicher nichts Angenehmeres geschehen, 
erwiderte ich, nach dem Major blinzelnd, der wie ein Eisblock 
aussah, was mich innerlich ergötzte. Ich glaube, fügte ich 
hinzu, daß ich ganz nach den Wünschen meines herzliebsten 
Herrn Onkels gesprochen habe. 
Der hochwürdige Hofprediger bestätigte dies mit wort 
reicher Verbindlichkeit, ergriff dazu sein Glas und brachte 
einen Trinkspruch auf das Wohl des Herrn von Clement 
aus, dessen Aufenthalt in Berlin ein freudenvoller, langer 
und gesegneter sein möchte.
        
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