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Volume 2. Juni1883, Nr. 36

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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Man war allmalig in weiteren Kreisen auf seinen eleganten 
Styl, seine liebenswürdige, einsichtsvolle Art des Kritisirens, die 
nie ermüdete, sondern stets anregte, sein witziges Plaudertalent 
aufmerksam geworden, und dies bewog die Redaktion der „Vossi- 
schen Zeitung," mit ihm <1864) in Verbindung zu treten, und 
keiner von beiden Theilen hat es Wohl bis heutigen Tags zu 
bedauern gehabt. Eine fernere intimere literarische Verbindung, 
welche ebenfalls noch andauert, war die drei Jahre später mit der 
„Schlesischen Zeitung" geschlossene, für welche er an Kossack's Stelle 
die wöchentlichen „Berliner Briefe" schrieb und noch heute schreibt. 
Beide Zeitungen sandten ihn gemeinschaftlich im April 1869 auf 
eine Stangen'sche Orientreise, und zum ersten Male sah er den 
Süden in seiner überwältigenden Farbenpracht. Es waren herrliche, 
für ihn unvergeßlich holde Frühlingstage, die er in Venedig, Triest, 
Korfu, Athen, Konstantinopel re. verlebte, und der tiefe Eindruck, 
den die wunderbare Natur und die fast in jeder Stunde sich än 
dernde Umgebung aus ihn ausübten, spiegelt sich deutlich in seinen 
Licht und Freude athmenden Beschreibungen wieder. 
Schneller, als er es vermuthet und gehofft, sollte er den 
Orient Wiedersehen, denn als im Oktober deffelben Jahres die Er 
öffnung eines Riesenwerkes menschlicher Thätigkeit und Kraft, des 
Suez-Kanals, bevorstand, sandte ihn die „Vossische Zeitung" nach 
Aegypten. In Kairo wurde er „Jnvitö" des Khedive und traf 
sodann in Port-Said den Kronprinzen, dem er 1868 in Berlin 
zuerst vorgestellt worden war und der ihn darauf zu seinem Masken 
bälle eingeladen, ihm auch viel Freundliches über seine Berichte 
gesagt hatte. Wenige Tage darauf begegnete er dem Kronprinzen 
von neuem und zwar in Jsmailia, der Stadt am Timsachsee, in 
der Mitte der Länge des Kanals, wo die Hauptfeste gefeiert wurden. 
Der preußische Thronfolger lud ihn ein, in seiner Begleitung die 
Nilreise bis zu den Katarakten mitzumachen, und man kann 
sich denken, wie gern Pietsch dies Anerbieten annahm. Am 
zweitfolgenden Tage sollte er den Kronprinzen in Suez treffen, 
in seiner Begleitung nach Kairo fahren und an demselben Abend 
an Bord seines Nildampfers gehen. Der schöne Plan sollte nur 
— Plan bleiben. Auf der Rhede von Suez, wo das Schiff, 
welches Pietsch benutzte, später anlangte, als des Kronprinzen 
„Grille," wurde das Boot, auf dem der unternehmungslustige Be 
richterstatter der „Tante Voß" in Gesellschaft von drei Ma 
rinekadetten der „Hertha" an das Land fahren wollte, von einer 
ägyptischen Dampfbarkasse überfahren und zerschellt. Pietsch sank 
sofort in die Tiefe, kam nochmals in die Höhe und wurde durch 
einen jener Kadetten, den jungen Herrn Bischof aus Danzig, der 
an Bord des Dampfers geklettert war und ein Boot ausgesetzt 
hatte, durch Hinreichen eines Bootshakens gerettet. Der Kron 
prinz war unterdeffen aber schon nach Kairo abgedampft. In den 
durchnäßten Kleidern, denn auch die in seinem Koffer befindlichen 
waren vollständig ausgeweicht, mußte Pietsch nun die Nachtfahrt nach 
Kairo antreten. Als er Morgens um 6 Uhr vor dem Schloß 
Kasr el Nil ankam, erfuhr er, daß der Kronprinz schon fort wäre; 
man hatte vergebens noch die Nacht hindurch auf Pietsch's Ein 
treffen gewartet. Zehn Tage hielt sich Pietsch noch in Kairo auf, 
dann machte er nebst den übrigen Jnvits's des Khedive auf zwei 
vizeköniglichen Dampfern die Nilreise bis zum ersten Katarakt als 
Gast des Khedive mit. Es waren unvergänglich schöne Wochen, 
die ihren Erinnerungsschein in das ganze spätere Leben Pietsch's 
geworfen haben. Nach Kairo zurückgekehrt, verlebte er das Weih- 
nachtssest daselbst im Hause Brugsch-Bey's und reiste am Sylvester- 
abend nach der Heimath ab, woselbst er Mitte Januar anlangte. 
Sehr lange sollte er die Ruhe nicht genießen können. Dro 
hende Kriegswolken zogen am politischen Himmel auf und entluden 
sich alsbald im Donner der Geschütze. Pietsch war direkt vor 
dem Ausmarsch der Truppen vom Rhein nach Berlin zurückge 
kehrt, nun hieß es, im Dienste der „Schlesischen-" und „Vossischen 
Zeitung" von neuem das Ränzel packen und, mit Tinte und Feder 
bewaffnet, die deutschen Heere begleiten. Im Trubel jener stür 
mischen Tage durfte er nicht hoffen, noch im letzten Augenblick 
offizielle Papiere zu erhalten, und so fuhr er denn am 1. Au 
gust ohne Paß und Erlaubnißschein oder sonst dergleichen ab. Der 
Anfang war wenig ermuthigend, denn von Eisenach bis Frankfurt 
legte er die Reise in einem Pferdewagen der Garde du Korps 
versteckt zurück! In Hast und entsetzlicher Aufregung ging es dann 
weiter nach Speyer, Landau und Weißcnburg; die Schlacht war 
eben geschlagen und ermüdet bis zum Tod, bestaubt, hungernd 
und durstend mußte Pietsch seinem Beruf nachkommen und mit 
Feder und Zeichenstift seine Erlebnisse nach Hause berichten! Am 
Tage von Wörth kam er im Postwagen des 11. Korps aus das 
Schlachtfeld, wo der Kronprinz an ihm vorüber ritt, ohne ihn zu 
sehen; die Nacht mußte er auf dem Schlachtfelde kämpften, den 
Morgen verbrachte er ebenfalls dort schreibend und zeichnend. 
Halb verhungert marschirte er Abends zu Fuß zwei Meilen nach 
Sulz zurück; die Nacht brachte er auf der Diele im Wirthshause 
zu. Der kommende Morgen war trübe und unfreundlich; es reg 
nete in Strömen und auch für Pietsch hing der Himmel durchaus 
nicht „voller Geigen," denn wie sollte er, noch dazu ohne jegliche 
Legitimation, weiterkommen? — Auf den Straßen drängten sich in 
unendlichen Zügen die Armeen entlang, die Häuser waren mit 
Verwundeten überfüllt, man wußte nicht, standen unmittelbar neue 
Schlachten bevor oder waren in der Nähe welche geschlagen, man 
ahnte nicht, wohin sich der Marsch der Heerkörper richtete, kurz, 
der Krieg zeigte sich in seiner ganzen, vollen, furchtbaren Nacktheit. 
Niedergeschlagen, entmuthigt, verzweifelnd stand Pietsch auf 
der kothigen Straße zwischen sich drängenden und schiebenden 
Marketenderwagen, während Truppen auf Truppen vorbeidefilirten; 
sie freilich kamen vorwärts, während der Civilist da mit dem 
Schlapphut, der so gern im Dienste der Presse mit ihnen mar- 
schirt wäre, zurückbleiben mußte! — Da entsteht plötzlich eine 
eigenthümliche Bewegung, die Soldaten treten zur Seite, um die 
Straße frei zu machen, stürmische Hurrahrufe werden hörbar und 
schwellen mehr und mehr an. „Unser Fritz" verläßt an der Spitze 
des Hauptquartiers Sulz, um neuen Siegen entgegen zu reiten. 
Sein ernstes und doch mild blickendes Auge schweift freundlich 
' grüßend über die durch seinen Anblick begeisterten Soldaten hin, 
da trifft es auch den ferner stehenden Pietsch, er zügelt das Roß, 
ruft ihn zu sich heran und begrüßt ihn; als er sein Mißgeschick 
erfährt, ladet er ihn gütig ein, sich dem Hauptquartier der III. Ar 
mee anzuschließen und mit diesem den Feldzug mitzumachen, 
vorläufig möchte er sich nur eines der dem Stabe folgenden Wagen 
bedienen. Wer war glücklicher wie Pietsch? Alle Noth und Sorge 
war ja nun zu Ende. Aber noch eine freudige Ueberraschung war 
ihm aufgespart; als er den Schlag des bezeichneten Wagens öffnet, 
trifft er in demselben keinen Geringeren — wie Gustav Freytag. 
Die III. Armee begleitete er dann auch meistentheils im 
weiteren Verlauf des Feldzuges; später fuhr und ritt er viel in 
Gesellschaft der Aerzte Wilms und Börger und schloß sich wieder 
holt der Intendantur an. Auf dem Berge über Frenois sah er 
zuerst dicht neben Bismarck und Roon Sedan vor sich liegen; die 
Nacht nach der Schlacht kampirte er auf bloßem Boden; während 
des Kampfes und an den folgenden Tagen hat er geschrieben und 
gezeichnet. Von Sedan ging es nach Versailles und zu den 
Vorposten des fünften Korps, dann aber, im Oktober, über 
Toul, Straßburg und die geliebte Villa Turgenjew in Baden- 
Baden nach Berlin zurück, denn — die Kunst rief! — Die 
Kunstausstellung war eröffnet, Pietsch schrieb in Berlin den 
Bericht darüber, equipirte sich und suchte von neuem den Kriegs 
schauplatz auf. Von dem eben bezwungenen Metz fuhr er mit 
Proviantkolonnen nach Versailles, woselbst er auch bei der Kaiser 
proklamation im Siegessaale des stolzen Schlosses anwesend war
	        
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