Path:
Volume 2. Juni1883, Nr. 36

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

439 
rischen Berufe zu widmen und fleißiger als vorher das Tintenfaß 
und die Feder zu gebrauchen, und wir haben Wohl keine Veran 
lassung es zu bereuen. Seit jenem Jahre hat Pietsch mit wenigen 
Ausnahmen über die Berliner Kunst-Ausstellungen berichtet und 
kann er in diesem Sommer ein eigenartiges, gewiß seltenes 
Jubiläum begehen, da es 25 Jahre her sind, daß er zum ersten 
Male über den „Berliner Salon" schrieb. 
Das Jahr 1858 bildete also einen bedeutenden Wendepunkt 
im Leben und der Karriere Ludwig Pietsch's, und seitdem ist 
er mit der Berliner Presse und Berlin sowie den Ber 
linern selbst auf das engste verknüpft, so eng, daß es uns 
jetzt ganz eigenthümlich erscheinen würde, wenn nicht nach einem 
größeren Ball, einer rauschenden Feierlichkeit, einem Hof- oder 
Künstlersest, einer Ausstellung, und sei es die des Hochzeitstaates 
einer Prinzessin, „L. P." darüber schreiben würde. Durch 
Pietsch ist jenes obige Jahr aber auch in der Berliner Publizistik 
von einiger Bedeutung geworden, denn Pietsch gab durch sein 
Beispiel den ersten Anstoß dazu, daß die Berichterstattung über 
Festlichkeiten und dergleichen eine leichtere, liebenswürdigere, unter 
haltendere wurde, wie er denn auch der Erste war, welcher die 
Hoibälle mit all' ihrem Glanz und Schimmer, ihren strahlenden 
Uniformen und prächtigen Toiletten beschrieb. Was war das 
damals für ein Aussehen, ein Kopfschütteln und Nasenrümpien, als 
jene Artikel zum ersten Male erschienen und sich die Fürstin G. oder 
Komtesse M. erwähnt fand, wie schmollend zog sich da manch' 
schönes Mündchen zusammen, wie drohend sahen da manch' gluth- 
volle, feurige Augen aus das häßliche Zeitungsblatt, welches jene 
harmlosen Indiskretionen enthielt! — Und heute? — Ach, die 
Zeiten ändern sich und wir mit ihnen, und das Gegentheil von 
früher tritt oft ein; heute zieht sich manch' lieblicher Mund in 
ärgerliche Falten und manch' holdes Auge blickt enttäuscht und 
ärgerlich, wenn jene Indiskretionen am Morgen nach dem Ball 
gesucht und nicht gefunden werden! — 
Allmählich vergrößerte sich Pietsch's feuilletonistische Thätigkeit, 
und wenn wir gegenwärtig sein literarisches Arbeitsfeld überblicken, 
wenn wir an die Matim'-en und Soiröen, an die Bälle und Hof-Feicr- 
lichkeiten, die Ausstellungen und Salons, die Pferderennen und 
Jagden, Manöver und Reisen, und so all infinituni weiter denken, 
die er im Lause eines Jahres mitdurchmachen und beschreiben muß, 
so bewundern wir aufrichtig und ehrlich seine Schaffenskraft und 
seine geistige Elastizität. Denn es ist wohl ein herrlicher Beruf, 
von dem Schönen, was man erlebt und sieht, was uns erhebt 
und erfreut, Tausenden und Abertausenden durch das gedruckte 
Wort Kunde zu geben und sie auf diese Weise gleichsam mitge 
nießen zu lasten, aber ein anstrengender, ein aufreibender und oft 
wenig beneidenswcrther Berus ist es daneben auch! 
So wechselseitig und farbenreich wie sein literarischer Wir 
kungskreis, so mannigfaltig und ereignißvoll ist sein Leben selbst. 
Geboren am 25. Dezember 1824 zu Danzig, genoß er von srüh- 
auf eine sorgsame und liebevolle Erziehung; in seine Jugendjahre 
klang noch das lange nachhallende Echo der Befreiungskriege 
hinein, und sein Vater wird ihm so manches Mal aus den Tagen 
der großen Erhebung und der das deutsche Volk vom fremdlän 
dischen Joch befreienden Schlachten und blutigen Kämpfe erzählt 
haben. War dieser doch einer der Ersten gewesen, die sich unter 
Aork's Fahnen sammelten und dann das Nationalfreiwilligen- 
Regiment bildeten, und sah man doch oberhalb des rechten 
Auges die tiefen Spuren eines an der Katzbach empfangenen 
französischen Säbelhiebes. Dieser begeisterte Wiederhall einer be 
geisternden Zeit trug gewiß viel dazu bei, daß der Knabe 
träumerischer und in sich gekehrter wurde; vielleicht erweckten die 
Kriegs-Erzählungen auch zuerst in ihm den später laut werdenden 
Wunsch, Historienmaler zu werden und so die kriegerischen münd 
lichen Berichte des Vaters auf die Leinwand zu übertragen. Schon 
mit seinem dreizehnten Jahre machte sich die Lust zum Zeichnen 
bei Pietsch bemerkbar, und nachdem er die Realschule zu St. Peter 
in Danzig absolvirt, stand in ihm der Entschluß fest, Maler zu 
werden. Er bezog daher im April 1841 die Berliner Akademie, 
amangs mit nur geringem Erfolg, denn der junge Kunstschüler 
wär noch zu sehr in idealen Ansichten und künstlerischen Zukunfts 
plänen befangen, sieben den technischen Studien widmete er viel 
Zeit der Lektüre, Goethe, Shakespeare und Jean Paul waren 
seine Lieblings-Autoren, und ihre Werke illustrirte er von Anfang 
bis zu Ende, — wenn auch vorläufig nur im Geist. 1843 kam 
er in das Atelier des damals als Portraitmaler beliebten Pro- 
feffor Otto. Es war jedoch keine ersprießliche Schule kür Pietsch, 
denn, wie er selbst sagt, „lernte man nichts als manierirtes Zeichnen 
J und den Hochmuth, mehr in die Tiefen der Kunst eingeweiht zu 
sein als alle Anderen." 
Das wildbewegte, über die deutschen Lande wie ein reinigender 
Sturm hinbrausende Jahr 1848 brachte mancherlei Veränderungen 
in Pietsch's Leben hervor. Sein Vater wurde ihm genommen, 
aber, gewissermaßen als Ersatz, fand Pietsch eine treue und brave 
Lebensgefährtin: er führte ein aus bescheidenen Verhältniffen her 
vorgegangenes 17jähriges Mädchen zum Trau-Altar. Die „Honig 
monate" hatten für das junge Paar zuweilen einen recht bitteren 
Nebengeschmack. Beide hatten sich die Gründung eines eigenen Haus 
standes doch wohl leichter vorgestellt; mancherlei Beschwerde und 
bittere Drangsal und selbst die Noth in ihrer furchtbaren, nackten 
Gestalt blieb nicht aus, und es war ein harter, ein schlimmer 
Kampf um das Dasein, den der junge Gatte damals durchkämpfen 
mußte. Seine Lebensgefährtin stand ihm treu in demselben zur 
Seite; während er durch Zeichnen und Lithographiren sich etwas 
erwarb, suchte sie durch Nähen und Arbeiten von Puppenkleidern 
j auch das Ihrige zur Erhaltung der Familie beizutragen. 
Nach und nach kamen einigermaßen bessere Tage; die „Jllu- 
strirte Zeitung" nahm einzelne Zeichnungen von Pietsch, zu denen 
j er den Begleittext selbst geliefert, an, und gab ihm auch femere 
! Aufträge; sodann zeichnete er für verschiedene Verleger, radirte und 
lithographirte daneben und portraitirte in Kreide, Lithographie sowie 
in Oel. In jene Zeit (1853) fällt die Bekanntschaft mit Lübke, die 
! später für ihn von so großen Folgen sein sollte. Seit eben jenem 
! Jahre 1858 widmete er sich mehr und mehr der Schriststellerei, 
schrieb z. B. Feuilletons für die „Danziger Zeitung," die er 
„Stück für Stück" mit einem „ganzen Thaler" bezahlt erhielt, 
' versah die großen Schauerschen Photographie - Albums, z. B. 
^ dasjenige der Bilder Horace Vernet's, mit Einleitungen, vergaß 
aber über der neuen Beschäftigung nicht die alte, sondern illu- 
- strirte fleißig die Werke alter und neuer Klassiker und zeichnete viel 
für die großen deutschen Familien - Journale, u. a. für „Ueber 
Land und Meer" und „Bazar." 
1863 konnte er durch Unterstützung Befreundeter einen für 
ihn sehr werthvollen Aufenthalt in Paris nehmen; aber auch hier 
hieß es unermüdlich arbeiten und thätig sein, denn es galt die in 
Berlin gebliebene, aus der Gattin und sechs Kindern bestehende 
Familie zu ernähren. Während er Vormittags in Gleyre's Atelier 
Mal- und Naturstudien oblag, Nachmittags aber für deutsche 
Journale zeichnete, schrieb er Morgens und Abends, event, auch 
Nachts für die Spener'sche- sowie die Berliner Allgem. Zeitung 
Feuilletons und Kunstberichte aus der leichtlebigen Seinestadt. In 
der letzteren erneuerte er die 1847 in Berlin geschloffene Freund 
schaft mit Turgenjew (diese Freundschaft hat sich bis heute erhalten) 
und folgte ihm, als jener nach Baden-Baden übersiedelte, dorthin. 
Von da kehrte er nach Berlin zurück, hing nun aber die Palette an die 
Wand und widmete sich von neuem ganz speziell dem Jllustriren 
der Klassiker, zeichnete aber auch viel für die „Gartenlaube," das 
„Daheim" re. und schrieb Kunstartikel für die „Grenzboten" und 
andere Blätter.
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.