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Periodical volume 2. Juni1883, Nr. 36

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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Jugend gefolgt und nahmen die Sopha- und Lehnstuhlplätze 
ein. Tante Bertha schoß Blitze der höchsten Wuth aus ihren 
grauen Augen, denn August bekümmerte sich nur »och um 
Aliee, er hatte Tante Bertha kaum beachtet und die kokette 
Person, wie sie das reizende Blondköpfchen in Gedanken be 
titelte, war von solcher Freundlichkeit gegen ihn, daß er 
immer feuriger wurde; die alte Spiegel mochte sie wohl ge 
hörig instruirt haben, die Kupplerin. 
Es ging zu Tisch und August reichte mit chevaleresker 
Verbeugung Alice den Arm, Rudolph führte Hertha. 
Aber was lag der Tante daran, der arme Jägerlicutcnant 
half ihr gar nichts, im Gegentheil, durch seine Aufmerksam 
keit gegen Hertha hielt er noch andere wirkliche Betverber fern. 
Aber Tante Bertha sollte sich heute noch mehr ärgern. 
Man saß schon eine Weile beim Abendbrod und die Plätze 
von Frau Ullrich und ihrer Tochter waren noch leer, ebenso 
fehlte Doktor Bock, der Privatdozcnt aus Halle. 
Doktor Weiß mit seiner reizenden Frau waren auch 
etwas später gekommen und erzählten, Bock sei Honorarpro 
fessor in Tübingen getvorden; es wäre dies eine große Aus 
zeichnung und eine pekuniär sehr gute Stellung, und Tante 
Bertha spann in Gedanken wieder Fäden darait für die 
Nichte. Sollte sich Secken definitiv für die dumme kleine 
Spiegel entscheiden, so war ein gut dotirtcr Professor doch 
immerhin auch eine annehmbare Partie! — 
Die beiden Wciß's hatten schon öfter lächelnd nach der 
Thür geblickt, jetzt tvurde sie vom Kellner geöffnet und herein 
trat Frau Ullrich, hochrvth vor Erregung, dahinter folgte 
Anna, die schüchtern die Augen zu Boden schlug und dann 
kam Professor Bock; -er reichte Anna den Arm und an den 
Tisch tretend sagte er mit freudig bewegter Stimme: „Er 
lauben die Herrschaften, daß ich ihnen meine Braut vorstelle!" 
Ein allgemeiner Beglückwünschungssturin erhob sich; 
Hertha umarmte Anna herzlich; August brachte ein Hoch aus; 
nur Tante Bertha reichte mit kühler, hochmüthiger Miene 
dem Brautpaare die Hand, und flüsterte im Niedersitzen der 
älteren Spiegel, die heute ihre Nachbarin war, da die Jugend 
zusammen saß, etwas von plebejischen Manieren des Bräuti 
gams zu und daß sie die llllrich nicht begreife, ihre Tochter 
einer Badebekanntschast zu verloben; in ihrer Gcsellschafts- 
sphäre schiene man recht unvorsichtig in solchen Sachen zu 
sein! — 
Und nun stand es auch bei Tante Bertha fest, Bock war 
entschieden ein Abenteurer, cs war nur gut, daß sie so vor 
sichtig mit ihm ivar. 
Indessen war das Abcndbrod vorüber, Wciß's, Frau 
Ullrich und das Brautpaar zogen sich zurück. Der Präsident, 
Bertha und die Stiftsdamen spielten Whist und drinnen im 
Musikzimmer tvarcn die vier jungen Leute harmlos beisammen, 
die beiden Gymnasiasten saßen auf einem Stuhle, und belä 
chelten mit gutmüthigen Gesichtern August's Bemühungen um 
Alice; Rudolph und Hertha saßen am Flügel; Hertha hatte 
gesungen und wenn ja ein Zweifel in Rudolph's Herzen 
gewesen wäre, die sympathische Stimme hätte ihn allein 
erobert. — 
Hertha mußte beim Schlafengehen wieder eine heftige 
Rede und bittere Vorwürfe von der Tante hinnehmen, aber 
ihr Herz war so selig beglückt, daß sie nichts anfocht. — 
„Wollen wir morgen abreisen?" fragte Rudolph scherzend 
den Freund beim „Gute Nacht" sagen. 
»Jetzt finde ich cs reizend hier, willst Du fort, so bleibe 
ich allein hier," entgegnete eifrig Gustel, „aber, alter Junge, 
mache mir nichts vor. Du gingst ja auch nicht fort, so 
lange die kleine Hertha hier ist. Denkst Du, ich bin blind, Du 
bist ja bis über die Ohren in sie verliebt!" 
Rudolph erröthete, widersprach aber nicht und legte sich 
zur Ruhe. 
Zehn Tage waren verflossen und Hankes dachten ernstlich 
an die Abreise; Tante Bertha hatte sich in stiller Resignation 
beruhigt; Bock war verlobt, auch schon abgereist, Ullrichs 
auch, was der Tante besonders lieb war; die dumme Person, 
die Ullrich, hatte seit der Tochter Verlobung etwas so sich 
Ueberhebcndes angenommen, sie war albern genug zu glau 
ben, man beneide ihr den Schwiegersohn! — Diesen Herrn 
Bock! — lächerlich! — 
August hatte der kleinen Spiegel so den Hof gemacht, 
daß an einer ernstlichen Absicht nicht mehr zu zweifeln war; 
die Tanten wollten ohne die Eltern es zu keinem entschei 
denden Worte kommen lassen und waren mit der Nichte ab 
gereist; morgen wollte August auf sein Gut, sagte er, jeden 
falls aber ging er zu Spiegels, sich das Jatvorl holen, die 
Tanten sollten nur vorbereiten. — 
Tante Bertha schic» die Harzreisc eine recht verfehlte; 
ihre Nerven hatten durch Herthas albernes Benehmen mehr 
gelitten, als sich erholt. — 
Der Tag war langsam hingeschlichen, Bertha hatte ge 
packt, Hertha geschrieben, sic war recht still, jedenfalls ärgerte 
sie sich jetzt über ihre Albernheit mit Secken, die Lcction war 
für die Zukunft vielleicht heilsam. — Die beiden Freunde 
befanden sich auf ihrem Zimmer. — 
August hatte um Alice geworben, ihr Wort hatte er; 
den Tanten hatte er die Namensverwechslung mit Rudolph 
gestanden, sie wollten beim Bruder ein gutes Wort für ihn 
einlegen, Alicens Vater war reich, er würde den armen 
Schwiegersohn auch willkommen heißen, wenn er der Tochter 
Glück begründen konnte; — August war in unbeschreiblicher 
Stimmung, wie ein Schifflein auf dem Meere stieg sie thurm 
hoch, um gleich darauf tief nach unten zu sinken. 
Eben war der Wagen davongcrvlll, der August hinwcg- 
sührte, der Freund hatte ihm „viel Glück" nachgerufen; Tante 
Bertha hatte es gehört und hatte die Hand geballt vor Wuth 
über den Treulosen. Dem Freuitde wollte sie heute ordentlich 
die Meinung sagen, er hatte unbedingt die Hauptschuld an 
der Vernichtung ihrer Pläne. 
Die Spiegel war reich, da konnte er weiter schmarvtzerir 
in Elmenhof. Nahm Secken eine arme Frau, dann konnte 
er seine Freunde nicht mehr so vollständig erhalten wie 
bisher. 
Hertha hatte den Brüdern versprochen, init ihnen seltene 
Farren zu suchen, sie befestigte den Strohhut auf den braunen 
Locken und schritt hurtig der Ilse zu. Kaum waren sie im 
Walde, so holte sie Rudolph ein; er reichte Hertha die Hand 
und sie legte die schlanken Finger mit leisem Drucke hinein. — 
Die beiden Gymnasiasten kletterten hoch in die Felsen 
hinein und Rudolph und Hertha gingen still und befangen 
neben einander her; plötzlich blieb Rudolph stehen und Herthas 
Hand ergreifend, blickte er ihr tief in die Augen: „Hertha,
        
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