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Volume 2. Juni1883, Nr. 36

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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und in Dcinuth ersterbend seinen allergnädigsten Herrn be 
gleitete. 
Als er hinaus war, sah der Major verdrießlich hinterher 
und schien mit seinen Gedanken beschäftigt- # 
Wer hat also Recht? rief ich, auf ihn zugehend. Ich 
habe Recht! Ist das ein artiges Benehmen, wie es ein König 
haben muß? Mich so zu behandeln, wie es wohl ein Russe 
oder Kalmuck thäte. 
Um des Himmels willen, schweigen Sie! fiel Dumoulin 
flüsternd ein. Er ist noch gnädig genug gegen Sie gewesen 
und hat Ihnen zuletzt sogar sein Wohlivollen bewiesen. 
Sein Wohlwollen? Ach richtig! sagte ich, wir müssen 
uns alle gehorsamst bedanken. Ein vornehmer Gast wird 
uns Gesellschaft in diesem stillen Hause leisten, wo es bisher 
langweilig war. und ich habe deir angemessenen Auftrag er 
halten, mir seine besondere Huld zu erwerben. Gewiß auch will 
ich Alles aufbieten, um Se. Majestät zufrieden zu stellen, 
und wie neugierig ich bin, mein bester Herr Major! Wie 
neugierig auf den edlen Herrn Chevalier, der so liebreizend 
aussehen soll. Bringen Sic ihn ja wohlbehalten zu mir- Ich 
möchte ihm selbst entgegegenfahrcn, um meine gehorsamsten 
Dienste sogleich zu beginnen- 
Ich wollte, daß ich lieber den Auftrag erhalten hätte, 
diesem Menschen mit dem Degen auf den Leib zu gehen, ver 
setzte der Major ärgerlich- 
Wie blutdürstig, wie sündhaft Sic sind! unterbrach ich 
ihn. Ein schöner vortrefflicher Herr, der von Ihrem Könige 
eingeladen und mir so eindringlich empfohlen wird, soll von 
Ihnen umgebracht werden! 
Ach, meine beste Charlotte, cntgegnete er, inich anschauend, 
spotten Sie nicht weiter- Es könnte Ihnen auch noch die 
Lust dazu vergehen. 
Ich hatte die größte Lust, ihn noch mehr auszuspotten, 
allein mein Onkel kam so eben zurück und vertrieb mir dies 
Vergnügen. — Mein Onkel, der Hofprediger, war ein be 
rühmter Gelehrter, reformirter Bischof von Böhmen und Groß 
polen, und wohlbekannt im ganzen heiligen römischen Reiche. 
In die Streitigkeiten der beiden - Religionsparteien der evan 
gelischen Kirche, der Lutheraner und Reformirten, war er eben 
so tief verwickelt, als in den Streit gegen die Katholiken und 
katholischen Fürsten, welche damals ihre protestantischen Unter 
thanen nicht selten schwer bedrückten. Der kaiserliche Hof in 
Wien ging dabei mit seinem Beispiele voran, König Friedrich 
Wilhelm aber schützte und vertheidigte seine Glaubensgenossen 
mit standhafter Treue, ohne sich schrecken zu lassen. Seit der 
Kurfürst von Sachsen katholisch geworden, war die Schutzherr 
schaft über den deutschen Protestantismus auf Preußen über 
gegangen, und mit der wachsenden Macht des brandenburgischcn 
Hauses gehörte es zu dessen Politik, die Sympathien des pro 
testantischen Deutschlands für Preußen zu gewinnen. Neben 
den Vorstellungen und drohenden Roten der Diplomaten spiel 
ten aber die Streitschriften und Beweise der Theologen da 
mals eine große Rolle, und hierbei war mein Onkel vielfach 
thätig, von seinem hohen Herrn gebraucht und in dessen Gnade 
und Gunst. Der König gab ihm freilich nur einen Jahrge 
halt von 400 Thlr. als Oberhosprcdiger und Ober-Consistorial- 
rath, allein seine Nebeneinkünfte waren bei alledem nicht gering, 
und nicht selten empfing er für seine Schriften und Gutachten 
vom Könige sowohl wie von anderen protestantischen Fürsten 
ansehnliche Geschenke. Häufig am Hofe auch von Ministern 
und hohen Herren eingeladen und aufgesucht, wurde mein 
Onkel aber selbst eine Art Diplomat, und bei aller Gelehr 
samkeit und Frömmigkeit verstand er sich doch vortrefflich auf 
Lebensklugheit und Geschmeidigkeit, welche ihm von manchen 
Seiten als Schwäche und Eitelkeit vorgeworfen wurden. Die 
Gunst und Gnade der Großen wollte er nicht missen, machte 
es also nicht wie Probst Neinbeck und Andere, die dem Kö 
nige zuweilen unerschrocken die Wahrheit sagten; was aber 
sein Latein, Griechisch und Hebräisch betraf, seine Kenntnisse 
der Schriften und Bücher aller Zeiten, so wußte er mehr als 
Alle und verstand es auch am besten, scharf und eifrig zu 
sprechen und zu schreiben. Mein Onkel war ziemlich groß und 
von rundem Leib, bleich im Gesicht, doch fleischig, mit doppel 
tem Kinn und einer mächtigen wohlgeformten Nase. Für 
gewöhnlich war seine Haltung gravitätisch, so auch der Aus 
druck seiner Augen, die er ernsthaft und langsam bewegte, 
wenn er mit College» oder Untergebenen, Mitgliedern der 
Gemeinde oder mit seinen Hausgenossen verkehrte; allein diese 
Würdigkeit verwandelte sich in Sanftmuth und Feinheit, welche 
von Herablassung bis zur Unterthänigkeit ging, sobald er mit 
Vornehmen zu thun hatte, oder es überhaupt für nöthig und 
nützlich hielt. 
Jetzt, als er wieder herein trat, war diese Unterthänig 
keit aus seinen Mienen verschwunden, dagegen lagerte sich eine 
unverkennbare Genugthuung darin. Der König hatte ihn mit 
einem besonderen Aufträge beehrt, er sollte ein wichtiges heim 
liches Geschäft ausrichten, einen Chevalier unb Diplomaten, der 
beim Utrechter Friedenscongreß thätig gewesen, in sein Haus 
aufnehmen und verbergen. Welcher Reiz für seine Eitelkeit. 
Ehe er aber etwas Anderes that, wendete er sich an mich 
und schleuderte mir einen seiner imp'cratorischen Blicke zu. 
Wenn er vertraulich und gut gelaunt war, nannte er mich 
„Du," sobald ich ihm aber irgend welche Ursache gegeben 
hatte unzufrieden zu sein, oder auch wenn er überhaupt miß 
gestimmt seine würdevolle Miene annahm, wurde ich in der 
dritten und unbestimmten Person mit „man" angeredet. Ich 
wußte somit sofort, wie es stand, als er begann: Warum 
hat man mir nicht gesagk, daß mein Mützchen unter der Per 
rücke hervorsah, daß Se. Majestät es draußen bemerken, und 
mich reprimandiren mußten? fragte er mich. 
Es gab keine Gelegenheit dazu, versetzte ich. Es sah 
allerdings merkwürdig lustig aus. 
Man lache noch obenein! rief er empört, da er mich 
lachen sah, obwohl er das Mützchen schon beseitigt und in die 
Tasche gesteckt hatte. Weiß man nicht, daß es im Sprttchwort 
heißt, am vielen Lachen erkennt man den Narren? Aber man 
hat überhaupt keine Conduite, sonst würde man sich in diesem 
Negotium sicherlich anders benommen haben. 
Ich werde es künftig besser machen, erwiderte ich be 
scheiden. 
Man thue es und zögere nicht damit, fuhr er fort. 
Was.Se. Majestät befohlen haben, führe man mit Sorgfalt 
aus. Es darf nichts verabsäuint werden, das merke man sich; 
auch benehme man sich nie mehr so, daß Se. Majestät darüber 
ein Aergerniß empfinden könnten. 
Er soll nicht wieder zu inir sagen: Packe Sie sich hinaus! 
denn ich werde ihm so weit aus dem Wege gehen, wie ich 
immer kaun, versetzte ich.
	        
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