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Periodical volume 2. Juni1883, Nr. 36

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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Line Chronik sür's Haus. 
Erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist durch alle Buchhandlungen, Zeitungsspeditioncn und Postanstalten für 2 Mark 
IX. Jahrgang. vierteljährlich zu beziehen. - Jm Postzeitungs-Latalog eingetragen unter Nr. 2278. den 2. Juni 
Nr. 36. Herausgegeben von Emil Dominik. Verlag von Gebrüder Paetel in Berlin W. 
1883. 
Ein Abenteurer am Hofe König Friedrich Wilhelms I. 
Vaterländische Stählung von Tb. L. JH. 
Wie lange sind Sie denn nun schon in Berlin, lieb- 
wertheste Jungfer Charlotte? fragte mich der Major Dumou- 
lin, indem er an den Spitzen seines Schnurrbarts drehte und 
dabei lachte. 
Es sind jetzt gerade zwei Monate, erlviderte ich, dieweil 
wir heut den zwanzigsten Oktober schreiben. 
Im Jahre des Herrn 
1718, fiel er spottend ein. 
Aber gefällt es Ihnen wirk 
lich hier so wenig, daß Sie 
Ihre große Sehnsucht nach 
der Heimath noch immer 
nicht bezwingen können? Es 
giebt wohl da ganz etwas 
Besonderes, wonach der 
holdseligen Jungfer Char 
lotte gelüstet? 
Ich ivarf den Kopf auf 
und sah ihn böse an. Es 
giebt dort wenigstens keine 
Menschen mit bösen Zungen, 
antwortete ich, auch keine 
Soldaten, welche grimmig 
mit ihren Degen raffeln und 
sich die Bärte spitz drehen, 
als sollte Jeder, der ihnen 
zu nahe kommt, daran ge 
spießt werden. 
Er lachte ausgelaffen 
üb.er meinen Zorn. Schickt 
sich das, entgegnete er schein 
heilig, für eine christliche 
Jungfrau und obenein für 
die ehrsame Jungfer Nichte des hochgelehrten Herrn Hofpredi- 
gcrs Jablonski, so heftig zu werden, wenn man in aller 
Demuth und Wehmuth nach den Ursachen forscht, warum es 
ihr nicht in dieser großen und prächtigen Stadt gefällt, wo 
cs doch so viele gute und vortreffliche Menschen giebt? 
Zu denen Sie sich sicherlich auch rechnen wollen, mein 
gnädigster Herr Major, unterbrach ich ihn. — 
Der Herr bewahre mich vor solchem Hochmuth! versetzte 
er, mit frommen Mienen seine Hände faltend. Ich bin ja ein 
grimmiger Soldat mit 
spitzem Schnurrbart, obenein 
sogar vom Stabe des schreck 
lichen Soldatenkvnigs Sr. 
Majestät Friedrich Wilhelms 
des Ersten, also ein Sünder, 
welcher seine Augen kaum 
zu erheben wagt — wobei 
er mich mit seinen dunklen 
Augen so schalkhaft und 
übermüthig ansah, daß ich 
das Lachen nicht lasten konnte. 
Der Herr Major, sagte 
ich, sieht wirklich aus, wie 
der Frieden selbst, als wäre 
ein Heiliger an ihm vcr-" 
dorben. 
O! versetzte er, das 
kommt von dem Wieder 
schein Ihrer holdseligen 
Nähe, liebwertheste Jungfer 
Charlotte, sonst aber bin 
ich ein Barbar, der sein 
ganzes Leben über, welches 
jetzt nahe au dreißig Jahre 
gewährt hat, in fortgesetzter 
Sündigkeit verbrachte. 
Das ist ein sehr schlimmes Bekenntniß, entgegnete ich, 
und leider scheinen der Herr Major auch keinen ernsten Willen 
zur Besserung zu haben. 
Ludwig Pietsch. 
Originalzeichnung nach einer Photographie. S. Seite 438.
        
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