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Periodical volume 26. Mai 1883, Nr. 35

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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der Nähe, ein wenig nördlicher vom Wege, liegt auch der „Tür 
kische Friedhof", der Eigenthum der Ottomanischen Pforte ist. 
In der Bodensenkung, welche zwischen den Höhen bei Britz 
und den Rollbergen liegt, zwängt sich die Südringbahn hin 
durch und beschreitet dann das große Wiesenterrain, das ehemalige 
Flußbett der Oder, bis zur Bahnhofsanlage von Treptow, und 
weiter, über die Spree fort, bis zur Station Stralau-Rummels- 
burg. Die Oder war es bekanntlich, welche in vorhistorischen 
Zeiten im heutigen Laufe der Spree und Havel ihre Wasser in 
die Nordsee wälzte. 
Am südlichen und östlichen Abhang der Nollberge und 
zum Theil auf den Höhen derselben liegt das alte deutsche Dorf 
Rixdorf, das ehedem Richardsdorp hieß. Nikolai schrieb vor 
100 Jahren: „Bor dem Kottbusser Thore gehet auch eine Zug 
brücke über den Landwehrgraben, jenseit welcher der Ryksdorfer 
Damm angeht. Er ist gepflastert und mit Weiden bepflanzt, das 
Gebüsch aber zu beiden Seiten heißt der „Comthurbusch". Am 
Ende desselben liegt der „Rollkrug", ein Wirthshaus, das 
seinen Namen von den „Rollbergen" erhalten hat." 
Der „Rollkrug" besteht noch heute. Woher die „Rollberge" 
aber ihren Namen erhielten, ob vielleicht von dem alten Wen 
dendorfe, das hier von den Templern zerstört wurde, das weiß 
ich nicht. Ueber den eben erwähnten „Rixdorser Damm" lief die 
alte Sächsische Heerstraße, die beim Rollkruge linker Hand 
nach Köpenick und Königswusterhausen abzweigte. 
Die Tempelherren waren es. die „Diener der Miliz Christi", 
welche dem Kreuze im Lande Teltow zum Siege verhalfen und 
das alte wendische Dorf, das an der Stelle des heutigen Rixdorf 
lag, zerstörten. Nicht einmal der Name hat sich von dem alten 
Dorfe erhalten, wenn eben nicht, wie schon oben bemerkt, die 
„Rollberge" nach dem alten Dorfe benannt sind. Nur,„ein 
Hof" blieb übrig oder wurde „auf der alten Dorfstelle" 
angelegt. Diesen Hof, der bereits „Richardsdorp" genannt wurde, 
erweiterten im Jahre 1360 der Meister der Johanniter, Herr Her 
mann von Werberge, und der Comthur zu Tempelhof, Bruder 
Dietrich von Castro (Zastrow) nach dem Rathe eines frommen 
Mannes, des Priesters Jacobus von Datz in ein deutsches 
Dorf, das heutige „Deutsch-Nixdorf". Anno 1435 verkauften die 
Ritter das Dorf mitsammt der gutsherrlichen Haide und dem 
großen Bruche, welche zwischen Rixdorf und Treptow liegen, 
an die Städte Cölln und Berlin. Diese Haide hieß darum 
lange Zeit hindurch die „Zwiestädter Haide" und die aus dem 
inzwischen regulirten Bruch entstandenen Wiesen heißen heute noch 
die „Cöllnischen Wiesen". Böhmisch-Rixdorf entstand 1737 
aus dem alten Lehnschulzengute, dessen Besitz vom Soldaten 
könig an 18 böhmische Kolonisten vertheilt wurde. 
Ein eigener Lauf der Dinge. Das „Lehnschulzengut" ist der 
„alte Hof", der wiederum an der Stelle des alten Wendendorfes 
lag, oder der allein von dem slavischen Dorfe übrig blieb, als 
christliche Ritter hier die Heiden vernichteten. Und siebenhundert 
Jahre später wurden aus der alten slavischen Dorfstelle ihres 
Glaubens wegen vertriebene Slaven aus Böhmen angesiedelt. 
Dorf Britz (mit der Illustration Seite 423). 
Südlich von der Ringbahn liegt Dorf Britz. Der Weg von 
Rixdorf nach Britz führt über die Bahn, welche an dieser Stelle 
einen eigenthümlichen, genial gebauten „Uebergang" erhalten, mit 
dem sich der talentirte Erbauer selbst sein geeignetstes Denkmal 
errichtet hat, und das darum den Namen „der Galgen" führt. 
Die Rixdorser verlangten beim Bau der Südringbahn einen Ueber 
gang, natürlich für Pferde und Wagen, die Bahnbauleitung 
aber liebte das Unnatürliche, oder vergaß wohl gar den ganzen 
Uebergang, und errichtete eine mächtige Treppenbrücke von 
geradezu genialer Konstruktion, den eben erwähnten „Rixdorser 
Galgen". 
An einem hübschen Restaurationsgebäude vorüber und auf 
hochgelegenem Wege, von dem wir einen prächtigen Blick bis zu 
den „Müggelsbergen" haben, wandern wir nach Britz. Zwischen 
dieser Straße und derjenigen, die nach Rudow führt, liegt eine 
neue Vorstadt von Rixdorf, welche den Scherznamen „Cayenne" 
erhalten hat. 
Britz ist eins der wenigen Dörfer, welche Jahrhunderte hin 
durch und bis zur neueren Zeit von den Nachkommen der ur- 
spünglichen Besitze-, den von Britzke behauptet wurde. Diese 
Familie veräußerte den prächtigen Herrensitz nach fast 500jährigem 
Besitz anno 1699 an den Kammerpräsidenten von Chwaldowsky, 
der es an den Hofmarschall von Erlach vererbte. Bon diesem 
kaufte es 1713 Graf Friedrich Wilhelm von Schwerin, und als 
es dieser im Jahre 1719 an den Staatsminister Ilgen ver 
kaufte, erklärte es der König zu einem Allodialgute. Die spätern 
Besitzer sind die Tochter Jlgen's, Frau Minister von Knipphausen, 
der Graf von Herzberg, Baron Eckardtstein, Jouanne und 
gegenwärtig Herr Fabrikbesitzer Wrede. 
Noch heute erinnert in dem herrlichen Britzer Park eine 
Akazie an den ehemaligen Besitzer des Ritterguts, an den Staats 
minister von Ilgen, der zu denjenigen berühmten und nobili- 
tirten Männern Preußens zählt, welche wie Derfflinger, Meinders, 
Dunkelmann, Fuchs, Diestelmeier, Blaspiel, Cocceji x. aus dem 
bürgerlichen Stande hervorgegangen, die höchsten Stellungen im 
Staate erhielten, ganz wesentlich zum Aufblühen Preußens bei- 
trugen, und deren Stamm — ein ganz eigenthümliches Vorkomm- 
niß — in ihren Personen wieder erlosch. 
Die Britzer Akazie- wurde dem Minister von Ilgen in 
einem Blumentöpfe als damalige höchste Rarität vom Könige 
Friedrich I. geschenkt und ist etwa 1712 von dem Britzer Guts 
besitzer in seinem Parke angepflanzt worden. Die Akazie ist heute 
170 Jahre alt und grünt und blüht wie vor alter Zeit. 
Ilgen war ein geborener Westfale, ehemaliger Sekretair 
von Franz Meinders und für seine Zeit „das klügste Haupt in 
Preußen". Er lenkte in der gefährlichen Periode nach dem 
Utrechter Frieden mit höchster Geistesgegenwart, weitester Umsicht 
und bewußter Energie das kleine preußische Königsschiff als Mi 
nister des Auswärtigen. Er war ganz der geeignete Steuermann, 
wie ihn die angehende Weltmacht Preußen bedurste. „Die Leute 
in Berlin" — schrieb damals der später so unglückliche Patkul 
an seinen Herrn, den Czaren Peter, — „die Berliner sind von 
des Thomas Art, die nichts glauben, als was sie sehen." Ilgen 
war der empfindlichste Gegner Grumbkow's, das Haupt der eng 
lischen Partei und damit ein Feind Oesterreichs. Er war im 
höchsten Grade verläßlich, treu und unbestechlich. Er starb 1728, 
und mit seinem Tode erlosch sein Geschlecht in der männlichen 
Linie. Von seinen zwei Töchtern war die ältere an den Grasen 
Erdmann Pückler verheirathet, den Urgroßvater des bekannten 
Fürsten Pückler-Muskau; und die jüngere an den Baron von 
Knipphausen. Der letztere war nach Jlgen's Tode gleichfalls 
Staatsminister und fiel 1730 in Ungnade, weil der König ihn 
wegen der Flucht des Kronprinzen im Verdacht der Mitwissen- 
schaft hatte. Er zog sich nach Britz zurück und erscheint noch 1733 
als „Direktor der französischen Colonie." — 
Wie oben schon erwähnt, gehörte Britz von 1763 an einem 
anderen Staatsmanne Preußens, dem „ersten Friedensgeneral" 
Friedrichs des Großen, dem später gegrasten Ewald Friedrich 
von Herzbcrg. 
Der Premierminister und Minister des Auswärtigen Friedrichs 
wurde 1725 zu Lottin in Hinterpommern geboren, studirte in Halle 
und trat frühzeitig in des Königs Dienst. Als dieser anno 1756 
in den Besitz der „geheimen Korrespondenz des Dresdener Kabinets
        
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