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Volume 26. Mai 1883, Nr. 35

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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brücke. Die anderen zwölf waren einfache Erdaufwürfe, diesseits 
des Grabens, meist an den vorspringenden Winkeln des Wasser 
laufs gelegen. 
Geschlossene Werke von ansehnlicherem Umfange waren vor 
geschoben: „in den Sandschellen," die an der Stelle lagen, 
wo die Berlin-Potsdamer Eisenbahn die Lützowstraße schneidet 
(und die noch vor einigen 20 Jahren im Volksmunde in den 
Schanzbergen hießen) — ein großes auf dem Wein-Berge, 
dem Kreuzberge gegenüber, dort, wo jetzt die Bockbrauerei sich be 
findet, genannt die Lärmkanonen-Schanze (weil die Anhöhe 
hinter dem „düstern Keller" im 18. Jahrhundert der Alarmka 
nonenberg hieß, da hier eins der Geschütze stand, mit welchem 
jedesmal, sobald eine Desertion bekannt geworden war, den Bauern 
schaften der Umgegend das Signal zur Verfolgung des Flücht 
lings gegeben wurde.) Die kleinste von allen „die Hasenhai 
denschanze" hinter dem alten Turnplätze, südwestlich vom Karls 
garten; — die letzte in den Rollbergen. 
Ueberflüssig gemacht durch die Tage von Großbeeren und 
Dennewitz, verschwanden auch diese Verschanzungen bald vom 
Erdboden. 
Es ließe sich noch vielerlei von den Tempelhofer Bergen er 
zählen, vom „düstern Keller" und von den großen Brauereien, und 
auch eine alte Geschichte aus dem Jahre 1525, da Kurfürst Jo 
achim I. mit seiner Familie und seinem ganzen Hofgesinde auf 
die höchste Spitze des Tempelhos'schen Berges flüchtete. Dies Alles 
kann hier nur kurz erwähnt werden. 
Es war also am 15. Juli 1525, als der Brandenburgische 
Kurfürst, der heftigste Widersacher Luthers am frühen Morgen mit 
all seiner Habe vom Schlosse in Cölln an der Spree flüchtete, da 
ihm sein Sterndeuter den Untergang der Residenzstädte prophezeit 
hatte. Man lagerte auf dem damals noch viel höheren Berge, 
auf dem jetzt das Tivoli-Etablissement steht und glaubte sich auf 
der Höhe gesichert. Aber man harrte in Spannung der schreck 
lichen Ereignisse, die über Berlin und Cölln so folgenschwer herein 
brechen mußten. Als jedoch bis Mittag nicht das Geringste sich 
zugetragen hatte, was zu Befürchtungen Veranlassung hätte geben 
können, da versuchte die fromme Kurfürstin, die später von ihrem 
Gemahl floh, denselben zur Rückkehr nach dem Schlöffe zu be 
wegen. Nach vielen Einreden gab endlich der Kurfürst am Äbend 
den Befehl zur Heimkehr, während welcher sich jedoch ein heftiges 
Gewitter entlud, das den gesammten Hof in die allergrößte Ge 
fahr brachte. Denn als der Kurfürst in das Schloß einfuhr, traf 
ein Blitzstrahl den Kutscher des Kurfürstlichen Wagens und tödtete 
ihn sammt den vier Pferden auf der Stelle. „Die Frauenzimmer 
fielen in Unmacht" — so meldet der Chronist — „und als man 
die Thüren aufriß, mußte man selbige hinaustragen, auch der Herr 
Kurfürst war unmächtig geworden, fünften aber hat das Wetter 
keinen Schaden gethan." — • 
Auf derselben Stelle des Berges, auf der Kurfürst Joachim I. 
gelagert, und an welcher 1813 die „Citadelle von Berlin" errichtet > 
war, wurde am 19. September 1818 in Gegenwart des Kaisers 
Alexander von Rußland der Grundstein zu dem bekannten „Kreuz- 
berg-Denkmal" gelegt, das vor wenigen Jahren den ebenso 
mächtigen wie unschönen Unterbau erhielt. Diese vom Oberbau 
rath Schinkel entworfene, fast 2 300 Centner schwere gothische 
Spitzsäule taufte auch diesen Theil des Berges selber um, der seit 
eben dieser Zeit der „Kreuzberg" heißt. 
Daneben liegt das Brauereietablissement „Tivoli." 
Es war dies ein in den dreißiger Jahren dieses Säkulums 
von den Gebrüdern Gericke errichtetes Vergnügungsetablissement, 
das lange Zeit hindurch zu den sehenswürdigsten und besuchtesten 
Lokalen Berlins zählte. „Es währt aber kein Mai sieben Mo 
nate," heißt ein altes Sprüchwort; nach und nach erlosch das In- ; 
teresse sowohl an den dort veranstalteten Konzerten und Feuer 
werken wie an der berühmten Tivoli-Rutschbahn, das Lokal ver 
krachte und ist 1839 subhastirt worden. Seit 1857 wurde an 
j derselben Stelle und unter dem alten Namen eine „Berliner Brauerei 
gesellschaft" in's Leben gerufen, welche eine Weile hindurch da 
beste Bairische Bier Berlins verschänkte — doch long, long ago. — 
Auf der anderen, östlichen Bergseite der großen von Berlin 
j kommenden Straße, liegt das große „Bockbierbrauerei-Etablissement," 
j befindet sich noch heute der berühmte „Berliner Bock." 
Es war im Jahre 1827, als ein nach Berlin gekommener 
j Württemberger, Namens Georg Leonhard Hopf, der längere 
Zeit als Küfer in der bekannten Habelschen Weinhandlung 
fungirt hatte, in dem neben dem Kriegsministerium gelegenen 
j Hause Leipzigerstraße Nr. 6 den Versuch machte, hier Bier auf 
! „baierische Art" zu brauen. Ein Waschhaus wurde mit einem 
I Kessel versehen, das Nöthige beschafft und gleich der erste Versuch 
siel zur Zufriedenheit aus. Das Bier war jedoch noch ober- 
gährig, konnte deshalb nur, auf Flaschen gefüllt, in einem en- 
j geren Kreise Verwendung finden. Jedoch war es das erste in 
Berlin auf „baierische Art" gebraute Bier und schmeckte wie das 
noch heute gern getrunkene „Potsdamer Stangenbier." Drei Jahre 
später. Anno 1830, gelang es demselben Brauer, einen Geldmann 
zu finden und seine Waschhaus-Versuche im Großen in verbesserter 
Weise zu wiederholen. Er erwarb in der Friedrichstraße 
l Nr. 126 eine alte Braunbierbrauerei und braute in diesen Räu 
men das erste „baierische Bier." Dasselbe fand einen solchen 
Absatz, daß Hopf bald danach das bekannte Grundstück auf dem 
Tempelhofer Berge erwerben und hier die großen Einrichtungen 
in's Leben rufen konnte, welche seinem Fabrikate einen weit über 
Berlin hinausgehenden Ruf verschafften. Im Jahre 1840 ist hier 
auch das erste „Bockbier" gebraut worden, welches schnell so be 
liebt wurde, daß das ganze Hopf'sche Etablissement danach den 
Namen „der Bock" erhielt. Der erste Brauer bairischen Bieres 
in Berlin starb am 30. April 1844. Seine Wittwe und die 
Söhne derselben aus erster Ehe, die Gebrüder Deibel, erbten das 
Etabliffement und erweiterten dasselbe, bis sie es im Jahre 1861 
an den Hotelbesitzer Ehrenreich veräußerten, von dem es 1871 in 
die Hände der „Berliner Bockbierbrauerei-Aktiengesellschaft" ge 
langte. — 
Die Hasenhaide. 
An die Tempelhofschen Berge schließen sich nach Osten die 
„Rollberge" an und in diesen die „Hasenhaide", welche seit 1678 
diesen Namen führt, und zwar seit der Zeit, da durch den Ober 
jägermeister von Lüderitz auf kurfürstlichen Befehl hier ein 
„Hasengehege" oder „ein Hasengarten" errichtet wurde. 
Ursprünglich gehörte auch das Terrain der Hasenhaide zu 
Tempelhof, und die dortigen Besitzer besaßen das Hütungsrecht in 
der Haide und durften Holz schlagen. Die kurfürstliche Anlage 
eines „Hascngartens" war daher ein eigenthümlicher Eingriff in 
fremdes Recht. Später wurde das letztere ganz und gar um 
gekehrt. 
Der Soldatenkönig nämlich verbot den Tempelhofern die 
Ausübung ihrer alten Rechte, weil sein Hasengehege durch die 
Hütung und das Holzfällen geschädigt würde, und dekretirte kurz, 
als der Gutsherr von Tempelhof, Herr von Scharben, sich dero- 
wegen beschwerte: 
„Soll Haasen Garten Bleiben 
Friedrich Wilhelm." 
Die Tempelhofer aber kehrten sich nicht an dieses Despoten- 
Dekret, sie dachten: 
„Der ist eines Ding's nicht werth, 
Der nicht ein Herz hat, daß cr's begehrt." 
Und hüteten ihr Vieh und schlugen Holz nach wie vor und
	        
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