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Periodical volume 19. Mai 1883, Nr. 34

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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segnet diese halbe Verschollenheit, denn ihr allein verdankt man 
diese köstliche Ruhe, ungestörten Naturgenuß und — billige Preise. 
Täglich kann man dort Excursionen nach den wundervollen Par- 
tieen der Umgegend unternehmen, ohne von Menschenschaaren und 
Staubwolken belästigt zu werden und sicher vor jeder Störung 
träumt man stundenlang an den mit üppigstem Laubwald besetzten 
Ufern der prachtvollen Seen. 
Die mächtigsten dieser Seen sind, wie bekannt, der Scher- 
mützel- und der Buckowsee, dann folgen der große und kleine 
Tornow- ferner der schwarze und weiße See. Einige kleinere sind 
im Versumpfen begriffen und an Stelle anderer breitet sich bereits 
ein saftiger Wiesenteppich aus. Der Buckowsee liegt in der Stadt 
selbst oder doch wenigstens auf einer Seite von ihr begrenzt; dicht 
daneben der mächtige Schermützelsee, mit seinen grünlichen Fluthen, 
welche aussehen, als ob sie dem Beschauer ein großes Geheimniß 
verbergen und diese Vermuthung trifft zu, denn dort, auf dem 
Grunde des Sees ruht der Sage gemäß das alte Buckow, ein 
zweites Vineta, versunken und vergessen. Doch nicht wie jenes 
mit stolzen Zinnen und Palästen ist Alt-Buckow in den See ge 
sunken, sondern kunstlos aus Holz und Balken gezimmert, ein 
Denkmal uralten Anfangs der Kultur, das bis in die graue Vorzeit 
hineinreicht — Pfahlbauten nämlich. So uralt soll Buckow sein und 
vereint sich hier somit das frische pulsirende Leben der Gegenwart 
mit dem geheimnißvollen Zauber jahrhundert alter Vergangenheit. 
Die andern genannten Seen liegen im Walde draußen, der 
sich wundervoll aus Laub- und Nadelwald mischt. Selten findet 
man so prächtige Exemplare von Eichen, Edeltannen, Lärchen, 
Blutbuchen, Lebensbäumen u. s. w. als z. B. auf dem Wege zum 
großen Tornowsee. Dieser selbst liegt, umgeben von einem üppigen 
Kranz vielfarbigen Laubwaldes, eingefaßt von mannshohem Schilf 
in traumhafter Stille so hochromantisch da, daß der Volksmund diesem 
Theil den Namen Elysium gegeben. Vom Elysium führt ein 
bergig aufsteigender, in zerklüfteter Schlucht hinführender Weg 
nach der Silberkehle, so benannt nach einer silberschimmernden 
Schieferschicht, in der man früher thatsächlich Silberkörnchen ge 
funden haben soll. Ein prachtvoller Buchenwald spendet hier dem 
Touristen Kühle und Schatten, köstliche Ruhe herrscht rings um 
her. Nicht weit von dieser Stelle liegt die Wolssschlucht, eine 
düster romantische, mit üppigen Farrnkräutern, Schlingpflanzen und 
wundersam gestalteten Bäumen besetzte Schlucht. Dieselbe führt 
zum Finkenheerd, von deffen mit einem großen Platten Stein ver 
sehener Anhöhe aus man eine entzückende Fernsicht hat. Ganz 
in der Nähe liegt hier der sogenannte Telegraphenberg, auf dem 
ein roh gezimmerter, über 30 Fuß hoher Bau den Wanderer 
einladet, hinaufzuklimmen und Umschau über die Lande zu halten. 
Schwindelftei muß man allerdings sein, um dies bewerkstelligen 
zu können, denn die weit von einander liegenden Sprossen der 
steilen geländerlosen Leiter winken nicht gerade verlockend. Doch 
ein fester Wille bewältigt selbst Schwindelanfälle und so erreichen 
wir denn glücklich die kleine Plattform dieses sogmannten Thurms, 
um — bitter enttäuscht über das weite flache Land hinaus zu 
blicken. Wo sind die Berge geblieben, die in uns beim Er 
klimmen mit einiger Fantasie die Illusion erweckten, wir seien in 
der Schweiz? Wo die dunkeln Schluchten, die schimmernden 
Seen, das liebliche Buckow mit seiner uralten, hochliegenden 
Kirche, die doch sonst so anmuthig umkränzt von Berg und Wald 
daliegen? Alles das ist urplötzlich verschwundm, wir sehen weit 
und breit nur gleichmäßiges Flachland, darauf verstreut ab und 
zu ein fernliegendes Dorf. Nur auf einer Seite erschaut man 
statt der Kornfelder eine grüne, ungleichmäßige aus Baumwipfeln 
gebildete Fläche — dort liegt Buckow. Wie geht das zu? Wo 
blieben Buckows Höhen und Berge? Ja, verehrter Leser, diese 
Berge, die unsere Freude waren, sind leider nur eine Täuschung, j 
eine Illusion, wie Alles im Leben. Sie erheben sich nicht als 
Berge über das Plateau des Flachlandes, sondern dieses selbst 
senkt sich bei Buckow tief herab, einen Kessel bildend, in welchem 
die Stadt mit ihren Seen ruht; daß diese Absenkung zerklüftet 
und waldbesetzt ist, macht eben die Romantik der Landschaft aus 
und von Buckow, also von der Tiefe aus, erscheinen dieselben Ab 
senkungen als Berge. 
Diese Versenkung erklärt auch die uralte Sage, nach der 
Buckow einst vor Menschengedenken von einem schrecklichen Erdbeben 
heimgesucht worden sei, wobei ein Theil der Stadt für immer in 
den Schermützelsee gesunken, der andere zwar erhalten blieb, seit 
dem aber tief im Thalkessel liege. Dagegen hätten die Buckower 
nun weiter nichts einzuwenden, denn dieser Erdrutsch gab ihnen 
ihre Berge, aber in anderer Hinsicht brachte er unersetzlichen Ver 
lust. Der riesige Flötzstein nämlich, welcher der Sage nach in 
Alt-Buckow auf dem Markte gelegen hat und so groß war, daß 
auf ihm zwölf Paare bequem tanzen konnten, sank bei diesem Erd 
beben in die Tiefe und ward trotz aller Nachgrabungen nie wieder 
gefunden. An diesen Riesenstein aber soll Reichthum, Glück und 
Glanz der Buckower gebunden gewesen sein und mit ihm sank es 
dahin. Sobald die Tiefe einst den Stein zurückzieht, wird eine 
neue, glänzende Zeit für Buckow erstehen — das ist noch heut 
fester Glaube seiner Einwohner. 
Doch zurück zum Elysium. Wo es einen Himmel giebt, ist 
gewöhnlich auch die Hölle nicht fern und so finden wir es auch in 
Buckows Umgebung. Wenn man den großen Tornowsee vom 
Elysium aus umgeht, kommt man direkt zur Pritzhagener Mühle, 
dem beliebten Zielpunkt aller Excursionen, die von Buckow aus 
unternommen werden. Die Mühle bietet durchaus nicht hervor 
ragende landschaftliche Schönheiten, sondern fesselt den Städter 
einzig und allein durch ihren primitiv ländlichen Charakter — 
krasse Materialisten fteilich behaupten, mehr noch durch den vor 
züglichen Schinken, den man dort erhält. Eine halbe Stunde 
hinter der Mühle liegt eine waldige, zerklüftete Bergpartie, deren 
tiefste dunkelste Schlucht den Namen „Hölle" führt. Büßten etwa 
in dieser Hölle einst die Nonnen des nahegelegenen Klosters Fried 
land die mancherlei weltlichen Gelüste, die ihnen schon anno 1381 
jenen bekannten Erlaß des Bischofs von Brandenburg eintrug, 
laut welchem es zur Klosterpforte zwei Schlösser und zwei Schlüssel 
geben sollte. Der eine schloß nur von innen und ihn besaß die 
Aebtissin — der andere, nur von außen schließende befand sich in 
den Händen des Priors. Kein Nönnlein durfte also ohne Wissen 
und Erlaubniß beider Vorgesetzten das Kloster verlassen, und doch 
soll manchmal bei Nacht das Klosterpförtchen gar bedenklich ge 
knarrt haben. 
Außer Himmel und Hölle giebts auch noch einen Poetensteig 
in Buckows Umgebung, einen prächtig schattigen, romantischen 
Waldweg, der durch dunkle Thäler und eben so lichte Höhen führt. 
An diesem Wege entspringt auch eine stark eisenhaltige Quelle, 
ebenso wie am Ufer des Bukowsee eine Therme. Spekulative 
Köpfe hatten hierauf den Plan gegründet, aus Buckow allmählig 
einen Badeort zu machen, dabei aber leider übersehen, daß 
das Quellengebiet den derzeitigen Lehnsherren der Herrschaft 
Buckow, nämlich den Grafen Flemming und Jtzenplitz gehört und 
nicht der Stadt. Die Herren Grasen aber denken vorläufig nicht 
daran, ihren köstlichen, weltvergeffenen Sommersitz zum Mittel 
punkt geräuschvollen Badelebens zu machen. 
Die Geschichte Buckows läßt sich trotz der Dürftigkeit vor 
handener Urkunden bis in's elfte Jahrhundert hinein ver 
folgen. Freilich sind diese Ueberlieferungen sehr verschwommen 
und sagenhaft, werden aber vom sechszehnten Jahrhundert an klar 
und bestimmt. Es ist hier nicht der Ort, eine detaillirte Auf 
einanderfolge dieser'Geschichte zu geben, sondern wir deuten nur 
darauf hin, weil historisches Relief ja jedem Landschaftsbilde erst 
eigentlichen Reiz verleiht.
        
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