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Volume 19. Mai 1883, Nr. 34

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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Dublin, St. Petersburg, aus Kiew, aus Moskau, aus Buenos 
Ayres, Valparaiso, aus der Kapstadt, aus Neuseeland. Hier be 
findet sich auch das Einschreibebuch, welches aus diesem Anlaß im 
König!. Palais ausgelegt war. Der erste Name darin ist — für 
die Situation sehr bezeichnend — der Name des Justizministers 
Dr. Leonhard. Freudigere Erinnerungen ruft der Inhalt des an 
der rechten Seite des Zimmers, vom Eingänge aus gerechnet, an 
gebrachten Schrankes hervor, sowie der großen Vitrine, welche die 
Mitte des Gemaches einnimmt. Hier ist alles Denkwürdige ver 
einigt, welches Ihren Majestäten zur Feier ihrer goldenen Hochzeit 
am 17. Juni 1879 aus dem ganzen Lande und von weit über 
dasselbe hinaus an Glückwünschen und Weihegrüßen zukam. Es 
sind meistentheils Adressen, darunter viele in kostbarer Ausstattung, 
von Sammet, mit Silber- und Goldverzierungen mit Emaille 
und Edelsteinarbeiten in den Hüllen, wie in höchster künstlerischer 
Ausstattung in den Verzierungen, welche den Inhalt umgeben. 
Es sei hier nur auf die Adresse der Stadt München aufmerksam 
gemacht in einem Einbande von Hochgold-, Silber- und Perl 
stickerei im Geschmacke der Renaissance, des Provinzialausschusies 
von Schlesien in einem Einbande von goldfarbigem Leder, mit dem 
schlesischen Adler in oxydirtem Silber und mit Chrysoprasen in den 
Eckstücken von gleichem Metalle. In der Vitrine der Mitte des 
Zimmers sind die Adressen ausgebreitet, soweit sie sich als Kunst 
werke kennzeichnen; so die Adresse der Berliner Kaufmannschaft, 
des schlesischen Provinzialausschusses, von rheinischen Städten und 
Korporationen, in deren malerischem Theile man Scheurcns Meister 
hand erkennen kann, so die Adresse der Stadt Königsberg in 
Preußen mit dem Hinweis auf die Krönung des königlichen 
Paares. In hohem Grade interessant ist ein Kasten mit orien 
talischen Motiven gearbeitet, in welchem sich die Adresse der 
Deutschen in Alexandrien befindet. Ein Meisterwerk von orienta 
lischer Ornamentik enthält die Adresse der Deutschen in Kairo. 
Als Vorbild hatte man ein Koranornament gewählt, welches im 
Jahre 1367 n. Ehr. Geburt für die Sultanin Chouda ba roka 
angefertigt wurde. Die Stadt Höxter hat den kostbaren, in Elfen 
bein geschnitzten, mit vergoldetem Silbereinsatze versehenen Krug 
geschenkt, welche die Begegnung der drei Monarchen auf dem 
Schlachtseldc von Leipzig darstellt. 
Im dritten der den Kaiserreliquien bestimmten Zimmer ist es 
die Sadowa, welche beim Eintritt die Aufmerksamkeit des Be 
schauers erregt. Es ist das Pferd, welches den König und Heer 
führer in der Schlacht bei Königgrätz vom Beginne der Schlacht 
bis zu deren siegreichem Ausgange getragen hat. Die Stute genoß 
darnach im königlichen Marstalle mehrere Jahre das Gnadenbrot, 
nach ihrem Tode wurde sie abgeformt, in Holz geschnitzt und dann 
mit ihrem natürlichen Fell wieder bekleidet, mit demselben Sattel- und 
Zaumzeug ausgestattet, welches sie am 3. Juli 1866 getragen hatte. 
Eine historische Denkwürdigkeit ist der Wappenschild in einem der 
beiden Glasschränke. Der schwarze rothgezüngte und bewehrte Adler 
mit dem hohenzollerischen Herzschildlein auf goldenem Grunde diente 
als erstes Wappenzeichen des neuen Reiches bei der Kaiscrprokla- 
mation am 18. Januar 1871 in der Spiegelgalerie des Schlosses 
von Versailles. Auf der Rückseite befinden sich darauf bezügliche 
Worte von der Hand S. K. K. H. des Kronprinzen. Die Mund- 
tasie in derselben Vitrine war 44 Jahre lang vom Hochzeitstage 
des Kaisers an bis 1873 in besten Gebrauch. An demselben Orte 
ist in einem Futteral das erste Lesebuch des Kaisers ausgelegt. 
Der Titel ist: Kleine Plaudereien für Kinder, welche sich im Lesen 
üben wollen von Löhr. Frankfurt a/M. 1802 bei Philipp Hein 
rich Guithaumann. Im Vorblatte liest man Folgendes: Seite 
43—45 „Frau Wildheim" las Prinz Wilhelm den 10. Oktober 
1803 zum ersten Male ohne vorhergegangene Anleitung recht gut. 
Auf der inneren Seite des Einbandes liest man eigenhändige 
Zeilen S. K. H. des Prinzen Karl, ältesten Bruders des Kaisers, 
die da besagen, daß dieses Buch in den Besitz des Prinzen über 
gegangen und von diesem am 23. März 1878 dem kaiserlichen 
Bruder zum Geburtstag verehrt worden war. Vom ersten Lese 
buch zur ersten Equipage ist nicht weit, wir meinen zu einem 
Kinderwagen, wie dieser während des Sommeraufenhalts der 
königlichen Kinder in Paretz, in Charlottenburg oder Potsdam von 
dem kleinen Prinzen Wilhelm und besten Geschwistern unter fröh 
lichen Spielen benutzt worden sein mag. Rechts davon (vom Be 
schauer aus) steht ein Kampagnestuhl des Kaisers. In dem blau 
damastenen Fauteuil zur Linken mit Lesepult und Fußbank hat 
der Kaiser einen großen Theil seiner Leidenszcit nach dem Atten 
tate vom 2. Juni 1878 verbracht. Der Teppich zu Füßen ist 
ebenfalls den kaiserlichen Gemächern im königlichen Palais ent 
nommen. Die große photographische Tafel vor dem Kamine 
bringt die Portraits des Kommandeurs und sämmtlicher Offiziere 
des russischen Grenadier-Regiments Friedrich Wilhelm III., dessen 
Chef der Kaiser ist. Die Tafel wurde zur goldenen Hochzeit ver 
ehrt. Das rothe Etui in dem zweiten Glasschranke datirt eben 
falls von einem auswärtigen Regimentc, dem österreichischen Hu- 
saren-Regimcnt Nr. 10, dessen Chef gleichfalls der Kaiser ist. Der 
Kasten enthält ein Diplom. 
Die Wände dieses Zimmers sollen mit den Portraits derje 
nigen Männer geschmückt werden, welche im Rathe des Königs 
oder an der Spitze der Armee mit zum glücklichen Ausgange der 
Kriege von 1866 uird 1870—71 beigetragen hatten. Zur Zeit 
befinden sich bereits hier die Portraits des Fürst Bismarck, ge 
malt von A. v. Heyden, Feldmarschalls Grafen Moltke, gemalt 
von Seiffert, des Kriegsministers Grafen Roon, gemalt von Lange, 
und des Feldmarschalls Freiherrn von Manteusfel. 
Zimmer Ariedrick Mlljelnis IV. 
Die lebensgroße Gipsstatue im Krönungsornat, welche sich in 
der Mitte der Wand gegenüber den Fenstern befindet, stellt König 
Friedrich Wilhelm IV. nach einem Modelle Meister Bläsers dar, 
des Bildners der unübertrefflichen Marmorstatue, welche den hoch 
seligen König als Spaziergänger durch die Gärten von Sanssouci 
verbildlicht und vor dem neuen Orangeriegebäude bei Sanssouci 
ihre Ausstellung gefunden hat. Das vorstehende Modell hat noch 
keine Ausführung gefunden und die Erben des verstorbenen Bild 
hauers haben es dem Museum zur Benutzung überlassen. Um das 
plastische Bild des Königs sind all die Erinncrungenszeichcn seines 
Lebens vereinigt. Wenn die Laufbahn dieses Königs auch nicht 
durch die Fülle kriegerischer Trophäen sich kennzeichnet, wie sein 
Nachfolger solche aus glücklich geführten Kriegen heimgebracht hat, 
so ist sie doch von wesentlicher Bedeutung durch die Fortschritte in 
künstlerischer und wissenschaftlicher Beziehung, welche die Negie- 
rungsepoche dieses Königs auszeichnet. 
Die äußere Einrichtung des Gemaches, die grünen damastenen 
Gardinen, der Lustre, das rothdamastene Sopha in der Mitte, der 
davor stehende Tisch aus Polysander- und Rosenholz mit Bronze- 
verzierungen und gemalten Porzellanplatten, der darunter liegende 
unscheinbare Teppich sind den Gemächern entnommen, welche der 
König bewohnt hatte. Sie deuten auf das glückliche Familienleben 
des königlichen Paares hin, welches durch lange Jahre gewohnt 
war, auf diesem Sopha und an diesem Tische das Frühstück ein 
zunehmen. Gehen wir der Entwicklung und den frühzeitigen 
charakteristischen Aeußerungen dieses phantasiereichen Geistes des 
Königs nach, so ist vnerst die Aufmerksamkeit des Beschauers auf 
einen Kasten zu richten, welcher sich links vom Eintritt an dem 
Pfeiler zwischen dem ersten und zweiten Fenster besindet- Unter 
der Glashülle sind Erinnerungen aus der Kindheit und Jugend 
des Königs aufbewahrt. Darunter die ersten Lehrmittel, welche zu 
seiner geistigen Erziehung verwandt wurden, so eine auf Leinwand 
gezogene Karte zur Erlernung des Alphabets, ein schwarzes Buch, 
sechs kleine Schiefertafeln enthaltend, eine Kinderzeichnung, in
	        
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