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Periodical volume 19. Mai 1883, Nr. 34

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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unterlassen hinzuzufügen: „Vielleicht finden wir da eine recht 
hübsche Waldfce für Dich, denn mir scheint, ein einfaches 
Menschenkind genügt Dir nicht!" 
„Wenn Du mir nicht die Laune für die Reise verderben 
willst", cntgegnctc Secken so ernst und mit gerunzelter Stirn, 
daß Schallcr die Erwiderung verschluckte, die ihm schon wieder 
auf der neckischen Zunge schwebte, „so laste mich in Ruhe mit 
Deinen Neckereien, ich habe den festen Entschluß gefaßt, vor 
zehn Jahren nicht zu heirathen, und bitte Dich allen Ernstes, 
erwähne dieses Thema nicht wieder!" 
Schallcr lachte verlegen, brachte aber mit leichter Mühe 
die Unterhaltung in eine andere Bahn, so daß auch Secken 
bald wieder harmlos plauderte. 
Morgen sollte Gustel noch Elmcnhof in Augenschein 
nehmen, aber übermorgen gings fort; in der Abendzeitung 
hatte Rudolph zufällig einen Gasthof in Jlsenburg, „die 
drei Forellen" angezeigt gelesen und wie er sich gern im 
Moment entschied, schlug er dem Freunde vor, dorthin gemein 
sam zu reisen: „wenn cs uns da nicht gefällt, gehen wir weiter, 
wir binden uns nicht", fügte er hinzu. 
Der kommende Tag verging schnell, Schallcr war entzückt 
von Elmcnhof, vom Garten mit dem stillen See an, bis auf 
den Taubenschlag, und den massiven, schloßartig gebauten 
Pfcrdcstall, der die Mitte des Wirthschaftshofes bildete; von 
beiden Seiten schloffen sich Kuh- und Schafstall an und gegen 
über lag, in schweizer Styl gebaut, weinumrankt, Seelmann's 
Heim, das er und die thätige, Gattin nur als Schlafstelle 
betrachten konnten, da ihr Dienst sie an's Schloß fesselte. 
Gustel hatte den Freund wohl hundert mal auf dem 
Rundgange umarmt und immer wieder ausgerufen: „Du alter 
Glückspilz!" 
Und Secken hatte sich auf's neue an seinem Besitze erfreut, 
indem er ihn Schallcr zeigen konnte. 
„Noch gerade zwei Zimmer sind frei", erwiderte der wohl- 
srisirte Oberkellner der „drei Forellen" den beiden Reisenden, 
die eben vorfuhren, auf ihre Frage. — „Es sind Gerichts 
und Schulferien jetzt, da haben wir immer doppelt vielen 
Besuch," fügte er, sich stolz in die Brust werfend, hinzu. 
„Machen Sie die Zimmer zurecht", befahl Secken, „und 
geben Sie uns einstweilen etwas zu esten, wir sind sehr 
hungrig!" 
Der Oberkellner winkte dem Saalkellner, der Saalkcllner 
rief das Stubenmädchen von Nr. 9 und 10, der Wirth trat 
grüßend auch hinzu und führte die Herren komplimentirend 
in den Speiscsaal, >vo an einer stattlichen Tafel sämmtliche 
Gäste des Hauses, wie es schien, ihr Abendbrod verzehrten 
und wo Fritz eben dabei war, mit der Serviette die Brod 
krümel vom Tischtuche zu schlagen, um für die neu Ange 
kommenen Platz zu machen. — Im Eßsaale hatten die 
Fremden auch einige Aufregung hervorgerufen, das Läuten 
der Hotclglocke, das Rufen im Hausflur, hatte den Eingc- 
weihten angezeigt, daß Gäste, nicht blos Durchreisende ange 
kommen und man war gespannt auf den Zuwachs für die 
Pension, man lebte hier ziemlich wie eine Familie zusammen. 
So ruhten jetzt Aller Augen auf den Freunden, die Fritz 
an die beiden gesäuberten Plätze geleitete. 
Gerade Secken vis-ä-vis saß eine junge Dame, die mit 
ihren großen braunen Augen kindlich unbefangen den neuen 
Gast musterte. Und während er scheinbar die Speisekarte 
studirte, sann und grübelte er, wo er diese Augen schon früher 
gesehen. 
Das „haben der Herr schon befohlen?" des dienstbereiten 
Fritz, iveckte ihn erst wieder aus seinem Sinnen und er wählte, 
was sein Blick zuerst traf! 
Schalter blickte sich indessen in seiner harmlos kecken 
Weise die Tischgesellschaft an, ein hagerer, großer Herr, offen 
bar ein Jurist, kalkulirte er, saß ihm gegenüber, neben diesem 
auf einer Seite, das liebliche junge Mädchen, das Secken schon 
gesehen zu haben glaubte; auf der anderen Seite eine eben 
so große, hagere Dame, die ihrem Nachbar auffallend glich, 
gewiß ihr Bruder, schätzte Schallcr die Verwandtschaft; neben 
der Dame kamen zwei 18- und 15 jährige Jungen, die mit 
Schülerappetit und linkischen Bewegungen herzhaft kauten; 
dann kamen zwei alte Jungfern (das hatte Gustel gleich 
heraus), sie schienen ihm Lehrerinnen zu sein, denn in ruhiger, 
fast docircndcr Weise führten sie die Unterhaltung mit einem 
Herrn, ihnen gegenüber, den sie Herr Doktor nannten und an 
dcffcn Seite eine reizende Blondine saß, wie Schallcr beim 
Betreten des Saales bemerkt hatte. Ihn trennte nur ein 
junger Kandidat von der hübschen Frau Doktorin, dann kam 
Secken; wer noch auf seiner Seite saß, konnte er nicht recht 
sehen, ohne auffallend zu werden. Er tröstete sich auch und 
beirachtcte ebenso nicht weiter die anderen Gäste, denn das 
reizende kleine Mädchen an des alten Juristen Seite nahm 
seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Sie scherzte mit 
einer gelbblonden, jungen Dame, die sie Maria nannte, und 
ihre rosigen Bäckchen zeigten bei ihrem vergnügten Lachen so 
reizend tiefe Grübchen, daß Amor sich mit Pfeil und Kocher 
darein verkriechen konnte. 
„Fräulein Hertha ist wieder so lustig, daß sie alle an 
steckt", bemerkte eine der alten Jungfern am andern Tischende. 
„Wer nicht will, braucht nicht mit zu lachen", erwiderte 
die Genannte neckisch. 
„Hertha, sei nicht so kindisch", warf gravitätisch die 
Schwester des Juristen dazwischen. 
„Last' sie doch fröhlich sein, Bertha", meinte der alte 
Herr, lind die allgemeine Unterhaltung war iviedcr beendet. 
Der alte Jurist hob die Tafel auf, Alles folgte seinem 
Beispiel, man griff nach Hüten und Tüchern und wollte den 
gewohnten Abendspaziergang, die Ilse hinauf, unternehmen, 
da stolperte der 15 jährige Gymnasiast wieder zur Thür herein 
und rief mit Stentorstimme: „Es regnet, meine Herrschaften!" 
„Dann gehen wir in den Musiksaal", bestimmte der alte 
Herr, und Jeder legte Hut oder Tuch wieder bei Seite und 
folgte, ohne Einwand zu erheben, nach. Der alte Herr schien 
hier die Zügel der Regierung fest in der Hand zu haben. 
Secken und Schallcr traten jetzt an den Tonangcbcr 
heran, nannten ihre Namen und baten, sie mit der übrigen 
Gesellschaft bekannt zu machen- 
Der Präsident von Hanke, als welcher sich der Jurist, zu 
Schaller's stiller Freude über seinen Scharfblick, entpuppt hatte, 
stellte die Herren überall vor und Gustel's Kombinationsgabc 
war groß, er hatte sich wenig geirrt, Fräulein Bertha von 
Hanke war des Präsidenten Schwester, Hertha war seine 
Tochter, die beiden Gymnasiasten seine Söhne, die alten 
Jungfern waren zwei Stiftsfräulein, Baronessen von Spiegel, 
die ältere war Aebtissin mit dem Titel „gnädige Frau". Der
        
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