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Volume 12. Mai 1883, Nr. 33

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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„Mein lieber Obrister von Derschow und Oberstlieutenant 
von Blanckensee. Nachdem Ich den Einhalt Eurer Beyden 
Vorstellungen vom 23. Dieses mit mehrern ersehen. So habe 
Ich daraus resnlviret, auch Besage der abschriftlich beilie 
genden Ordre besohlen, daß zu ausfüllung und Pflasterung der 
Wilhelms Straße, statt der geforderten 16 340 tahler, 12 LI. tahl. 
gezahlet werden sollen, mit welcher Summa diese arbeit durch eine 
gute einrichtung und Menage bestritten und fertig geschaffet werden 
muß. Zu Bezahlung der Gärtchen und Acker so zu dem Bau der 
Wilhelm Straße hergegeben werden müssen, aeeordir Ich auch nur 
1 000 tahler, welche Ihr unter die Interessenten a proportion 
eintheilen und bezahlen laßen sollet. Die übrigen Posten zu ab- 
brechung und Wiedererbauung der 15 Häuser in der Mauer Straße, 
desgleichen derer 3 im Rondel, wie auch zu Bezahlung der pvrtione 
vor die 70 Häuser welche in der Wilhelms Straße noch zu Be 
bauen seynd, habe Ich mit 57 M tahler laut obgedachter Ordre, 
assignirt, und müssen die alsdann noch fehlende 405 tahl. auf die 
gantze Summe abgezogen, und durch einen proportionirten deevurt 
getilget werden. Da Ich auch übrigens die gantze Post der 70 M 
in gewissen tenninen auszuzahlen befohlen, auf kommende Michaelis 
aber schon 50 M tahl. gezahlt werden, so habt Ihr die anstalt zu 
machen, das mit abbrechung gedachter Häuser immer angefangen 
werde. Ich bin 
Euer wohlalleetionirter König 
Fr. Wilhelm." 
Berlin den 25. Augusti, 1737, 
An den Obristen v. Derschow 
u. Obristlieut. v. Blanckensee. 
Diese eigenthümliche Kabinetsordre ist in mehr wie einer 
Beziehung für die Stadtgeschichte Berlins von Interesse. 
Wir ersehen, wie der ebenso ökonomisch als landesväterlich 
gesonnene Herrscher bei der Vergrößerung des Weichbildes, obwohl 
er diese mit dem größten Eifer anstrebte, dennoch überaus sparsam 
verfuhr. Der ihm für die Wilhelmstraße vorgelegte Entwurf for 
derte für die Regulirung und Pflasterung 16 340 Thlr., für die 
Riederreißung und Wiedererbauung von 15 hinderlichen Häusern 
in der Mauerstraße und 3 am Rondel (dem jetzigen Bellealliance- 
Platz) 57 405 Thlr., zusammen 73 745 Thlr.; der König strich von 
dem ersteren Posten 3 340 Thlr., von dem letzteren 405 Thlr., er 
mäßigte also die Summe bis aus 69 000 Thlr. Für unbebaute 
Trennstücke, welche zur Anlage der Straße außerdem benöthigt 
wurden, gab er lediglich 1 000 Thlr. her, so daß also die Anlegung 
der Wilhelms-Straße einschließlich jener 18 Häuser im Ganzen nur 
70 000 Thaler kostete. 
Erwägt man, daß die Wilhelms-Straße vom „Rondel" bis zu 
den „Linden der Neustadt" 530 rheinl. Ruthen lang ist, daß jetzt 
in den Hauptstraßen den Anliegern das Pflaster für den Quadrat 
meter mit 13 Mark, in den Nebenstraßen mit 11 Mark 50 Pf. 
berechnet wird, während es dem Magistrat noch etwas mehr kostet, 
und daß die Quadratruthe an der Wilhelms-Straße von den Linden 
an gerechnet bis zum Bellealliance-Platz 3000 bis 6000 Thaler 
geschätzt wird, so springt, selbst bei Veranschlagung des höheren 
Währungsstandes des Geldes in der ersten Hälfte des 18. Jahrhun 
derts der ungeheure Abstand der Preise und Werthe grell in die 
Augen. 
Der sparsame Monarch hatte gerade nicht häufig, aber doch 
mitunter sogar ästhetische und künstlerische Anwandlungen. So 
berichtet Nicolai, daß der König Willens war, die neue Friedrichs 
stadt mit Springbrunnen zu versehen. Er ließ 1735 von Dietrichs 
verschiedene Zeichnungen hierzu machen, genehmigte dieselben und 
befahl, die zur Ausführung nöthigen Anschläge zu machen. Da 
diese sich aber auf über 100 000 Thaler beliefen, so wollte keiner 
Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Emil Dominik ir 
Druck: W. Moeser Hofbuchdruckerei in Berlin 8. 
der damaligen Minister — was wir auch ohne besondere Versiche 
rung gern glauben — sie dem Könige vorlegen und die Sache 
gerieth in Vergessenheit. Läßt man den kläglichen Wasser speien 
den Löwen von Zinkguß außer Acht, den die Englische Wasser- 
leitungsgesellschaft auf des Polizeipräsidenten von Hinckeldey Be 
fehl einrichten mußte, und der gelegentlich der Umgestaltung des 
Dönhoffs-Platzes für das Stein-Denkmal beseitigt wurde, so haben 
wir auch jetzt erst die eine ziemlich dürftige Wasserkunst auf dem 
1 Bellealliance-Platz in der gesammten Friedrichsstadt auszuweisen. 
Als das Geburtsjahr der Friedrichsstadt kann 1688 gelten; 
die ersten Häuser wurden streng nach des berühmten Nering's 
Plänen gebaut, und so sehr war der prachtliebende Kurfürst Fried 
rich III. aus einen einheitlichen monumentalen Charakter des neuen 
Stadttheils bedacht, daß zwischen 1689 und 1691 wiederholte Be 
fehle ergingen, daß Niemand, bei Vermeidung des Niederreißens 
der Häuser, anders als nach Nering's Rissen bauen solle. Nach 
Nering's Tode, 1695, mußte nach Grüneberg's und Behr's Ent 
würfen gebaut werden, letzterer der Ingenieur, nach welchem die 
Behrenstraße getauft ward. 
AIs König Friedrich I. 1713 gestorben war, setzte sei» Sohn 
den Ausbau der Friedrichsstadt mit größtem Eifer fort und förderte 
den Anschluß derselben an die ältere Stadt dadurch, daß er von 
1734 bis 1737 die trennenden Festungswerke niederreißen ließ, 
leider ohne sie zur Anlegung von Boulevards zu benutzen, ein 
Versehen, unter welchem Berlin noch immer zu leiden hat. Desto 
einsichtiger wurden die Hausbauten gefördert und von 1721—1737 
nicht weniger denn 985 neue Gebäude errichtet; 1737 war die 
Zahl der Häuser von 719 bis auf 1682 gestiegen. 
Unter den Ansiedlern erwähnen wir die im Jahre 1727 aus 
der Heimath vertriebenen Böhmen, deren erste Ankömmlinge zwischen 
1 der Krausen- und Schützenstraße, die späteren in dem besprochenen 
südlichen Theil der Wilhelms-Straße angesiedelt wurden. Nicolai 
sagt 1786: „Vom Thore bis zur Kochstraße sind die Häuser von 
gleicher Höhe, zwey Geschoß hoch, und werden meistens von Zeug 
machern und andern Manufakturisten bewohnt. Jenseits des 
Wilhelmsplatzes aber sind lauter prächtige Paläste." 
Jene schlichte Einfachheit der böhmischen Weberhäuser ist im 
beregten Zuge unserer Straße nunmehr zwar schon vielfach durch 
brochen, gleichwohl aber noch immer bemerkbar, ebenso wie das 
Gedächtniß an den nationalen und religiösen Charakter dieses 
Straßenzuges voraussichtlich noch sehr lange durch das Grund 
stück der böhmischen Brüdergemeinde erhalten bleiben wird. 
So spiegelt die Geschichte der Wilhelms Straße mit ihren re 
denden Erinnerungen an die Bemühungen der preußischen Herrscher, 
ihre Hauptstadt baulich zu heben, weise Toleranz zu üben und 
den Gewerbfleiß zu fördern, in Verbindung mit den Palästen, in 
denen die preußische Staats- und die deutsche Reichsverwaltung 
ihre unablässige Sorgfalt für die Kräftigung und Hebung des 
engeren wie weiteren Vaterlandes bekundet, gleichzeitig die Kultur 
geschichte und die innere wie äußere Politik Preußens und Deutsch 
lands für Jedermann, der sich aus Lapidarschrift versteht, in 
klarer und überzeugender Weise wieder. 
Misrrllen. 
Mevauung der Muscumsinfel in Merlin. Dem Vernehmen nach 
sind die Vorarbeiten zu einer Bebauung der Museumsinsel bereits weiter 
gediehen, als man im Allgemeinen anzunehmen scheint- Schon im vo 
rigen Jahre war die Rede davon, — schreibt das Wochenblatt für Archit. 
— daß eine beschränkte Vorkonkurrenz ausgeschrieben werden sollte, die 
in ihrem Ergebniß einer allgemeinen Konkurrenz zu Grunde gelegt werden 
sollte. Bei der Schwierigkeit der Ausgabe, die mit vielen lokalen und 
administrativen Rücksichten zu rechnen hat, würde sich gegen ein solches 
i Berlin W. — Verlag von Gebrüder Partei in Berlin W. — 
— Nachdruck ohne eingeholte Erlaubniß ist untersagt.
	        
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