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Periodical volume 12. Mai 1883, Nr. 33

Full text: Der Bär Issue 9.1883

Line Chronik für's Haus 
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Erscheint wöchentlich am Sonnabend und ist durch alle Buchhandlungen, Zeitungsspcditionen und Postanstalten für 2 Mark 
IX. Jahrgang. vierteljährlich zu beziehen. - Jm postzeitungs-Latalog eingetragen unter Nr. 2278. t, c » 12, Mai 
Nr. AZ. Herausgegeben von Emil Dominik. Verlag von Gebrüder Paetel in Berlin W. 1883. 
Das Testament des Onkels. 
Novelle von Ä. n. Senfen. (Fortsetzung.) 
Nachdruck Verbote». 
Gesetz v. 11. VI. 70. 
Dcr junge Besitzer von Elmenhof las: „Mein lieber Ru 
dolph! Vielleicht ruhe ich erst kurze Zeit unter den Linden im 
Park, vielleicht sind Jahre verflossen, seitdem sich der grüne Hügel 
über mir wölbte, heute, wo Du meine Briefe in Händen hältst. 
Ich bin es Dir schuldig. Dir von meinem Leben zu sprechen, Du 
wirst dann bester verstehen, warum ich Dir gerade mein „Elmen- 
hos" vermachte, warum ich 
Dir aber eine Verpflichtung 
aufbürdete, die Dich zum 
wenigsten befremden muß. 
Deine Mutter war die 
Jüngste von uns drei 
Kindern, und da zwischen 
mir und meinem Bruder 
Wilhelm — wir beide waren 
Zwillinge — und Deiner 
Mutter fünf Kinder unsern 
Eltern gestorben waren, war 
sie beträchtlich jünger als 
ich. Bei Helenens Geburt 
starb unsere Mutter und nur 
zwei Jahre darauf erlag 
unser Vater einem Nerven 
fieber. 
Wir waren völlig mit 
tellos zurückgeblieben und 
der Mildthätigkeit dcr 
Verwandten anheimgestellt. 
Wilhelm wurde, da unser 
Vater Offizier war, und 
noch im Dienste starb, gleich 
in's Kadettenkorps aufge- Auguste. Fürstin 
nommen, wo er, 15 Jahre Origmalzeichmmg zum 
alt, schon in eine der höchsten Klaffen kam und mit 19 Jahren 
als flotter Lieutenant entlasten wurde. Die kleine Helene 
nahm eine kinderlose Kousine der Mutter zu sich, und ich war | 
am schlimmsten daran. — Als Kind hatte ich den Arm ge 
brochen, der schlecht geheilt war, so daß ich den linken Arm 
nicht mehr ganz gerade machen konnte. Jm Kadettenkorps 
fand ich in Folge besten keine Aufnahme und einen Knaben 
im Hause standesgemäß zu erziehen, dazu gehören größere 
Mittel, als unsere Verwandten aufzuweisen hatten, zumal säst 
Alle selbst reich mit Kindern 
gesegnet waren. — 
So wurde denn im 
Familienrathe beschlossen, ich 
sollte auf gemeinschaftliche 
Kosten erzogen werden und 
später studiren, was, sollte 
mir überlassen bleiben. — 
Ich wurde in eine Pen 
sion nach Halle gegeben, >vo 
auch die Tante als Wittwe 
lebte, die mein Schwester 
chen übernommen hatte. — 
Ich lernte leicht und hatte 
glücklicherweise einen mehr 
phlegmatischen Charakter, so 
daß ich auch durch keinerlei 
Ausschreitungen meinen Ver 
wandten Kummer machte. 
Das Abiturientenexainen be 
stand ich glatt, doch ohne 
hervorragende Kenntnisse zu 
verrathen und da ich für 
kein Studium eine besondere 
Neigung hegte, war ich's 
von Liegnitz. zufrieden, daß ich Jura 
Aufsatz «eüc 400. studiren sollte. Helene war 
noch ein Kind, als ich nach Jena ging und fing eben an, mit 
Eifer das A B C zu lernen; sie sollte Lehrerin werden. 
Ich studirte fleißig und kam mit meinen karg bemessenen
        
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