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Periodical volume 5. Mai 1883, Nr. 32

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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Sadowa gelegenes Terrain von mehr als 100 Morgen Aus- zwei Jahre später entstand ein Spindlersielder Gesangverein 
dehnung mit bedeutender Wasserftont. Dieses Terrain, welches „Frohsinn", 1877 ein zweiter Vergnügungsvcrein „Allemannia". 
späterhin durch Erwerbung einer Waldparzelle auf nahezu zwei 
hundert Morgen vergrößert wurde, erhielt den Namen „ Spind - 
lersfeld 
Die Erfahrungen und Kenntnisse, welche ein volles Menschen 
alter hindurch in der eigenen Anstalt praktisch gesammelt waren, 
die ingeniösesten Erfindungen geistvoller Techniker des In- und 
Auslandes, die hohe Entwickelung, welche die Architektur in der 
Anlage von Fabriketablissements gegenwärtig erlangt hat, und die 
genaue Erkenntniß der Bedürfnisse des nach Hunderttausenden von 
Personen zählenden Kundenkreises: Alles dies vereinigte sich bei 
der Anlage und bei der inneren und äußeren Einrichtung des neuen 
Etablissements Spindlersseld bei Köpenick. Lange genug hatte 
jener Komplex von engverbundenen Gebäuden und Fabrikations 
räumen in der Wallstraße, verborgen vor aller Welt, verdeckt durch 
die benachbarten Straßenfronten, einem gefesselten Riesen gleich, 
den Zwecken der Firma gedient; jetzt sollte der Gigant ausstehen 
und sich dehnen und recken, und in voller Entfaltung jeder Branche 
des Fabrikationszweiges ein harnionischer Organismus erstehen. 
Jahre lang dauerte der Bau des neuen Fabriketabliffements 
Spindlersseld bei Köpenick, Jahre lang die Einrichtung seiner ein 
zelnen Theile. Mit dem Jahre 1873 war Alles so weit fertig, 
daß die Uebersiedelung aus Berlin nach Spindlersseld beginnen 
und letzteres dadurch seiner neuen Bestimmung übergeben werden 
konnte. Aber kaum hatten die drei Besitzer die Einweihung des 
neuen Etablissements gefeiert, da traf plötzlich und unvorbereitet 
— vier Tage später — den rastlosen Begründer der Firma 
im Alter von dreiundsechszig Jahren der Schlag, und der Tod 
entriß ihn den Seinen. Auf dem Sterbebette noch gab er der 
inneren Unruhe und dem schöpferischen Drang, die ihn verzehrten, 
Ausdruck. 
Er durfte ruhig sterben, denn seine Schöpfung konnte in keine 
besseren und tüchtigeren Hände übergehen, als in diejenigen seiner 
Söhne William und Karl. Beide gingen denn auch rüstig an's 
Werk, um den inneren Organismus der Fabrik zu vollenden und 
schufen resp. erweiterten eine Menge Einrichtungen, die namentlich 
die Förderung des leiblichen und geistigen Wohles der Arbeiter 
des Etablissements bezweckten. Hierzu gehört zunächst die Begrün 
dung einer besonderen W. Spindler'schen Privat-Kranken- 
unterstützungs- und Sterbekasse, welche bereits 1868 auf 
Anregung der Firma gegründet wurde, und die im Anschluß an 
die allgemeine Fabrikarbeiter-Krankenkasse die Arbeiter auch bei 
länger andauernden Erkrankungen oder schweren Unfällen vor 
Mangel sichert. Zu dieser Krankenkasse trägt die Firma dieselben 
Beiträge bei, wie die Arbeiter. Hierher gebört ferner seit der 
i. I. 1871 erfolgten Einführung des Hastpflichtgesetzes die Be- 
gründung eines von der Firma reich dotirten Unsallfonds sowie 
eines Jnvalidenfonds. Seit 1872 trat hierzu eine für alle 
Arbeiter obligatorische Sparkasse, deren Einlagen die Firma mit 
jährlich 8% verzinst. Im November 1873 wurde alsdann eine 
Schule für die Kinder der nach Spindlersseld übergesiedelten Ar 
beiterfamilien gegründet, welche i. I. 1874 in einen Fortbil 
dungsunterricht für die Färberei-Lehrlinge umgewandelt 
und zu der 1881 eine Kaufmannsschule hinzugefügt wurde. 
Schon im I. 1872 wurde mit dem Bau von Arbeiterwoh 
nungen begonnen und auf diese Weise für 60—70 Familien ge 
sunde Wohnstätten auf dem Areal von Spindlersseld geschaffen. 
Im I. 1874 wurde eine Arbeiter-Bibliothek, die schon jetzt 
mehr als 1000 Bände besitzt und eine Technische Bibliothek 
mit mehr als 300 Bänden geschaffen. In den Jahren 1878—1881 
wurden auf Kosten der Firma eine Reihe von wissenschaftlichen 
Borträgen vor den Arbeitern gehalten; i. I. 1874 begründeten 
die Spindlersfelder einen Vergnügungsvcrein „Konkordia", 
Im August 1878 wurde ein Spindlersfelder Ruderverein 
gebildet, welcher im Besitze von 3 Gigs und 5 Booten sich 
bereits mehrere erste Preise auf Ruderregatten geholt hat. Für 
die Bade-Bedürfnisse der Arbeiter und Arbeiterinnen bestehen zwei 
getrennte Badeanstalten; für die Restaurations-Bedürfnisse der 
Leute ein ausgedehntes Fabrik-Restaurant, das, unter ausge 
zeichneter Leitung stehend, in seinen Leistungen manches städtische 
Restaurant übertrifft. 
Hand in Hand mit diesen Wohlsahrtseinrichtungen 
ging die allmähliche Uebersiedelung sämmtlicher Branchen des Ber 
liner Etablissements nach Spindlersseld, dergestalt, - daß bis 
j zum Anfang dieses Jahres letzteres in volle Thätigkeit treten konnte. 
Die Reihe der schöpferischen Umwälzungen, welche hierbei im 
inneren Fabrikbetrieb erfolgten, ist umfassend. Leider aber sollte 
es der Firma nicht vergönnt sein, daß beide Brüder gleichmäßig 
j ihre ganze Kraft dem Unternehmen widmeten. Mitten in seiner 
humanen und geistvollen Thätigkeit wurde Herr William Spind- 
ler körperlich leidend und sah sich gezwungen, in südlichen Ge 
genden Heilung zu suchen; als ihm dies nach längerer Zeit nicht 
im gewünschten Maaße gelang, blieb ihm nichts anderes übrig, als 
seinem Körper die nöthige Ruhe zu gewähren und zum Bedauern 
Aller sich von den Arbeiten und der Theilnahme an der Firma 
zurückzuziehen. Seit dem Jahre 1881 hat der zweite der beiden 
Brüder, Herr Commerzienrath Karl Spindler, die Lasten 
und Erfolge der Firma allein auf seine Schultern genommen. 
Selten ist ein Programm so schön durchgeführt und natur 
gemäß erweitert worden, wie dasjenige, welches der Vater Wilhelm 
Spindler bei Begründung seiner Firma in jener früher von uns 
mitgetheilten Annonce vom I. October 1832 aufgestellt hatte. Die 
Firma Spindler beschäftigt gegenwärtig gegen 1500 Beamte und 
Arbeiter beiderlei Geschlechts durch den Betrieb der folgenden 
Branchen: 
1. Die Färberei und Druckerei seidener Garne für alle 
Zweige der Seidenwaaren-Fabrikation. Hervorzuheben sind 
schwarze Kettseiden für Hutplüsche, die Anfärbung walkechter 
Organsins und Chappes zur Tuchfabrikation, Färberei von 
Cordonnet-, Cüsir-, Chappe- und Tussah - Seiden für die 
Passementerie-, Tapisserie- und Nähseiden-Branchen. 
2. Die Färberei und Druckerei wollener Garne in 
glatten Farben und Schattirungen für Tapisserie- und Phan 
tasiewaaren, sowie Rayö-Farben für Strumpswaaren-Fa 
brikation. 
3. Die Färberei, Druckerei und Bleicherei baumwolle 
ner und Chinagras-Garne für Weberei, Strumpswaaren, Ta 
pisserie- und Phantasiezwecke. 
4. Die Färberei und Appretur halbseidener Satins 
im Stück. 
5. Die Zeugfärberei: der Sammelname für diejenige Ab 
theilung, welche sich mit dem Färben, Reinigen, Waschen, 
Auffrischen und der Appretur getragener Stoffe und Garde 
robenstücke aller Art beschäftigt. Zu dieser Abtheilung gehört 
auch die oben erwähnte „chemische Wäsche auf trockenem 
Wege". 
Der Verkehr dieser letzteren vielseitigsten Abtheilung mit dem 
Publikum wird durch 35 Ladengeschäfte mit eigenem Personal ver 
mittelt, von denen sich 13 in Berlin, 3 in Dresden, je 2 in 
Breslau und Hamburg und je eins in Altona, Bremen, 
Kassel, Charlottenburg, Chemnitz, Köln, Erfurt, Frank 
furt a. O., Frankfurt a. M., Halle a. S., Hannover, Leipzig, 
Magdeburg, Potsdam und Stettin befinden. Außerdem 
unterhält die Zeugfärberei gegen 500 Agenturen in allen be 
deutenderen Städten des Deutschen Reichs und steht durch
        
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