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Volume 5. Mai 1883, Nr. 32

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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hoben sich leuchtend von dem dunkleren Grün der Fichten ab, 
darüber spannte der herrlichste Augustnachmittag sein azur 
blaues Zelt und aus hundert süßen Vogclkchlen jubelte ein 
fröhlicher Sang. Dicht an den Wald schloß sich der eigent 
liche Park, der schon in direkter Verbindung mit dem weiten, 
in englischem Geschmack angelegtem Garten steht; auf dem 
blauen See zogen majestätische Schwäne ihre Bahnen, 
eine weite, prachtvoll gehaltene Nasenfläche steigt allmählig 
sanft auf, der breite Kiesweg läuft seitwärts herum, und 
unter dem Schatten alter ehrwürdiger Linden und Eichen 
liegt das kleine, aber überraschend schöne Schloß. — 
Secken war aufs neue bezaubert von dem reizenden Orte, 
der nun sein Eigenthum war, behend sprang er vom Wagen 
und schüttelte dem alten Inspektor, der zu seinem Empfange 
bereit, an der Hausthür stand, die Hand und ließ sich in das 
Schloß geleiten. — Der Hausflur, dessen Wände mit Eichen- 
getäfel belegt waren, glich einem kleinen Jagdsaale, ein Kron 
leuchter von Hirschgeweih hing, in unzähligen Spitzen und 
Bogen gewunden, von der Decke herab; Armleuchter, ebenfalls 
aus Geweihen, schmückten neben großen, schwarz gerahmten 
Familienbildern die Wände, ein runder Tisch von Eichenholz 
und ebensolche Stühle standen in der Mitte. — 
Der alte Seelmann gewahrte mit stiller Befriedigung den 
Eindruck, den der Beschauer empfing. Als Secken neulich, 
gleich nach der Testamentseröffnung, hier gewesen war, hatte 
es gestürmt und geregnet und auch hier im Schlosse war noch 
Alles in Unordnung gewesen, das Bcgräbniß des alten Herrn 
von Rosen, die vielen Gerichtsbeamten u. s. w. hatten das 
ganze Haus in Aufruhr gebracht. Jetzt hatte Frau Scelmann, 
die hier die Wirthschafterinstclle inne hatte, wieder Alles ge 
säubert und zum Empfange des neuen Herrn besonders her 
gerichtet. — 
„Wollen der Herr Baron nicht noch weiter das Schloß 
in Augenschein nehmen?" rinterbrach der Inspektor endlich 
Seckcns Betrachtungen; „als der Herr Baron vor vierzehn 
Tagen hier waren, sah cs nicht eben einladend aus;'aber 
jetzt ist Alles wieder so, wie beim gnädigen Herrn selig," 
damit öffnete er die Thür von Eichenholz zur Rechten und 
geleitete Secken durch einen äußerst geschmackvollen behag 
lichen kleinen Speisesaal hindurch in ein grün möblirtcs 
Wohnzimmer, an das sich ein Bibliothckzimmcr, ein Empfang 
salon, ein Arbeitszimmer für den Hausherrn und zuletzt ein 
geräumiges Schlafzimmer anschloß, dieses mündete wieder in 
den Hausflur. „Hier oben," erläuterte Scelmann, auf eine 
breite Eichcntreppe deutend, die vom Flur nach der oberen 
Etage führte, „sind noch Gastzimmer, ein Billardsaal und ein 
Tanzsaal, während der gnädige Herr selig aber in Elmcn- 
hof wohnte, haben wir dort oben nichts benutzt!" — Secken 
ging zurück in das Schlafzimmer, für heute wollte er sich mit 
diesem oberflächlichen Rundgange begnügen, eine gründliche 
Inspektion sämmtlicher Räume behielt er sich vor. — 
Es war vier Uhr Nachmittags, und Secken war müde 
und abgespannt von dem Treiben der letzten Tage und von 
der Reise, ain liebsten Hütte er sich im Arbeitszimmer in den 
Lehnstuhl am Fenster gesetzt, und hätte seine Blicke über den 
weiten blauen See schweifen lassen, er war müde, körperlich 
und geistig; aber eben meldete Friedrich das Mittagessen und 
Secken bürste Frau Scelmann die Freude nicht verderben, er 
mußte hinüber in den Speisesaal. — 
Drei Kouverts standen auf der, mit großer Sorgfalt ge 
deckten Tafel- 
„Der gnädige Herr selig," orientirte Scelmann gleich 
wieder, „wünschte immer, daß ich und meine Frau mit ihm 
aßen, er fühlte sich allein zu einsam, und da meine Frau hier 
im Schlosse die Wirthschaft besorgt, kann sie drüben im Jn- 
spektorhause nicht kochen, wir aßen deshalb immer hier und 
unsere Magd mit dem herrschaftlichen Gesinde!" 
„So soll es auch ferner bleiben, lieber Scelmann," 
bestimmte Secken; „aber wo ist Ihre Frau?" 
Im selben Augenblick öffnete sich der eine der drei Eichcn- 
schränke an der Hinteren Wand, den drei großen Fenstern 
gegenüber und Frau Seelmann erschien mit silberverschlosscncn 
Weinflaschen im Arm, die sie auf die Tafel setzte und erst die 
siechte an der schneeweißen Schürze säubernd, begrüßte sie mit 
tiefem Knixe den neuen Herrn. — 
Secken reichte der alten bewährten Dienerin des Onkels 
freundlich die Hand und der Inspektor stand schmunzelnd da 
neben und freute sich über die, wie ihm dünkte, imponirend 
feinen Manieren seiner Ehehälfte. — 
„Wo kamen Sie beim daher, Frau Scelmann?" fragte 
Secken, auf den geschnitzten Eichenschrank deutend. 
„Da geht's in den Weinkeller, Herr Baron, die andere 
Thür verbirgt den Spcisenauszug und nur in der Mitte 
ist ein wirklicher Schrank lind enthält das Silber," dabei 
schob sie die Thür seitwärts zurück und hinter einer Glas 
scheibe gewahrte Secken auf blauem Sammetgrundc das 
blitzende Silber. — 
Ein schmackhaft bereitetes Mahl wurde von Friedrich 
aufgetragen, es berührte Secken wohlthuend, wie geräuschlos 
Alles von Statten ging; der Diener hatte nicht nöthig, den 
Saal zu verlassen, durch den" Speisenauszug gelangten die 
Speisen herauf, das gebrauchte Geschirr zur Küche hinab und 
Friedrich besorgte sein Amt still und gewandt. Die beiden 
Seclmanns waren bescheiden und zurückhaltend, die alte Wir 
thin, die ihr Gatte „Röschen" nannte, machte in stiller Be 
scheidenheit die Honneurs, und Seelmann selbst sprach nur, 
wenn Secken ihn nach diesem und jenem fragte, sonst hielt er 
sich in rücksichtsvoller Reserve. — 
Ein Tag verging dem neuen Schloßherrn, wie der an 
dere; er hatte sich durch den alten, praktischen Inspektor auf's 
Feld, in Ställe und Scheuern führen lassen unb vertiefte sich 
iit landwirthschaftlichc Studien, um auch theoretisch zu lernen. 
In Elmcnhof war Alles in geregeltem Geleise; der Rechnungs- 
führer, auch ein älterer Beamter, hatte seine Bücher vorgelegt, 
sie stimmten auf Heller und Pfennig; der Viehbestand war 
vortrefflich; im Garten waren die schönen alten Anlagen 
sauber gepflegt, Secken hätte nichts zu verbessern gefunden, 
selbst wenn er gedurft hätte, so war er aber froh, daß die 
eigenthümliche Tcstamentsklausel ihn nicht mit seinem Ge 
wissen oder mit besonderen Wünschen in Konflikt brachte. 
Was den Erblasser bewogen haben konnte, eine so ab 
sonderliche Bedingung dem Erben zu stellen, ahnte Secken 
aber noch immer nicht. — 
An einem besonders rauhen Oktobcrtage saß der junge 
Gutsherr in seinem Zimmer, dessen Fenster hinaus auf den 
See führten, ein heftiger Katarrh fesselte ihn schon seit Ta 
gen an's Zimmer und es war ihm recht wehmüthig einsam 
zu Muthe, als er hinaus auf das Wasser blickte.
	        
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