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Periodical volume 28. April 1883, Nr. 31

Full text: Der Bär Issue 9.1883

derartigen Einschlüssen der tollste Schwindel getrieben wurde, um 
so mehr, als der Bernstein leicht in Fluß zu bringen ist. Man 
kennt eingeschlossene Frösche, sogar einen Laubfrosch, der gerade 
nach einer gleichfalls eingeschlossenen Fliege hascht, eingeschlossene 
Schlangen und dergleichen Kunststückchen mehr. Der Blick des sichern 
Forschers unterscheidet freilich auch hier leicht das Echte vom Falschen 
und aus den echten Einschlüssen entrollt uns Göppert ein volles 
Bild des Bernsteinwaldes. Zunächst war es nicht eine einzelne 
Baumart, von welcher das Harz zum Bernstein erstarrte, sondern 
mehrere verschiedene Nadelhölzer. Die überwiegende Mehrzahl der 
Von Göppert untersuchten Bernsteinhölzer gehörte einer Kiesernart 
an, welche im anatomischen Bau unserer Weymouths-Kiefer 
(Pinus Strobus) sehr nahe steht und daher Finites stroboides 
Göpp. getauft wurde. 
Bon Nadelholzblättern hat der konservirende Bernstein uns 
erhalten vier langnadelige Kiefernsormen, eine Fichte und eine 
Tanne, zwei Schirmfichten — deren heutige Vertreter nur in 
Japan wachsen — und eine den Eiben verwandte Art. Auch 
männliche und weibliche Blüthen von Bernstein-Nadelhölzern, so 
wie einzelne Fruchtschuppen finden sich im Bernstein, ganze Zapfen 
fehlen vollständig. Außer den Resten der eigentlichen Bernstein 
bäume sind im Bernstein auch Ueberreste anderer Pflanzen aufbe 
wahrt, welche also jedenfalls mit 
im Bernsteinwalde wuchsen. Von 
Nadelhölzern sind es Blüthenkätz- 
chen einer Wachholderart, Blüth- 
chen und Aestchen von neuenLebens- 
baumarten resp. dem Lebensbaum 
nahestehenden Gattungen, Blü 
then und Aestchen einer Chpresse, 
Blätter der nordamerikanischen 
Sumpf-Chpresie, ein weibliches 
Blüthenzäpfchen einer dieser nahe 
stehenden Art, zahlreiche Blätter 
des mit den Cypressen verwand 
ten Glyprostrobus, von welchem 
eine sehr ähnliche Art noch heute 
in China wächst, und Früchtchen 
von zwei Arten der interessanten 
Gattung Ephedra, deren Arten heute noch in Süd-Europa vor 
kommen. 
Wir können uns aus diesen Resten und aus der Lagerung 
des Bernsteins ein getreues Bild des Bernsteinwaldes entwerfen. 
Es muß ein dichter Kiefernwald gewesen sein mit eingesprengten 
Beständen von Fichten und Tannen, an den lichten Rändern und 
in lockeren Beständen ein üppiges Unterholz von Wachholder, Cy 
pressen, Lebensbaum und ähnlichen Formen. Aus den noch nicht 
publizirten übrigen Pflanzenfunden wissen wir, daß hin und wieder 
eine Eiche ihr Laubdach zwischen dem Nadelholz ausbreitete, daß 
Campher- oder Lorbeerbäume sich in die Gesellschaft mischten und 
eine vermuthlich spärliche Grasnarbe den Boden bedeckte. Alles 
in Allem ein Waldbild, wie es sich uns heute, wenig verändert, 
auch noch an Ort und Stelle darbietet, nur die Chpresie, der Lor 
beer- und der Lebensbaum sind daraus verschwunden. 
Der Untergang des Bernsteinwaldes ist nicht, wie frühere 
Forscher glaubten, durch eine rasche Katastrophe erfolgt. Göppert 
weist nach, daß er jedenfalls ganz langsam durch allmählige Sen 
kung und Ueberfluthung des Bodens erfolgte, genau wie die Bil 
dung der Steinkohle. Erst verrotteten die krautartigen Pflanzen 
in der anhaltenden Ueberschwemmung, dann folgten die Laubhölzer 
und am Ende die durch ihren Harzgehalt gefestigten Nadelhölzer; 
erhalten blieb nur die erdige Kohle als Ueberrest, und zwischen 
ihr der massenhafte Bernstein. 
Die Menge des begrabenen Bernsteins ist eine ganz kolossale 
und die Berechnungen, die über die Gesammtmasse angestellt sind, 
j ergeben Riesenziffern. Nimmt man die Fläche des ehemaligen 
! Bernsteinwaldes an der Ostsee nur mit 20 Quadratmeilen an, so 
; enthalten diese nach Runge's Berechnung 96 Millionen Centner 
Bernstein. Die höchste Jahresausbeute betrug bisher 400 Centner, 
so daß also in den letzten dreitausend Jahren diese Masse nur etwa 
um 1,2 Millionen Centner abgenommen hat. Für die nächsten 
paar Dutzende von Jahrtausenden ist also noch keine Noth an 
j Bernstein zu befürchten. 
Wie weit die Bernsteinwelt nach Norden reicht, ist unbekannt, 
gesunden wurde Bernstein auf Grönland, Kamtschatka, Unalaschka, 
j Sitka, am Ausfluß der Lena u. s. w. Die Südgrenze reicht vom 
Petschora-Lande östlich vom Weißen Meere im großen Bogen 
durch Ost-Rußland nach Lublin, von dort über Teschen an den 
Sudeten vorbei nach der Ober-Lausitz, Jena, Erfurt, Halle, Hildes- 
j heim, Dortmund nach dem Rhein und nach Holland hinein. Die 
j einzig lohnende Hauptfundstelle*) aber bildet die Ostseeküste von 
Memel bis Danzig und die Hauptmaste des Bernsteins ruht auf 
dem Meeresboden zwischen den Inseln Bornholm, Oesel, Gothland 
^ und dem Samlande. — 
Misctlltn. 
Zur Reorganisation des Nor 
dens Merlins. Von der alten Vieh- 
markt - Aktien - Gesellschaft ist 
an den Magistrat der Antrag ergangen, 
noch einmal auf Unterhandlungen 
wegen Ankaufs des ganzen Unter 
nehmens durch die Stadt einzugehen. 
— Es läßt sich nicht verkennen — 
schreibt die Voss. Ztg. — daß für 
den Antrag schwer wiegende Gründe 
sprechen. Es würde jedenfalls vor- 
theilhast für den Norden der Stadt 
sein, wenn das große Territorium 
von der Kommune erworben und von 
dieser für die Bebauung freigelegt 
würde, auch ist es wünschenswerth, 
den Prozeß zu vermeiden, der sich 
unzweifelhaft über die Höhe der von 
der Viehmarkt-Aktien-Gesellschast zu 
fordernden Entschädigung in Folge 
Einführung des Schlachtzwanges er 
heben würde. —. Auf der anderen Seite erscheint es bei den gegen 
wärtigen Finanzverhältnissen der Stadt nicht unbedenklich, ein großes, 
Mllionen betragendes Kapital zum Ankauf eines Territoriums zu ver 
wenden, welches durch Parcellirung nur nach und nach, vielleicht erst nach 
Jahren wieder durch den Verkauf das verauslagte Kapital zurückzuge 
währen im Stande ist. Keinenfalls könnte der etwa zu zahlende Preis so 
hoch sein, daß der gegenwärtige Cours der Aktien überstiegen oder auch 
nur erreicht wird. Der Magistrat hat darum beschloßen, der Stadtverord- 
neten-Versammlmrg seine Geneigtheit auszusprechen, aus Unterhandlungen 
wegen Ankaufs des alten Viehmarktes einzugehen, und zugleich bei der 
Versammlung die Niedersetzung einer gemischten Deputation zu beantragen, 
welche die Aufgabe erhalten würde, die Offerten der Gesellschaft genau 
zu prüfen und den städtischen Behörden ihre etwaigen Vorschläge zu 
machen. 
Das Maczinsky'sche Malais (mit der Illustration S. 379). Der 
bekannte Gebäudekomplex wird in allernächster Zeit abgerissen werden 
und dem Reichstagsgebäude Platz machen. Unsere Zeichnung stellt die 
drei Gebäude dar, wie sie ursprünglich von Professor Stra ck entworfen 
und in den Jahren 1844—46 ausgeführt wurden. Es war eine Villen- 
Gruppe, die als Ganzes ebenso malerisch wirkte, als sie im Einzelnen den 
edelsten Forniensinn und gediegene klassische Behandlung zeigte, bis leider 
vor wenigen Jahren eine ungeschickte Erweiterung des mittleren Hauses 
die edle Schönheit der Verhältnisse unwiderbringlich vernichtete. Die beiden 
äußeren Gebäude, auf königlichen Befehl errichtet, waren zu Künstlerwerk 
stätten und zur Privatwohnung desDirektors vonCornelius bestimmt. 
Das mittlere Gebäude ließ der Graf von Raczinsky, damals könig 
licher Gesandter in Lissabon, auf seine Kosten errichten und bestimmte es 
vorzugsweise zur Ausnahme seiner Gemäldegalerie. 
») 21 um. der Red.: Eine lohnende Stelle befand sich vor 40 Jahren 
auch bei Brandenburg a. H., wo durch den Kunstdrechsler Wintermann 
ein Bernsteinabbau bergmännisch betrieben wurde. 
Vas Racsinsky'sche paiais am üünigspiah 
in seiner ursprünglichen Gestalt.
        
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