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Periodical volume 28. April 1883, Nr. 31

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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Veronika umfing die Großmutter mit ihren Armen, ! 
druckte ihr einen Kuß auf, und sagte: 
„Lieb' Großmütterlkin, Du hast es errathen. Denke doch, 
was ihn im Krieg treffen kann. Ich sehe ihn von den Kugeln 
getroffen dahinsinke». Sein letzter Seufzer gilt seiner Mutter, 
oder tuen er sonst lieb hat! Sein Blut röthct die Erde! 
Seine treuen Augen schließen sich für immer! Ueber seinen 
Leichnam braust die wilde Schlacht dahin. Die Hufe der 
Rosse zertreten ihn, von den Rädern der Karthaunen wird er 
zermalmt! Oder die tückische Krankheit, die Pest rafft ihn 
dahin. Ans elendem Lager giebt er den Geist auf. Niemand 
von den Seinen ist bei ihm, der ihn tröstet oder den Schweiß 
von der Stirne trocknet, oder seinen Lippen einen Labetrunk j 
reichet. Alles dies habe ich im Traum schon gesehen. Würde ! 
cs nicht undankbar von uns Allen sein, wenn wir nicht um 
ihn trauern sollten, da er sein Leben und Gesundheit nicht 
. geachtet, und uns vom gewissen Tode in Feuer und Ranch 
errettet hat? Der Vater, die Mutter und ich, alle haben ihn , 
lieb!" — 
Sie wollte weiter sprechen, aber der alte Herr Röting 
trat in das Zimmer, hinter ihm ein Jude, der einzige, welcher 
zu dieser Zeit in Cottbus geduldet wurde- Er hieß Pinkus. 
Er drängte sich mit vielen Bücklingen und Begrüßungen ins 
Zimmer und begann: „Muß ich doch kommen und erzählen 
der Herzmutter, der Frau Rötingin, was ich hob schweren 
Verlust gehobt van der Kommission, als mer gegeben hat, 
Herzmuttcr de Frau Röting, von wegen de Enten, die ich 
sollte bringen jur Zucht. Als ich hob gehandelt zwei Paar 
Enten in Vetschau, für ä paar Ellen seidenes Band, schaines 
Band, hob ich se wollen brengen die Frau Rötingin. Bin 
ich gekummcn ze gaihn an de kurförstliche Teiche bei Glinzig, 
hob ich ä Biffcl geruht, hob ich gesehn, daß die Enten sind 
durstig, hoben aufgesperrt den Schnobel. Hob ich gedacht: 
Pinkns, du werft thun ä Barmherzigkeit an de arme Thier- 
ches. Hob ich aufgemacht das Stroh, wo die Füße und de 
Flügel waren gebunden zusammen, und hob se gesetzt uf das 
Wasser, daß se nicht sollen dursten. 
Waih, was hoben se gemacht de Enten? Se sind ge- 
schwummcn immer weiter hinein in den Teich, ins Wasser, 
hoben geschlagen mit de Flügel, sind getaucht in den Grund 
und hoben gehoben das Hinterthcil in de Höhe und mer ge 
zeigt. Do hob ich gestanden am Ufer und hob gerufen, auf 
daitsch, auf wendisch und ans hebräisch; aber nischt hoben 
wollen verstain de Enten. Se sind geblieben im Wasser. 
Hob ich gcrlift und gewinkt bis es geworden is finster, bis 
ich nischt mehr hob gesehen de Enten. Hob ich doch nischt 
gedacht, daß de Enten werden sein so undankbar. Hob ich 
da gelernt, daß de Enten können sein grad so undankbar ivie 
de Menschen! Gott soll mich bewohren, nischt werd ich setzen 
ä ander mal de Enten riss Wasser, trenn se auch uffsperren 
den Schnobel!" 
Obgleich die beiden Franc» ein sehr ernstes Thema ver 
handelt hatten, so wurde» sie doch durch die Erzählung des 
Juden sehr heiter gestimmt. Mit einein kleinen Geldgeschenk, 
tvclches ihm seinen Verlust zum Theil ersetzte, erfreute die 
Großmutter den Schacherer, der sich unter vielen Danksagungen 
und Segenswünschen mit dem Versprechen entfernte: „de Kom 
mission von de Enten, bei guter Gelegenheit aufs neue auszufüh 
ren, daß wird zufrieden sein, Herzmutter, de Frau Rötingin!" — 
Die Großmutter brachte bald das Gespräch wieder auf 
das vorige Theina und sagte: „Ehe der Jude kam, hatte 
Veronika die Gefahren vorgestellt, denen ein Kriegsmann aus 
gesetzt ist, und ist erfreut, daß der Heinrich Stcinbach nicht 
mitziehen konnte, wegen seiner Wunden." 
„Es freuet mich auch, daß er nicht mit diesen Räubern 
dahinziehet," sagte der alte Herr. „Wie man höret, sollen die 
Schweden nicht so gräuliche Uebelthätcr sein, wie die Kaiser 
lichen, sondern gottesfttrchtig, und der König Gustav Adolf 
ein rechter Kriegesheld, der gute Mannszucht führet. Ich 
wünschte, der Steinbach ließe ab von den Kaiserlichen und 
ginge zu den Schweden. Die haben auch das reine Evange 
lium angenommen und den papistischcn Gräuel abgeschaffet. 
Er ist ja auch im lutherischen Glauben erzogen. Es würde 
ihm weit ziemlicher sei», wenn er unsern theuren Glauben 
vertheidigen hülfe, als daß er seilte Kraft für die Päpstischcn 
hingiebet." 
„Vater, Ihr bringet mich auf einen Gedaitkcn, der mir 
schon, obwohl unklar, vor der Seele gestanden. Ich will 
davon reden. Vielleicht kann ich ihn dahin bringen, daß er 
die kaiserliche Fahne verläßt." — 
Darauf verabschiedete sie sich mit herzlichen Worten imb 
schritt sinnend ihrer Wohiituig ;». 
Die Großmutter hatte erreicht, tvas sie gewollt hatte- 
Sie schloß aus dem, was sie erfahren, daß es nur einer Er 
klärung zwischen den beideit jungen Leuten bedurfte, um sie 
für immer mit einander zu verbinden. — 
Der Ansang des Monats Oktober brachte schöne Tage. 
Der Weilt war reif, die Weinlese begann. Alle Genoffen des 
Rötiugschcn Hauses waren dabei fleißig, und am Abend brannten 
Freudeitfetlcr in allen Weinberge». Blau hörte aus der Nähe 
und Ferne das Schießen, den Gesang und das eigenthümliche 
Jauchzen der Winzer und Arbeiter aus tvcndischem Stamm. 
Als diese fröhlichen Tage vorüber waren imb der Monat 
Oktober zu Ende ging, trat trübe neblige Witterung ein, 1111b in 
den Weinbergen wurde die Arbeit eingestellt- Hin und tvicdcr 
wilrde der Weinberg voit Veroitika tiud Heinrich Stcinbach 
besucht. Der kleine Blumengarten bot nichts weiter als die 
zähen ausdauernden Sterne der Winterastern. Die Blätter 
der Linden hingen gelb an den Zweigen, und waren ein 
Spiel jeden Windstoßes, welcher sic leerer machte. Die Pflanzen 
welt richtete sich ein zum Wintcrschlafc- Das thurmartige 
HaliS mit seinem Balkon, tvelchcs der Blitz getroffen hatte, 
tvar tvicdcr hergestellt. Die Soilnc hatte sich den ganzen 
Tag über hinter grauem Getvölk verborgen, jetzt am Abend 
beim Scheiden wollte sie noch den Scheidcgruß der ganzen 
Schöpfung bringen. 
Das feurige Roth strahlte am westlichen Himmel und 
umgab alle Gegenstände mit seinem Schein. Prächtiges Feuer 
erhellte die Fenster. Veronika, bewegt von der schönen R'atur- 
crschcinung, richtete die Worte an ihren Gesährten: 
„Gefällt cs Euch, Herr Stcinbach, so steigen tvir dort 
auf den Altan lmd erfreuen uns an dem Ilntcrgange der 
Sonne. In diesem Jahre wird es uns wohl nicht tvicdcr 
vergönnet sein, solche Schönheit zu erblicken." 
Sie stiegen hinauf und standen, vom rothen Schein nm- 
floffen, auf dem Altan. Ihr Blick schtvcifte über die Wein 
berge bis an den dunkleit geheimnißvollcn Wald, der den Ho 
rizont begrenzte.
        
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