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Volume 21. April 1883, Nr. 30

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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Niederfall, der durch den Fuß in Bewegung gesetzten Maschine zwei 
sich mit den Spitzen begegn ende Federn ausgeschlagen werden; 
die durchlochten Streiten bieten je nach der Form der Feder 
hübsche Muster; eine lohnende Verwendung der letzteren hat sich 
indessen noch nicht finden lassen, deshalb wandern sie noch immer, 
wie alle Stahlabfälle, zum Einschmelzen nach England zurück. 
Eine Verwendung der Dampfkraft in diesem und dem nächsten 
Verfahren ist nicht angängig, weil die mit unglaublicher Schnellig 
keit arbeitende Prägerin jeden Augenblick die bewegende Kraft 
nach dem Fortschreiten der mit der Hand geführten Arbeit regu- 
liren muß. Ungeachtet des Diangels an Dampfkraft liefert eine 
tüchtige Arbeiterin an solcher Schneidemaschine täglich in 9 Arbeits 
stunden 36,000 Stück solcher „blinden" Federn. Ebenso werden 
hin die Hülsen für die Feder Halter ausgeschlagen. Ein ähnliches 
Verfahren ist das hierauf folgende: das Lochen. Alle jenen 
zahlreichen Einschnitte, welche die Stahlfeder zeigt, und die zur 
Vermehrung der Elasticität wie zur besseren -Aufnahme der Tinte 
dienen, werden hier cingeschnitten. Doch schnell wandern die Feder 
fragmente aus diesem Saal in einen neuen, wo der ohrbetäubendc 
Lärm noch großer ist. Hier empfangen sie ihre Taufe, die im 
wahren Sinne des Wortes eine eindrucksvolle ist. Die Stempel- 
pressen, durch Frauenfüße in Bewegung gesetzt, lassen Portraits 
vom Kaiser, von Bismarck, Moltkc und Anderen entstehen, sie 
pressen Blumen und andere Insignien oder Worte, nach denen 
die Federn genannt werden, hinein. Aber nicht nur der Name wird 
hier dem Kinde gegeben, sondern mit demselben Schlage wird 
ihm auch die Vaterschaft, die Firma, die sich nicht hinter aus 
ländischer Vignette versteckt, aufgedrückt. Zuweilen ist die Arbeit 
des Stempelns eine körperlich so anstrengende, daß die kräftigsten 
Frauen sie nur schweißtriefend vollziehen können. 
Unwillkürlich denkt der Beschauer, daß nun die Zeit, die 
Feder in ihre gewölbte Form zu bringen, gekommen sei; er irrt 
indessen, denn die glatten spaltlosen Federn wandern wieder in ! 
die Glühöfen im Kellergeschoß zurück. Hier werden sie, in eiserne 
Kasten luftdicht verpackt, 12 Stunden geglüht; dies hat den Zweck, 
ihnen für den späteren Prozeß jede Sprödigkeit zu nehmen, sie 
also weich wie Blei zu machen. 
Hiernach gelangen die glatten Federn in einen Saal der 
oberen Geschosse, wo die Fallwerke ihnen durch konvexe Stempel, 
je nach der Fagon die gebogeneForm geben, zurück. Aber noch 
immer ist der Weg zur fertigen Feder weit — so weit, daß der 
geneigte Leser schon unruhig werden wird; der Beschauer folgt 
aber dennoch mit gespannterem Interesse der immer feiner werdenden 
Arbeit, obwohl es nun ein drittes Mal zum Glühen nach den 
Oefen geht. Dies Mal gilt es dem Härten, das dadurch erreicht 
wird, daß man die weißglühenden Federn in ein Thranbad wirft. 
Ein Thranbad ist aber nicht zur Reinigung geeignet; die gehärteten 
Federn müssen daher in rotirenden mit Sagespänen gefüllten 
Trommeln gereinigt werden, während andere Trommeln sie über 
langsamem Feuer in diejenigen Härten des Metalles, die man 
gerade verlangt, bringen. Man nennt dies „tempern". Trübe, 
mit Oxidul bedeckt, kommen die Federn wieder heraus und andere 
Cylinder nehmen die Federn nun auf, um sie mit Hilfe von Schrot 
und scharfen Cheffieldsand 3 Tage lang zu poliren. Bei all 
diesen Manipulationen ist der Dampf die bewegende Kraft, und 
Männer verrichten die dabei nothwendigen Hantierungen. 
Wieder führt uns unser gewandter Führer in einen neuen 
Saal hinauf, wo sich dem Auge ein anderes Bild bietet: es ist der I 
Schleifsaal. Hier dreht der Dampf eine Anzahl mit Schmirgel 
(Polirstoff) überzogener Holzscheiben, an denen jeder Feder- j 
schnabel, um ihn dünner und elastischer zu machen, geschliffen 
wird. Sehr vorsichtig müssen die jungen Mädchen mit der Zange 
die Feder handhaben, denn jede Ungeschicklichkeit rächt sich ent 
weder an der Feder oder gar am eigenen Finger. Endlich konnnt 
nun der Act des Spaltens, der auch an der Gänsefeder den Aus 
schlag glücklichen Gelingens gab. 
Mit scharfer Aufmerksamkeit handhaben die Mädchen in diesem 
dazu bestimmten Saale ihre S ch n e i d e p r e s s e n, in denen zwei genau 
aufeinanderwirkende Messer die Feder spalten, und so den Schluß 
des komplizirten Ganzen der Federfabrikation bilden. Aber noch 
lange nicht geht die Feder in die Welt. 
Von einer großen Anzahl hübscher, junger Mädchen wird jede 
Feder auf einer Porzellanplatte mit scharfem Blick genau, 
aber doch schnell untersucht und jede mangelhafte zum Ausschuß 
geworfen. — Besondere Farben, wie blau, braun, weiß, kupfer 
und selbst gold werden schließlich leicht auf galvanischem Wege 
hergestellt. 
Jede solche Partie der hunderte von Species wird zur 
Verarbeitung in eisernen Kasten mit 14 Pfd. Inhalt durch die 
ca. 15 Hände geführt. Diesen begleitet ein gedruckter Zettel, der 
für jede Arbeit — es sind 13 Arten — eine Rubrik ausweist, in 
der die betreffende Arbeiterin ihren Namen einschreibt. Dieser 
Zettel ergiebt erstens die Gewichtskontrole, denn die abgelieferten 
Federn nebst den Abfallsedern, die sich auf ’/» des Ganzen stellen, 
müssen das ursprüngliche Rohmaterialsgewicht wieder ergeben; 
zugleich zeigen diese Zettel aber auch die zu bezahlende Leistung 
der Arbeiterin an. — 
Kaum minder interessant, als die Fabrikation der Federn ist 
die der Halter in den komplizirtesten Formen und der Metall- 
Federb üchscn. Dort sieht man in wenigen Minuten aus dem 
dicken Elsenstamme, in stetem Wechsel der Form, Bretter, Leisten, 
Stäbe, die schönsten gerieften, polirten, gebeizten und gefärbten 
Halter hervorgehen, hier wird in wenigen Minuten durch Pressen, 
Runden, Schabloniren und Lackiren eine elegante Büchse fertig. 
Aber auch alle Requisiten, die solche Fabrik nöthig hat, 
werden hier gearbeitet. Zunächst die Maschinen; diese sich 
selbst — wo Niemand in Deutschland sic kannte und der 
Engländer ihre Formen wie ein Geheimniß wahrte — zu kon 
struiern, das war der Schlüssel zur Federfabrikation. Ihnen reihen 
sich die zahllosen Werkzeuge, Stanzen rc. an. Aber immer noch 
andere Säle, die Neues bieten, schließen sich uns auf. Hier ist 
es die Buchbinderei, welche, von zahlreichen Mädchen bedient, 
in kurzer Zeit jene sauberen Kartonnagen fördert, welche solch 
eine große Fabrik zur Verpackung für Halter- und Mustertafeln 
nach hunderttausenden gebraucht. 
Ueber die Mengen von Federn, welche hier erzeugt werden, 
geben nachstehende Zahlen Auskunft. Nach Abzug des 'U als 
Bruch werden monatlich 50,000 Groß, — 600,000 Groß jährlich 
oder 86,400,000 Federn hergestellt. An Haltern und Hülsen 
werden jährlich 50,000 Groß — 7,200,000 Stück gefertigt; nicht ge 
rechnet die hunderttausende von Büchsen, Gummi- und Bleihaltern. 
Hierzu sind wöchentlich 25 Centner englischen Stahls und 
jährlich ca. 2000 Kubikmeter Holz nöthig. 
Den ca. 400 Arbeitern, von denen zwei Drittel dem schöneren 
Geschlechte und das letzte Drittel dem stärkeren Geschlechte an 
gehören, steht eine Dampfkraft von 60 Pferdestärken zur Seite. 
Was uns in der Fabrik neben der Herstellung der Feder be 
sonders ins Auge gefallen ist, das sind die zahlreichen hellen 
und hohen Räume; besonders aber ist es das saubere, manier 
liche, sich mit jeder Arbeitsstufe steigernde Aussehen der Arbeite 
rinnen. Hier ist keine Spur von dem weiblichen Proletariat, wie 
es z. B. die Cigarrenfabriken zeigen. Es herrscht in fast allen 
Räumen völlige Trennung der Geschlechter; ein Meister steht 
jedem Saal vor, und besorgt zugleich die an den Maschinen etwa 
nöthigen Ausbesserungen. 
Alle Arbeiten werden im Accord geleistet; der geringste 
Arbeitslohn einer Anfängerin pro Woche beträgt 7,50, er steigt 
je nach der Arbeit bis 18 Mark; auch die erst Anzulernende er
	        
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