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Volume 21. April 1883, Nr. 30

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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auf dem Boden liegen. Der Blitz hatte das Gebäude ge 
troffen. Weder auf seine Wunden, noch sonst etwas achtend, 
erfaßte er die leblose Veronika, nahm sie in die Arme. Ihr 
Haupt sank auf seine Schultern. Die Augen waren ge 
schloffen. Das bleiche Gesicht war von den schwarzen, seiden 
weichen Locken fast ganz bedeckt. Zwischen den halbgeöffneten 
Lippen zeigten sich die kleinen, perlenweißcn Zähne. Der 
Athem stand still. Doch hier war nicht Zeit, weibliche Schön 
heit zu betrachten. Er eilte mit ihr die Treppe hinunter. 
Unten lagen zwei Arbeiter, die ebenfalls geflüchtet waren, lvie 
todt da. Nur eine Frau hatte Besinnung. Ihr rief er zu: 
„Kommt Frau, ich bringe die Tochter!" Er eilte hinaus in 
das Freie, und legte das Mädchen unter die Linden nieder. 
„Löset ihr das Kleid, besprenget sic mit Wasser und reibet 
ihr die Stirn und Schläfen." Er 
eilte zum zweitenntal die Treppe 
hinauf und trug Herrn Röting 
mit Anstrengung aller Kräfte aus 
dem brennenden Hause. Er legte 
ihn gleichfalls unter die Bäume 
und suchte ihn wieder zum Be 
wußtsein zu bringen. Der Regen 
dauerte unaufhörlich fort und 
hinderte die weitere Verbreitung 
des Feuers. 
Veronika gab zuerst Zeichen 
des zurückkehrenden Bewußtseins. 
Wie jubelte ihr Retter! Nach 
länger fortgesetzten Bemühungen 
kain auch der Vater wieder zu 
sich. Die Arbeiter, welche der 
Schreck augenblicklich betäubt 
hatte, kamen aus dem Hause und 
waren erfteut, Herrn Röting und 
Veronika gerettet zu sehen- Sic 
bewunderten den jungen Mann 
und drückten ihm die Hände. Doch 
dieser fühlte jetzt erst die Schmerzen, 
welche der in der Heilung be 
griffene Arm ihm von neuem 
machte, was er gethan hatte- Doch wenn auch die Schmerzen 
unendlich größer gewesen wären, sie hätten nicht das selige 
Gefühl unterdrückt, welches ihn durchdrang, die beiden geliebten 
Personen gerettet zu haben. Leute kamen aus der Nachbar 
schaft herzugelaufen und löschten das brennende Haus voll 
ends. Sie sprachen ihre Freude aus, daß der Gewitterschlag 
nur"das Haus zerstört, nicht aber die allgemein beliebte Fa 
milie Röting in Trauer versetzt habe. 
Der Lieutenant Heinrich Steinbach war in aller Leute 
Munde. Man überschüttete ihn mit Lob, und wie im Triumph 
wurden die Geretteten zur Stadt begleitet. 
Heinrichs Wunde wurde von seiner klugen Mutter unter 
sucht. Eine Blutung war eingetreten. Die Heilung mußte 
von Neuem vor sich gehen. „Viele Wochen werden vergehen, 
ehe das erreicht wird, was bereits überstanden war," sagte sie. 
Mit Geduld ergab sich der Sohn in sein Schicksal, pries 
vielmehr sein Geschick, noch länger in der Nähe Veronikas 
verweilen zu können. — (Fortsetzung folgt.) 
Ein Gang durch eine große Indnstriewerkstättc Berlins. 
(Hierzu die Abbildungen Seite 362, 63, und 67. Schluß.) 
Unser voriges Kapitel brachte etwas Geschichtliches über die 
Stahlfeder. 
So vorbereitet möge der freundliche Leser mit uns in die Gollnow- 
! straße treten. Es ist dies eine enge Straße, die vielleicht nur wenige 
[ unserer Leser passiren, die aber dennoch eine der frequentesten des so sehr 
! vernachlässigten Stadttheils zwischen der Neuen Königs- und Lands- 
■ bergerstraße ist. Dort erhebt sich in der Front ein sauberer Roh- 
backsteinbau, dem weiterhin im Hofe eine Reihe Fabrikgebäude, 
die demnächst noch eine Vergrößerung nach der Georgen-Kirchstraße zu 
erfahren werden, folgen. Aus eine Bieldung im Comptoir erhalten 
wir in einem der Fabrikleiter einen freundlichen intelligenten 
Führer, und so können wir sicher durch das Gewirre der Ge 
bäude, der Säle, durch die summenden 
und hämmernden Maschinen, an 
Feuer und Wasser vorüber wandern, 
bis wir nach 2 Stunden, säst be 
täubt von dem Lärm und verwirrt 
von all dem Gesehenen wieder auf 
die Straße hinaustreten. — Doch 
folgen wir dem Gange der Herstellung. 
Die aus England bezogenen 
Platten besten Stahls, den Deutsch 
land noch nicht in der benöthigten 
Qualität fabrizirt, werden zunächst 
mittelst starker Dampfkraft zu dünne 
ren Tafeln ausgewalzt, um dann 
durch eine folgende Maschine in 
Streifen von 2 bis 4'/- Zoll Breite 
geschnitten zu werden. Kaum hat 
sich dieser Schneideprozeß vor dem 
staunenden Auge abgespielt, so wan 
dern diese Streifen, schnell zusammen 
gerafft, und in Eisenkisten luftdicht 
verpackt, in einen sogenannten Muffel 
ofen, wo sie 12 bis 18 Stunden 
glühen müssen. Der Zweck dieses 
Verfahrens besteht darin, das Metall 
weicher und biegsamer zu machen. 
Noch fühlen wir den Eindruck 
des Feuers aus unserm Gesicht und 
schon geht es wie in der Zauberflöte zum Wasser — zum Bade. 
Aehnlich wie der Photograph seine Platte dem Silberbade aussetzt, 
so wird hier jede Platte in einen Rahmen gespannt, um von dem 
im Glühprozeß entstandenen Schmutz und der Metallausschwitzung 
mittelst Schwefelsäure gereinigt zu werden. 
Wir kommen nun zu mächtigen Dampfwalzen, die, ihren 
Zwischenraum immer mehr verengend, jene Streifen in die Länge 
strecken. Das Verhältniß der Streckung geschieht von 18" auf 20", 
von 25" auf 32", von 32" aus 51". Zuletzt werden die Metall 
streifen dünn wie Papier; man hat aber durch eine Vorrichtung 
an den Maschinen es in der Hand, die Bleche auf jede erforderliche 
Dicke resp. Dünne auszuwalzen. 
Soweit wäre das Rohmaterial vollendet. Wir gelangen nun 
seiner weiteren Ausbildung folgend, in die großen Fabriksäle. Bis 
her hatte die männliche Kraft das Regiment über das Metall ge 
führt, jetzt tritt die Geschicklichkeit der weiblichen Hand, die uns 
heut noch oft zum Erstaunen herausfordern wird, in Wirksamkeit. 
In einem großen Saal, auf beiden Seiten mit Fenstern ver 
sehen, sitzen wohl 50 Mädchen, deren jede mittelst einer Schneide 
presse die Federn in ihren glatten Conturen aus den Streifen 
schlägt. Der Schneidestempel ist so eingerichtet, daß bei jedem
	        
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