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Volume 21. April 1883, Nr. 30

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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lein Thau! Wer hat dir diesen Demant geschenkt? Hast du 
etwa ein feines Lieb? Aber hüte dich, brauch deine Dornen 
wenn es nöthig ist! 
Ei seht doch, da ist wieder ein neuer Zweig vom Ritter 
sporn- Herr Ritter nur nicht das Haupt so stolz erhoben 
und nach den Rosen geschaut. Mit ihrer Schönheit kannst 
du dich nicht niesten, hast auch keinen süßen Duft. Wenn ich 
aber heut Abend für mein Müttertein einen Strauß pflücke, 
dann sollst du in die Mitte gestellt werden, ringsherum Rosen. 
Da hast du deinen Platz und kannst über die anderen Blumen 
hinwegschauen, nach stolzer Ritter Art. Jetzt muß ich euch 
betrachten ihr Levkoien. Ihr seid mir auch viel lieb und 
werth. Herr Steinbach, schauet doch nicht immer die Blumen 
aus der Ferne an, oder seid Ihr 
nicht auch ihr Freund? Sehet dies 
Beet Levkoien!" Obgleich er im An 
schauen ihrer reizenden Gestalt ver 
sunken saß und nicht gern gestört 
sein mochte, so mußte er ihrer Auf 
forderung Folge leisten und hinkte 
an seinem Stabe herbei. 
„Nun saget, welche von diesen 
Blumcnschwestern gefällt Euch, welche 
wollet Ihr an Eurem Kleid be 
festigen? 
„Werthes Fräulein, alles was 
Euch angehet, was Euch Freude 
machet, was Ihr besitzet ist mir um 
Euretwillen so lieb und werth, daß 
ich keine Wahl treffen kann- Wollet 
Ihr mir in Eurer Gunst eine von 
Euren Blumen verehren, so wählet 
selbst für mich. Doch haltet ein, 
liebes Fräulein, wie ich sehe, haben 
diese Blumen weder die Farbe Eures 
Haupthaares, noch die Eurer Lippen 
und Wangen, noch Eurer violen 
blauen Augen. Andere Farben sind 
nicht so schön wie diese." 
„Ei, ei, siehe da, wo ist der 
Träumer geblieben, der dort auf der 
Bank unter der Linde saß? Saget an, mein Herr, wer 
hat Euch diese zierlichen Reden gelehret. Gewiß habt Ihr 
schon oft auf Euren Kriegszügen Euer Herz an diese oder 
jene verloren, daß Euch solche Reden geläufig geworden. Ihr 
kennt gewiß auch das Soldatenliedlein: Rein, hier hat es 
keine Noth, schwarze Mädel weißes Brod, morgen in ein ander 
Städtchen, schwarzes Brod und weiße Mädchen. Nein hier 
hat es keine Noth! Tretet nur her zu den Nelken, da will 
ich für Euch ein Blümlein wählen, welches für Euch paffet." 
Sie brach eine gesprenkelte Nelke ab und überreichte sie 
ihm. „Mein Fräulein! ich ehre Eure Gabe, was es auch 
sei. Ich danke Euch herzlich. Alles was von Eurer Hand 
mir zukommt, ist mir lieb und werth; aber ich weiß diese 
Gabe nicht zu deuten. Ich bitte Euch dies zu thun. Ich bin 
gar unerfahren in solchen Dingen- „Kommt, wir wollen ein 
wenig ruhen unter den Linden, damit ich Euch erzähle, wie 
die rothen Pünktlein auf die Bluine gekommen sind, erwiderte 
sie." „Ein Mägdlein hatte einen lieb, so recht von Herzen. 
Er war aber ein Flattersinn und lief von einer zur andern. 
Darüber härmte sich das Mägdlein, wurde siech und starb.. 
Sie hatte ihm einstmals einen weißen Nelkenstock geschenket- 
Als sie nun gestorben war, zeigten sich rothe Pünktlein auf 
der weißen Blume, das waren die Thränen, die sie ob seiner 
Untreue geweint hatte. Sie waren blutroth geworden. Die 
hatte er nun immer vor Augen, wenn die Bluine blühete." 
„Liebes Fräulein, fiel der junge Man» ein, was ihr er 
zähltet, ist zwar ein artig Märlein, aber nicht deutscher Art, 
das ist die Art der Welschen und Franzosen, mögen diese 
solche Art behalten- — 
Sic besorgte nun weiter ihre Blumen- Er verfiel wieder 
in seine Träumereien; denn mit Wonne betrachtete er ihr 
Walten. 
Als es dunkel wurde, verließen 
sie den Weinberg. 
Die nächsten Tage brachten viel 
Regen, so daß der Weinberg nicht ■ 
besticht werden konnte. Darauf folgte 
ein schöner Tag, der sehr heiß wurde. 
Dessenungeachtet wurde am Nach 
mittag der Gang nach dem Wein 
berg unternommen. Es gab hin 
und her zu arbeiten. Der Wind 
hatte manche Rebe gclöset, die wieder 
aufgerichtet und befestigt lverden 
mußte. Gegen Abend zeigten sich 
in der Ferne über deni blauduftigen 
Wald im Südwesten schwarze Wolken, 
die in kurzer Zeit den Himmel ganz 
bezogen. Eilt Gewitter war herauf 
gekommen- Sorglos hatten die im 
Weinberg Beschäftigten dies nicht be 
achtet. Es blieb ihnen das thurm 
artige Gebäude, in welchem sie schon 
oft Schutz gegen Unwetter gefunden 
hatten, zur Unterkunft. Der Regen 
brach los und alle eilten nach dem 
Hause. Herr Röting, Veronika und 
der junge Steinbach begaben sich in 
das Stübchen im zweiten Stockwerk, 
das Gewitter abzuwarten. Blitze durchzuckten fast ohne Unter 
brechung die Luft. Der Donner rollte unaufhörlich. Das 
Gewitter war schwer. Schweigend saßen die drei da. Ve 
ronika mit gefalteten Händen. Der Vater blickte durch die 
Fenster in die Ferne in den Aufruhr der Natur. 
Heinrich Steinbach dachte an die vermehrte Gefahr, in 
welcher sie schwebten, weil das Gebäude der höchste Punkt in 
der Gegend war und dem Blitz das nächste Ziel bot. 
Diese Gedanken hatten kaum die rechte Klarheit erlangt, als 
mit ihm etwas Unbeschreibliches vorging, von dem er später keine 
Rechenschaft zu geben wußte. Seine Sinne lvaren ihm ver 
gangen. Nur das eine wußte er sich später zu erinnern, daß 
er zur Erde stürzte und ihm einen Augenblick Töne in die 
Ohren drangen, welche er mit etwas früher Gehörtem nicht 
zu vergleichen wußte. Wieviel Zeit in diesem Zustande ver 
gangen, wußte er nicht. Seine Besinnung kam wieder. Das 
Zimmer war mit Rauch angefüllt. Schwefeldunst erschwerte 
das Athmen. Vor sich sahe er Herrn Röting und Veronika 
Zu den« Aufsatze „Stahlfederfabrik.''
	        
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