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Volume 14. April 1883, Nr. 29

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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jüngstes Lustspiel „Frau Aspasia" vom Berliner Publikum 
recht gut aufgenommen, wenn auch die gestrenge Kritik allerlei 
daran auszusetzen hatte. Daneben nennen wir noch diejenigen 
Dramen des jungen Dichters, welche bisher nicht zur Aufführung 
gelangten und welche aus verschiedenen Gründen Wohl für immer 
von der Bühne ausgeschlossen bleiben werden. Es sind das „Ca- 
jus Gracchus", „Jesus von Nazareth", „Judas Jscharioth", „Die 
Zerstörung Jerusalems", „Danton", „Pork", „Ajas", „Robes 
pierre", „Phryne" — man sieht, dichterische Stoffe, wie sie 
schwerwiegender kaum gedacht werden können. Dasselbe Jahr 1871, 
in welchem Gensichen seinen ersten Bühnenerfolg errang, brachte 
ihm auch den ersten Erfolg als Kritiker durch die „Silhouetten 
der Berliner Hofschauspieler". Erst ein Jahrzehnt später 
trat der Autor noch einmal als Kritiker und Essayist mit dem um 
fangreichen Bande „Studienblätter" hervor. In diesem Buche 
und in dem Anhang seiner „Spielmannsweisen" bewährt er sich 
auch durch die mitgetheilten Uebertragungen aus Anakreon, Horaz, 
BÄanger u. A. als einen vortrefflichen 
lyrischen Uebersetzer. Wir erwähnen 
ferner seine Prosanovellen „Herbstaus 
klingen", „Ungeliebt" und „Der alte 
Kandidat", sowie den hübschen Märchen 
strauß „Aus sonnigen Fluren". In 
letzter Zeit brachte der Dichter auch 
den vielbefehdeten Minnesang „Feli 
cia", in welchem er zum ersten Mal 
als Epiker hervortrat. 
Das äußere Leben Gensichen's, 
eines geborenen Märkers, war ein glück 
liches. Geboren am 4. Februar 1847 
zu Driesen in der Neumark, der Sohn 
eines protestantischen Geistlichen, besuchte 
er die Gymnasien zu Landsberg a. W. 
und Berlin, studirte hier anfangs Ma 
thematik und Naturwissenschaften, später 
altklassische Philologie und wurde im 
Juli 1869 zum Doktor der Philosophie 
promovirt, nachdem er bereits im 
Dezember 1868 seine beiden ersten 
Trauerspiele „Eajus Gracchus" und 
„Judas Jscharioth" veröffentlicht hatte. 
Ohne Vermögen, und darum von jeher 
auf eigenen Erwerb angewiesen, hat er 
sich doch nur zweimal durch eine äußere 
Stellung fesseln lassen, indem er 1872 einige Monate lang 
in die Redaktion der damals nationalliberalen „Post" ein 
trat, und von 1874 bis 1878 am Berliner Wallnertheater 
als Dramaturg und artistischer Sekretär fungirte. Bei der Jugend 
des Dichters ist ein auch nur annähernd abschließendes Urtheil 
über ihn noch nicht zu fällen. Die deutsche Dichtung darf von 
ihm noch manches Schöne erwarten. 
Otto Franz Gensichen zählt schon heute zu den besten deutschen 
Lustspieldichtern und ist ein vortrefflicher Effayist und Lyriker. 
Sein jüngstes vieraktiges Lustspiel „Frau Aspasia" erzielte 
einen hübschen Erfolg und wurde im Königlichen Schauspielhause 
im Allgemeinen vortrefflich dargestellt. Die Scenen, in denen 
Dagobert Rodeck (Vollmer) inmitten von Clara und Sophie 
Ehrenfels (Frls. Barkany und Conrad) das Photographiealbum 
durchblättert, um sich unter den Freundinnen der Damen eine 
Frau auszusuchen, oder wo derselbe Künstler mit Frl. Conrad die 
Heirathsannonce aufsetzt, ferner die Schlußscene im Gabelbach 
wirthshaus bei Ilmenau — zählen zu den hübschesten, was unser 
deutsches Lustspiel der letzten Jahre auszuweisen hat. Vortrefflich 
spielten sämmtliche Damen, Frau Frieb-Blumauer, Frl. Conrad, 
Meyer, Barkany und Mariot, ebenso die Herren Vollmer, Müller 
und Krause. Die dankbarsten Rollen hatten Fräulein Conrad und 
Herr Vollmer. Frl. Meyer hätte sich einen hübscheren Mann, 
z. B. Herrn Liedtke heirathen können — etwas bildgarstig ist ja 
am Ende jeder Mann, aber so arg darf doch der Unterschied, wie 
er zwischen Herrn Fritz und Frau Helene Fernau herrscht, nicht 
zur Erscheinung gelangen —, und ferner hätte Berndal den Pro 
fessor Ehrenfels geben müssen. Das Stück wäre dann noch besser 
gespielt, und wir wären auch davor bewahrt worden, die schauder 
hafte Maske Egon Alberti's zu genießen. — 
Misrellen. 
Wie viel Arche giebt es? Für die Ethnographie unseres engeren 
Vaterlandes, für die Sitten- und Ortsgewohnheitskunde, für die Ge 
schichte der Fischerei und für viele andere kulturhistorische Fragen ist es 
von Wichtigkeit, eine möglichst vollständige Aufzählung aller Kietze, so 
wohl innerhalb der Provinz Branden 
burg, wie auch außerhalb derselben zu er 
halten und zwar sowohl der noch jetzt wie 
der früher vorhandenen und urkundlich nach 
weisbaren. 
Nachfolgend werden 31 Oertlichkeiten 
aus der Provinz Brandenburg, 1 aus der 
Altmark alphabetisch aufgezählt. Es bedarf 
wohl nur des Appells an den Patriotis 
mus und den Bienenfleiß der Leser und 
Leserinnen des „Bär", um die Liste zu er 
weitern, wobei die Kietze aus anderen Lan 
destheilen nicht vergessen werden mögen. 
1. Brandenburg mit 2 Kietzen, Mark 
grafen-Kietz und Kietz von der Altstadt- 
Woltitz. — 2. Zu Beeskow. (Riedel, 
codex d. Br. 20, 419; 20, 465.) — 
3. Biesenthal. (Riedel, 12, 220.) — 
4. Bliesendorf i. d. Zauche. — 5. Bei 
Koepenick. — 6. Drense. — 7. Zu 
Driesen. — 8. Zu Fahrland. — 
9. Frankfurt. (Riedel 23, 393.) — 
10. Bei Freienwalde. — 11. Göritz, 
Land LebuS. — 12. Groben im Teltow. — 
13. Zu Kiistrin. — 14. Zu Lands 
berg a. W. — 15. Zu Lebus. — 
16. Lichtenberger Kietz vor dem Frank 
furter Thor bei Berlin. — 17. Lunow, 
Uckermark. — 18. Zu Oderberg. — 
19. Potsdam. (Riedel 11, 155, 156.) — 
20. Zu Pritzwalk. (Riedel 2, 13.) — 
21. Vor Rathenow. (Riedel 7, 447.) — 
22. Zu Reetz. — 23. Zu Rhinow. — 
24. Bei Schorin jetzt Marquard. (Riedel 7, 
321.) — 25. Spandau, alter und neuer 
Kietz. — 26. Sonnenburg, Land Lebus. 
— 27. Schwedt. — 28. Stolzenhagen, 
Uckermark. — 29. Straußberg. (Riedel 
I 12, 123.) — 30. Tangermünde. — 31. Zossen (v. Raumer, II. 88.) 
Wriezen (v. Raumer II., 11, 14. Riedel 12, 455.) E. Friedet. 
Sie Spreeuserstraße. Die Ausführung der linksseitigen Ufer- 
J straf;« der Spree, die den Linden parallel laufen soll, wird energisch 
i ins Auge gefaßt. Bereits wird der Holz- und Kohlenplatz am Ende der 
Neustädtischen Kirchstraße, welcher bis zum Spreeufer sich ausdehnt, ge 
räumt. Die neue Straße soll zunächst vom Kronprinzen-Ufer beginnen 
! und am Central-Bahnhof Friedrichstraße enden, später aber, und hosfent- 
I lich recht bald, bis zur Weidendammer Brücke fortgeführt werden. 
Hierzu sind allerdings noch sehr kostspielige Grundstückerwerbungen er 
forderlich. — 
Ser Aonzertsaat des Aönigk. S-imulpielhauses. Die Restaura 
tions-Arbeiten in dem Konzertsaale des König!. Schauspiel 
hauses, in welchem zuletzt die Vorstellungen des französischen Theaters 
(unter Luguet und Emil Neumann) stattfanden, sind — wir wir der 
Voss. Ztg. entnehmen — jetzt abgeschlossen, und lassen das herrliche 
Bauwerk Schinkels in seiner vollen-Schönheit hervortreten. Das alte, 
1800 abgerissene um am 1. Januar 1802 neu eröffnete, am 29. Juli 
1817 abgebrannte Schauspielhaus, an dessen Stelle das jetzige 1821 ein 
geweihte steht, hatte ebenfalls einen Konzertsaal, der demnach von Schinkel 
in seinen Bau aufzunehmen war. Zuin jetzigen Konzertsaal gelangt man 
von der Taubenstraße aus. Er ist 76 Fuß lang, 44 Fuß breit und 
43 Fuß hoch und faßt mit den Galerien wohl 1400 Personen. Zu 
seiner künstlerischen Verzierung gehören die beiden großen Gemälde auf 
den Wandflächen neben den Treppenhallen: Orpheus von Dähling und 
Zu dem Aufsatze „Stahlfedersabrik."
	        
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