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Periodical volume 14. April 1883, Nr. 29

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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dem Kranken ein- Er war erwacht. Er wendete die Augen 
nach der Thür, erkannte die Mutter und wehmüthig lächelnd 
sahe er sie an: „Kommst Du endlich, lieb Mütterlein? Wie 
lange hab' ich auf Dich gewartet." 
Sie kniete vor seinem Lager nieder. Er schlang den ge 
sunden Arm um ihren Hals. Ihr Haupt ruhte an seiner 
Brust. Kein Laut wurde gehört. Die Mutter hatte ihren 
Sohn, ihr Liebstes wieder- 
Endlich sagte er: „Mutter, zwei Kugeln haben mich ge 
troffen, eine in die Schulter, die andere in das Bein. Ich 
weiß, daß Du mich erwartet hast in dieser Nacht, aber es ist 
anders gekommen. . Sie sollen mich in Dein Häuschen tragen. 
Ich weiß, Du wirst mich wieder gesund machen. Du kurirest 
so gut wie des Generals Leib 
medikus!" 
Die Mutter wich nun nicht 
mehr von seinem Lager. Sie 
pflegte ihn mit aller erdenk 
lichen Sorgfalt, wie eine Mutter 
für eilt geliebtes Kind stets 
bereit ist. — 
Als der General v- Götze 
noch bei der Tafel saß, erschien 
ein Abgesandter vom dem kaiser 
lichen Feldmarschall Ticfen- 
bach, welcher die Truppen in 
Schlesien und der Oberlausitz 
kommandirte. Er brachte den 
Befehl, daß er mit seiner ganzen 
Macht in die Gegend von 
Guben zurückkehren sollte. Die 
Schweden hatten sich der be 
festigten Stadt Crossen be 
mächtigt. Der Kurfürst von 
Sachsen hatte fast ganz Böh 
men und die Hauptstadt Prag 
erobert. Die Schweden drohten 
von Crossen aus in Schlesien 
und in die Obcrlausitz einzu 
brechen und sich mit den Sachsen 
in Böhmen zu verbinden. 
Am Tage nach der Plünderung marschirte das v. Götze'sche 
Corps auf demselben Wege, welchen eö gekommen war, nach 
Guben ab. 
Die kaiserlichen Waffen mußten sich aber vor den schwe 
dischen noch weiter nach Schlesien, bis in die Gegend von 
Sorau und Sagan zurückziehen. Die von Cottbus als 
Geiseln mitgenommenen Bürger wurden in Guben entlassen. 
Bevor der General v. Götze das Rölingsche Haus ver 
ließ, überzeugte er sich von dem Zustande seines Schützlings. 
Er nahm Herrn Röting das Versprechen ab, den Lieutenant 
Steinbach bis zu seiner Wiederherstellung zu verpflegen, soviel 
auch die Mutter drängte, ihn in ihr Häuschen zu nehinen, 
der General ließ sich davon nicht abbringen. Er behauptete, 
daß das Häuschen für einen so tapferen Offizier zu schlecht sei. 
„Wenn Herr Röting ein gutes Andenken bei ihm be 
wahren wolle, so solle er sein Versprechen halten. Es könnten 
Begebenheiten in diesen wechselvollen Kriegsläufen vorfallen, 
wo es dann sehr gut wäre, sich die Dankbarkeit eines Kricgs- 
Obristen erworben zu haben." Nach dem Abzüge der Götze- 
schen Truppen waren die Einwohner von Cottbus drei Mo 
nate lang von Kriegsbeschwerden befreit. 
(Fortsetzung folgt.) 
Ein Gang durch eine große Industriemerkstätte Berlins. 
(Hierzu die Abbildungen Seite 352, 53, 56 und 57.) 
Berlin ist Dank der Intelligenz seiner Bewohner, und unge 
achtet daß es vor 50 Jahren im Verhältniß zu andern Haupt 
städten nur eine arme Residenz in einer ebenso armen Provinz zu 
nennen war, zu einer Industriestadt ersten Ranges gediehen, die sich 
kaum mehr vor einer angedrohten Verlegung des Regierungssitzes 
zu fürchten hat. Obwohl sich 
diese Bemerkung jedem Bewohner, 
wie auch dem aufmerksamen 
Fremden längst aufgedrängt haben 
wird, so möchte es doch den 
meisten unserer Leser fremd sein, 
daß Berlin unter seinen Jn- 
dustriestätten eine Fabrik besitzt, 
die in ihrer Art hier einzig da 
steht, und die, obsvohl sie einen 
von jedem gebildeten Menschen 
täglich gebrauchten Artikel fabri- 
zirt, mit Ausnahme einer einzigen 
stanzösischen Fabrik nur noch in 
England Konkurrenz findet. Es 
ist die Fabrikation der 
Stahlfeder. 
Fast unglaublich erscheint 
es in einer Zeit, wo die Welt- 
Industrie sich sofort jedes un- 
monopolisirten Konsumartikels be 
mächtigt, daß sich Niemand — 
jene französische Fabrik ausge 
nommen — gefunden hat, um 
diesen unscheinbaren, und doch für 
den Weltverkehr so eminent 
wichtigen Gegenstand, die Stahl 
feder, den Engländern streitig 
zu machen, als die in Berlin 
florirende Fabrik von 
Heintzc & Blanckertz. Es ist ein 
Beweis dafür, wie schwierig die Erzeugung der Stahlfeder ist, und 
uns Berliner muß es daher mit gerechtem Stolz erfüllen, 
auch in dieser Beziehung gewissermaßen als Kulturträger dazu 
stehen; der Bär aber, diesem Faktum Rechnung tragend, fühlt 
sich berufen, seine Leser in die große Werkstatt der Stahlfeder 
zu führen und bittet, ihm heut nach der Gollnowstr. 10, 
wo sich dieselbe befindet, zu folgen. Soll indesien eine Exkursion 
dahin das richtige Interesse haben, so müssen Vorstudien gemacht 
werden; die geehrten Leser wollen uns daher zuerst eine kurze Re 
kapitulation der Geschichte der Schreibekunst und der Schreibwerk- 
zeuge gestatten. 
Als der Erfinder einer Schrift wird uns in der Geschichte 
zuerst Moses genannt — so erzählt uns ausführlich ein im Ver 
lage dieses Blattes erschienenes Schriftchen von Fr. Brücker, das sich 
„ZweiJubilarinnen"betitelt. VondemWunschbeseelt, großeGcdanken 
nicht verloren gehen zu lassen, gerade wie es heut noch genialen 
Köpfen passirt, hatte der jüdische Gesetzgeber die 10 Gebote auf 
steinernen Tafeln einhauen lassen. Interessant wäre es, wenn 
die Geschichte uns auch über die von ihm ertheilten Lesestunden 
Das Glühen des Ktahls. 
Zu dem Aufsätze „Stahlsederfabrik."
        
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