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Periodical volume 14. April 1883, Nr. 29

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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Kunstpfeifer Abraham Helmigk mit seiner Fra» und Tochter. 
Gewiß sind sie in großer Noth! Hörtet Ihr nicht das 
Geschrei?" 
Wieder war das Geschrei zweier Frauen aufs Neue zu 
hören, dazwischen Stimmen von Männern, welche im Kampfe 
mit einander sind. Ein dumpfer Fall und darauf eine augen 
blickliche Stille erfolgte. Der Offizier eilte in das Haus, die 
Frau folgte. Die Stubenthür stand offen. Zwei Soldaten 
waren im Begriff, die Tochter von der Erde, wo sie auf 
ihren Knien mit gerungenen Händen, Hals und Busen ent 
blößt, um Erbarmen wimmernd, lag, emporzuheben. Die 
Mutter suchte den einen der Wüthriche zurückzuhalten und 
hielt ihn ain Arme. Sie erhielt einen Schlag mit der Faust 
in das Gesicht, daß sie taumelnd zurückwich. Der Vater, 
welcher, seine Lieben vertheidigend, mit den Soldaten gekämpft 
hatte, lag, aus einer Kopfwunde blutend, an der Erde- 
Schränke und Truhen waren erbrochen. Andere Krieger 
hatten in dem Hause des Kunstpfeifers schon Alles aufge- 
räumt, was Werth für sie hatte. Der Offizier trat in die 
Stube, zog seinen Degen und rief mit donnernder Stimme; 
„Was geht hier vor! Ist es kaiserlicher Befehl, die Ein- 
ivohncr so zu mißhandeln, wie Ihr es thut. Sind sie nicht 
schon gestraft genug, wenn ihnen ihr Hab und Gut genom 
men wird. Verlasset sogleich dies Haus, wo nichts mehr zu 
Plündern ist, oder ich steche Euch Beide über den Haufen". 
Die Soldaten, welche den Offizier erkannten, ließen das 
Mädchen los und entfernten sich fluchend. Der Eine rief, als 
er aus der Hausthür trat, zurück: „Komm, Kamerad, der 
Herr Hauptmann will das Mensch für sich haben! Wir finden 
Andere!" 
Barbara, ein bildschönes Mädchen, doppelt schön in 
ihrer Angst und Verzweiflung, hob flehend die Hände zu dein 
Offizier auf. Die schönen Augen schimmerten voll Thränen, 
das reiche blonde Haar fiel ihr über die weißen Schultern, 
und bat: „Gnädiger Herr, habt Erbarmen, schonet mich Arme, 
gebet mir lieber den Tod!" Dann ließ sie die Arme in den 
Schooß sinken, neigte ihr Haupt, ergeben in ihr Schicksal wie 
ein Lamm. 
Der Offizier betrachtete sie voll Bewunderung und Mit 
leid. Sein ritterlicher Sinn, sein weiches Herz, der Gedanke 
an sein Weib und Kind, einer Jungfrau von 16 Jahren, 
welcher ihm vor die Seele trat, die in diesem unheilvollen 
Kriege ein ähnliches Loos treffen konnte, ließ keine sinnliche 
Regung in ihm aufkoinmen. 
„Stehet auf, liebes Kind, Ihr seid in meinem Schutz, 
fürchtet Nichts. Euch soll kein Leid widerfahren. Faffet 
Euren Muth zusammen. Laßt uns sehen, ob Eurem Vater 
noch zu helfen." 
Sie erhob sich und küßte ihrem Beschützer dankbar die 
Hand- Dann kniete sie vor ihrem Vater nieder, legte ihre 
Hand unter sein Haupt. Heiße Thränen fielen auf sein er 
blaßtes Gesicht. Die kluge. Frau war inzwischen auch in das 
Zimmer getreten, nahm die Stelle der Tochter bei dein Ver 
wundeten ein und rief ihr zu: „Hole Wasser, altes weiches 
Linnen, mein Kind, und Feuerschwamm". Sie brachte diese 
Sachen bald herbei. Die Frau fing an, das Blut abzu 
waschen. Das kalte Waffer brachte den Bewußtlosen bald 
wieder zu sich. Dann untersuchte sie die Wunde, und da sie 
fand, daß ein Schädelbruch nicht vorhanden war, legte sie 
' den Feuerschwamm auf und legte mit kundiger Hand den 
Verband an. Dann tröstete sie Mutter und Tochter, brachte 
- mit ihrer Hülfe den Verwundeten auf das Bett und verließ 
das Haus, ihren Sohn aufzusuchen. 
Der Hauptmann forderte Barbara auf, ihm zu folgen. 
Er brachte sie in sein Quartier am Markt und übergab sie in 
den Schutz seiner Wirthin. Am Nachmittage, als die Plün 
derung aufhörte, kehrte sie zu ihren Eltern zurück. 
Die beiden Soldaten setzten ihren Weg durch die Kloster 
straße fort. Sie traten in das Haus Nr. 280. Dort fanden 
sie einige Kameraden beschäftigt. Schränke und Truhen nach 
Geld und Gcldeswerth zu untersuchen. Die Betten wurden 
aufgerissen, die Strohsäcke zerwühlt. Die Ehefrau des 
Tuchmachers Ermel, der in diesem Hause wohnte, lag vor 
der Wiege ihres einjährigen Kindes auf den Knien und deckte 
mit ihrem Leibe das Kind; zugleich aber auch die wenige 
Baarschaft, welche die Leute besaßen, die sie in der Wiege 
unter dem Kinde verborgen hatte. Sie wurde unbarmherzig 
hinweggeriffen, das Kind an der einen Hand erfaßt, heraus- 
j gezogen und an die Erde geworfen, wobei ihm das Aermchcn 
ausgerenkt wurde. Mit teuflischer Freude ergriffen sie das 
Beutelchen mit dem Gelde. Die wenigen Thaler wurden so 
gleich getheilt. Darauf forderten sie mehr, und da die Leute 
dies nicht vermochten, mißhandelten sie beide durch Schläge 
j auf das Grausamste. Dann verließen sie unter Toben und 
Fluchen die Stätte ihrer Schandthat. Darauf kamen sie in 
die Wohnung des Schneiderineisters Klösterlein in der San- 
dower Gasse, welcher die Götzesche Bagage plündern und 
! mit der Frau Steinbach auf dem Rathhause nach vollbrachter 
Heldenthat tanzen wollte- Die Thüre zur Wohnung ivurde 
aufgerissen und die Plünderer stürzten in das Zimmer- Meister 
Klösterlein stand mitten in demselben und sagte mit zitternder 
Stimme und schlotternden Knieen: „Meine werthen Herren 
und Freunde! Vivat Sr. glorreichen Majestät dem Kaiser, 
Vivat dem siegreichen Herrn General von Götze. Als ich in 
der Fremde war und bei meinem Meister in schlesisch Bern- 
städtel arbeitete, sagte mein Meister: „Klösterlein, merke Dir, 
mit Höflichkeit kommt man durch die ganze Welt." — Seine 
Rede wurde hier gewaltsam unterbrochen, denn ein Soldat 
faßte ihn bei der Brust, schüttelte ihn wie eine Katze und rief: 
„Vivat Schneiderlcin, wo hast Du Dein Geld, zähle auf, 
j wenn Dir Dein Leben lieb ist." Der andere Krieger ging auf 
! die Truhe zu, welche in der Stube stand, durchwühlte sie, 
und nahm daraus was ihm gefiel. Der Schneider stammelte 
in Todesangst die Worte: „Ich bin ein armer Mann! Ich 
habe kein Geld". Das half ihm aber nicht. 
„Meister, seid höflich, wie es Euch der Meister in schlesisch 
j Bernstädtel gelehret hat, so werden wir auch höflich sein." 
Dabei schüttelte er ihn, daß ihm Hören und Sehen verging. 
„Wem gehört der Rock mit den gelben Knöpfen, der 
dort hängt." 
„Um aller Heiligen willen, das ist der Rock des gestrengen 
Herrn Bürgermeisters", rief der Schneider. 
„Sind die Knöpfe von Gold? Laßt sehen", rief der 
Soldat, „ich verstehe solche Sachen." Er fand sie nicht massiv 
golden, sondern nur vergoldet. Gleichwohl nahm er des Schnei 
ders Scheere und schnitt mit größter Gemüthsruhe die Knöpfe 
von dem Rock ab und ließ sie in seiner Tasche verschwinden, 
l „Meister, Ihr habt Geld und Geldeswerth, heraus danüt."
        
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