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Periodical volume 7. April 1883, Nr. 28

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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Thür. Die Flasche war leer. Da er nur Flaschen leiden ! 
mochte, die entweder voll waren, oder leer gemacht durch ihn, 
so hatte er, um den letzteren Zustand derselben herzustellen, 
so oft das Glas, auf welchem: „Heldenblut hat rechten Muth" 
geschrieben stand, vollgeschenkt und leer gemacht, daß selbst 
sein guter Kamerad Mar Kräklich, der alles und jedes bestritt, 
nichts gegen die Behauptung, daß sie leer sei, einzuwenden 
gehabt hätte. Sich selbst hatte er aber burd; das Vertreiben 
der bösen Luft, welche Eigenschaft dem Branntwein, nach Aus 
sage der klugen Frau, innewohnen sollte, in einen Zustand 
versetzt, daß das müde Heldenhaupt nach hinten übersank, der 
Leib aber, die Füße nach vorn gestreckt, in sanfte Bewegung 
gerietst und die Lage des Helden sich jo veränderte, daß er aus 
der sitzenden Stellung in eine liegende, und zwar in die nie 
drigste, welche hier erreicht werden konnte, nämlich auf die 
Dielen unter dem Tische gelangte. 
„Wohl wußte ich, daß es so kommen würde", sagte die 
Frau vor sich hi», holte ein gepolstertes Kissen, legte cs ihm 
unter den Kopf, löschte die Lampe aus, verschloß die Stubcn- 
thür und suchte ihr Lager in dem gegenüberliegenden Stüb 
chen auf, um einige Stunden der Ruhe zu genießen. Als der 
Tag angebrochen war, stand sie auf, ging in ihr Wohnstüb- 
chen und fand ihren Schlafgast noch in derselben Stellung 
unter dem Tische, wohin ihn die Beschäftigung, die Flasche 
in den Zustand zu versetzen, ivelcher ihn nicht ärgerte, gebracht 
hatte. 
Sie ging ihren häuslichen Geschäften nach und wartete, 
bis er erwachen würde. 
Als sie das Frühstück, eine Suppe von Sauerteig, zu 
bereitet hatte, fand sie ihn erwacht und aus dem Stuhle 
sitzend. 
Er schämte sich ein wenig, doch sein beliebter Spruch: 
Feldschlangen und Donner, Karthaunen und Blitz, Stern, 
Hagel und Kreuzelemcnt half ihn aus der Verlegenheit- 
„Frau, mich hat es ordentlich gepackt! Ich war schwach 
geworden, daß ich vom Stuhl gefallen", sagte er- „Heut 
aber, und er ballte drohend beide Fäuste, würde ich nicht 
davonlaufen, wenn auch der todte Türkenfresser aus dem 
Grabe stiege und mit seinen eigenen Knochen nach mir ivürfe- 
Ich packte ihn und würfe ihn in sein Grab ivicder hinein, 
daß ihm Sehen und Hören vergehen sollte." Mit dem be 
liebten Spruch schloß er seine Rede. 
Die kluge Frau lachte rmd sagte: „Lieber Veit, ich 
glaube Euch Alles. Ich bin nur zufrieden, daß ihr nicht Hals ! 
und Bein gebrochen habt beim Netiriren. Ein kluger Oberst 
retirirct zuweilen. Das bringt ihm oft mehr Nutzen und 
Ruhm, als eine gewonnene Schlacht. Es war aber doch gut, 
daß es geregnet hatte, da wäret ihr weich gefallen, da am 
Kirchhofsthor. Sie gab ihm die Kugeln und bezeichnete die 
jenige, welche um die Ecke fliegen sollte, durch einen kreuz 
weise» Einschnitt. Alles ist richtig besorgt, fuhr sie fort, nur 
daß diesmal die Sache sehr bald ausgerichtet war. 
Nun nöthigte sie ihn, die „Sauersuppe" mit ihr zu essen, 
was er auch annahm. Darauf verließ er das kleine Häus 
chen am Münzthurm mit den Worten: „Ich danke Euch, 
Frau! Nehmet nichts für ungut- Euren Dienst, den Ihr mir 
geleistet, werde ich nicht vergesien." - 
Was er seinen Kameraden und Auftraggebern erzählt 
haben nlag, von den Schrecknissen der Nacht, und dem, was 
er bei Herstelluitg der Freikugeln gesehen, gehört und empfun 
den, mit welchem Ruhm er sich bedeckt, wollen wir diesmal 
nicht verfolgen- 
Die Kunden der klugen Frau kamen während des Tages, 
um die unfehlbaren Kugeln abzuholen. Sie bezahlten gut. 
Den größesten Theil des Geldes bestimmte sie jedoch zur Un 
terstützung armer Kinder und anderer Nothleidenden. Nur 
was sie zu ihrem Unterhalt nothwendig brauchte, behielt sie 
für sich- 
Nach einigen Tagen verließ der Oberste Kehraus mit 
seinem Regiment die Stadt. 
Wir verfolgen nun die Begebenheiten, welche ungefähr 
drei Monate später sich ereigneten. 
IV. 
Wie ein Nudel Wölfe über das gestürzte Roß, oder die 
wüthende Bleute über ein edles Wild herfallen und es zer 
fleischen, so stürzten die wüthenden Soldaten in die Häuser 
der Stadt, Thüren und Fenster zertrümmernd, wenn sie sich 
nicht sogleich öffneten. Die geängsteten Bewohner gaben sich 
meist willenlos in die Hände ihrer Peiniger- Die Gaffen 
lvaren erfüllt von dem Gebrüll der Unmenschen. Dazwischen 
tönte das Gekreisch der mißhandelten Weiber und das Ge 
wimmer der Kinder. Wehe demjenigen, der der Gewalt Wider 
stand entgegensetzte- Verlvundung oder der Tod war sein 
Loos. Der Chronist sagt kurz: „da war das Lachen zu ver 
beißen." Kisten und Kasten, Schränke und Truhen wurden 
erbrochen und die Häuser vom Boden bis in den Keller durch 
sucht. Doch nicht lange währte es, so erschienen Offiziere 
mit den Profoßen, um die reichsten Häuser am Markt für die 
Obristen und den General in Beschlag zn nehmen. Letzterer 
quartierte sich in dem Hause Nr. 214 am Markt (jetzt dem 
Kaufmann Warnke gehörig) ein. Der Graf Schlick in das 
Haus des alten Herrn Röting (jetzt Berliner Str. Nr. 328 
Fr- Wittwe Meyer). Der Obrist-Lieutenant Weiß in das 
Haus Berliner Str. Nr. 329. Die anderen höheren Offiziere 
gleichfalls in die besten Häuser. Die Besitzer dieser Häuser 
waren zwar vor allen Rohheiten durch die Offiziere geschützt, 
aber die Forderungen derselben waren oft der Art, daß der 
Reichthum verschwinden mußte und mancher zum armen Manne 
wurde. Betten, Leinwand, Putzgegenstände, gold- und silber 
gestickte Hauben, seidene Kleider, Mäntel, Pelze, oft recht kost 
bare goldene und silberne Becher, Löffel, Leuchter uiib dergl. 
wurden geraubt und zu den Frauen der Soldaten, oder zu 
den liederlichen Dirnen, welche die Kricgerschaaren zu dieser 
Zeit begleiteten, gebracht. Das Lager dieses Trosses war in 
Brunschwig und auf den dahinter liegenden Feldern. Die 
goldenen und silbernen Gegenstände, sowie baares Geld, welches 
erbeutet oder erpreßt wurde, ging gewöhnlich, so schnell wie 
es erworben wurde, in andere Hände über, denn die Spiel 
wuth war schrecklich eingeriffen bei den Kriegern- Mitten im 
Tumult rollten die Würfel ans einer Trommel, welche die 
Spieler in den malerischesten Stellungen umgaben. Ein sehr 
bewegtes Bild boten der Marktplatz und der Neumarkt, da 
mals Salzmarkt genannt, dar. Die Soldaten schroteten die 
Bier- und Brantweinfässer, welche sie in den Kellern fanden, 
dahin, und das Saufen, in welchem in dieser Zeit Außer 
ordentliches geleistet wurde, begann. An Tischen, auf Stühlen 
und Bänken saßen die Zecher. Sie hatten sie aus den Häusern
        
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