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Periodical volume 7. April 1883, Nr. 28

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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vorher aber hat er ihm den Kopf an einem Kirchenpfeiler 
zerschmettert. Das Blut ist heut noch daran zu sehe» und 
kann nicht weggeschafft werden. So oft man die Stelle über 
tünchet, immer kommt es wieder hervor." 
„Schrecklich!" rief die Frau. „Aber wisiet, Herr Rott 
meister, es giebt dumme Teufel und kluge Teufel. Wer weiß, 
mit was für einem wir heut zu thun bekommen." 
„Das ist wahr," erwiderte der Krieger, „aber heut wäre 
cs mir lieb, wenn wir mit einem recht klugen zu thun hätten, 
denn der Fähndrich Jochen Stieglitz, der Lüderliche, der den 
ganzen Tag über betrunken umhertaumelt, will durchaus von 
nur eine Kugel haben, welche um die Ecke fliegt und da noch 
das Ziel trifft- Ich Habs ihm versprochen und werde von dem 
„Vater unser" die eine Hälfte von vorn, die andere Hälfte 
vom Ende rückwärts beten." ' - 
„Was Ihr mir da saget, cntgegnete die Frau, damit 
kommt ihr mir ja recht zu Hülfe, denn der Cornet Christian 
Fink, der ärgste Spieler und Flucher im ganzen Regiment, 
will von mir auch so eine Kugel haben, und ich wußte nicht, 
wie ich solche herbeischaffen sollte." 
„Na, setzet Stich, Veit, wir haben noch eine Viertelstunde 
Zeit." Sie holte eine Flasche mit starkem Branntwein aus 
dem Wandschränkchen und schenkte dem Alten ein Glas voll 
ein, und reichte es ihm mit den Worten: „Stärket Euch, er 
ist gut wider die böse Luft. Auf dem Glase ist eingcschliffc»: 
Heldenblut hat rechten Muth! Wisset, Herr Rottmeister, ich 
habe allen Respekt vor solchen Teufeleien, wie wir sie heut 
vorhaben. Mein Herz klopfte mir, ehe Ihr kämet, schon ein 
wenig; aber sobald ich weiß, daß Ihr bei mir seid, fürchte 
ich weder Hölle noch Teufel- Ja, es ist wahr: Heldenblut 
hat rechten Muth!" 
„Feldschlangen und Donner, Karthaunen unb Blitz, 
Stern, Hagel — Kreuzelemcnt", ergänzte der Alte, denn es 
waren seine Lieblingsäußerungcn, die die Frau recht gut kannte- 
Der Alte hatte ausgctrunken, hüstelte ein wenig und 
hielt das Glas vor sich hin. Die Frau füllte es wieder mit 
den Worten: „Auf einem Bein kann man nicht stehen- Hel 
denblut hat rechten Muth." 
Sie machte sich zu dem nächtlichen Gange bereit- 
_ Das Glas war bald geleert und beide verließen das 
Häuschen, von dessen Thür die Frau den Drücker abzog. Sie 
tappten durch die rabenschwarze stürmische Nacht, durch die 
vom Regen überflutheten Straßen bis zum Thore des Kirch 
hofes, welcher zu dieser Zeit die deutsche Kirche umgab- Als 
sie eine Strecke zwischen und über die Gräber hingcschritten 
tvaren, hielt die Frau mit cincmmale an und that, als horchte 
sie ein Weilchen. Daraus sagte sie leise mit gepreßtem Tone: 
„Herr Rottmeister, so eben fället mir ein, daß wir hier auf 
dem Grabe eines rechten Helden stehen. Der Mann, welcher 
hier dem jüngsten Tage entgegen schläfct, war der Hutinacher 
Tauner, ein Held, den man „das brandenburgische Donner- 
>vctter" hieß. Er hätte alle Türken, Papisten, Kaiserlichen, ja 
selbst den Teufel gefressen —" 
Ein dumpfes Krachen ließ sich plötzlich unter ihre» Füßen 
hören und der Grabhügel senkte sich langsam nieder. 
Der Nottmeister, schon durch den gcheimnißvollen Ton 
der Frau stutzig gemacht, hörte das Krachen und fühlte das 
langsame Sichsenken des Hügels unter seinen Füßen mit 
Schrecken. Er glaubte, das Grab thäte sich auf und der 
Todte zöge ihn zu sich herab. Die Angst lähmte ihm die Füße. 
Endlich, mit den mühsam hervorgestoßenen Worten: „Er zieht 
mich zu sich hinab", sprang er von dem eingesunkenen Grab 
hügel unb lief dem Ausgange des Kirchhofes, taumelnd und 
stolpernd über manchen Grabhügel zu, bis er die Thüre er 
reicht hatte, an der er zusammensank. Die Frau, ebenfalls 
durch den ganz eigenthümlichen Vorgang heftig erschrocken, 
begriff sehr bald den Zusammenhang dieser Begebenheit, dem 
nach der Sarg eingebrochen und der Grabhügel, sich gesenkt 
habe. Sie war auch geflohen, doch sich besinnend blieb sie 
stehen und horchte, was mit ihrem Gefährten geschehen sein 
möchte. Sie ging dem Ausgange zu unb fand den Alten mit 
dem „Heldenblut und rechten Muth" ächzend und stöhnend 
liegen. Sie suchte ihn aufzurichten nnd redete ihm zu, so daß 
er sich ermannte und aufstand. 
„Nun wollen wir zur Kirchthüre geben," fuhr sie fort, 
; „und die Kugeln vom Teufel segnen lassen." 
„Ihr könnet mir versprechen aller Welt Herrlichkeit, ich 
gehe nicht einen Schritt", entgegnete der Nottmeister. 
„Nun, so gehe ich allein. Gebet mir Eure Kugeln, 
damit Eure Kameraden sie morgen von Euch abholen können. 
Ihr selber könnet in mein Haus gehen, hier habt Ihr den 
Drücker von der Hausthür. Setzet Euch in den Lehnstuhl. 
Ich habe die Lampe brennen lassen. Die Flasche mit dein 
Branntwein stehet im Schränkchen- Ihr werdet sie wohl 
finden. Stärket Euch. Ich werde bald zurück sein. Ich bin 
Euch ja vielen Dank schuldig, »veil Ihr mich gclehrct habt, 
wie man cs mit den Kugelir machen soll, welche um die Ecke 
| fliegen." 
Dem Alten war die Rede der Frau. so überzeugend und 
die Aussicht auf die Stärkung aus der Flasche so zeitgemäß 
und nothwendig, daß er den Vorschlag der Frau sofort aus- 
zuführen begann und sich mit den Worten entfernte: „Eine 
: vernünftigere Frau giebt es in ganz Cottbus nnd Umgegend 
nicht." 
Als des Alten Schritte verhallt waren, folgte sie ihm 
langsam nach. Sie hörte, wie er die Thür ihres Häuschens 
aufmachte und eintrat. Sie wartete eine Weile und trat 
dann auch leise in ihr Haus, sah durch das Schlüsselloch der 
Stubenthür und bemerkte ihren Gefährten am Tische sitzend, 
Glas lind Flasche vor sich. 
Sie ging in die kleine Küche, den Schlag der ersten 
Stunde nach Mitternacht abzuwarten, denn eher durfte sie 
nicht zurückkehren, wenn sic den Alten wachend antreffen 
sollte, der Zauber war sonst nicht kräftig. Müde stützte sie 
das Haupt auf beide Hände. Ihre Gedanken waren weit ab 
bei dem, der ihr Liebstes auf dieser Welt war, bei dem Sohne, 
der auch ein Krieger war. Wie mochte es ihm ergehen? Lebte 
er noch, oder war er schon in die kühle Erde gebettet, oder 
lag er verwundet auf elendem Lager in Schmerzen und Krank 
heit. Aus der Affaire bei Frankfurt a-/O-, welche Stadt der 
König von Schweden erstürmt hatte, war er mit heiler Haut 
davongekommen, das wußte sie. Seitdem hatte sie keine Nach- 
richt von ihm vernommen. Sie betete still vor sich hin, um 
! ihr sorgenvolles, mütterliches Herz zu beruhigen. Endlich er 
tönte der ersehnte Glockcnschlag. Sie stand auf, schritt leise 
zur Stubcnthür und sah durch das Schlüsselloch. Das Lämp 
chen war fast im Erlöschen. Der alte Krieger mit dem Hel 
denblut saß nicht mehr aus dem Stuhle. Sie öffnete die
        
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