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Volume 1. April 1883, Nr. 27

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue9.1883 (Public Domain)

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kleine Fürsten seiner Zeit, Glücksgüter und Ruhm in den obwal 
tenden Wirren zu gewinnen, indem er sich bald dieser, bald jener 
Partei anschloß. Als Gustav Adolf im Jahre 1630 als Retter 
des Protestantismus den deutschen Boden betreten hatte, schloß sich 
ihm auch Franz Julius an; er war damals sein steter Begleiter 
und auch an dem traurigen Tage bei Lützen ritt er im dichten 
Pulverdampfe hinter dem Könige her, fast der einzige Zeuge der 
Ereignisse, die dessen jähem Sturze und Tode unmittelbar vorher 
gingen. Der Herzog, ein finsterer ungeselliger Mann, scheint nicht 
die Liebe seiner Umgebung genossen zu haben und wenn auch wohl 
nicht auf Wahrheit begründet, wuchs das Gerücht doch immer 
mehr, daß der Herzog selbst wohl den todbringenden Schuß in des 
Königs Rücken abgegeben haben könne. Noch heute deckt jene 
verhängnißvolle Stunde ein dunkler Schleier, der sich wohl nie 
heben wird; das aber erscheint sicher, daß Herzog Franz Julius 
später in eifrigen Unterhandlungen mit Wallenstein stand und seine 
Neigung für die kaiserliche Partei nicht verleugnen konnte. War 
doch sein eigener Bruder Julius Heinrich Mitunterzeichner jenes 
bekannten Pilsener Schlusses vom 2. Januar in welchem sich die 
Führer dem Friedländer mit Gut und Blut verpflichteten. Er- 
wähnenswerth dürfte es sein, daß Franz Julius damals vorüber 
gehend als Oberst eines Reiterregiments auch in brandenburgischen 
Diensten stand und somit den ersten Anfängen der preußischen Ar 
mee unter Kurfürst George Wilhelm angehörte. Franz Julius 
starb im Jahre 1634, sieben Monate nach der im Februar statt 
gehabten Ermordung des Friedländers, mit dem er in steter Ver 
bindung geblieben war. Sein gleichnamiger Neffe beschloß den 
Lauenburgischen Stamm, deffen letzte Glieder zur römisch-katho 
lischen Religion übergetreten waren. Er starb im Jahre 1689 zu 
Reichstadt in Böhmen; seine Landeserben wurden die Herzoge von 
Braunschweig und Lüneburg. — 
(Schluß folgt), 
MisceUtli. 
Die „Königs- und Schloßwache" zieht vor des Kaisers Palais 
vorüber. (Hierzu die Illustration S. 328 und 329.) Es ist zwischen 
zwölf und ein Uhr Mittags und wir stehen an der Ecke der Friedrich- 
straße und Unter den Linden, gleichmäßig und ruhig wogt der Strom 
der Paffanten an uns vorüber. Plötzliche Unruhe, dann lebhaftes 
Drängen, Lause» nach der Ostseitc der Linden auf die Statue Friedrichs 
des Großen zu. Dumpfe, taktniäßige Schläge dringen aus weiter Feme 
an unser Ohr, es ist der Ton der „Regiments-Pauke." Lauter und 
markiger tönt dieses taktmäßige „Bum! Bum!" Jetzt unterscheiden wir auch 
schon einzelne Töne der Musik und in dem nördlichen Theile der Friedrich 
straße sehen wir, umgeben von einer dichtgedrängten Volksmenge, die ab 
lösende Wache nahen. An der Ecke Unter den Linden schwenkt die 
„Brandenburger Thorwache" nach Westen ab. Die „Königswache und 
Schloßwache" marschiren nun auf der Seite der Linden weiter. Die 
Musik schweigt, die Trommeln rasseln und die Querpfeifen gellen. Am 
Denkmal Friedrichs des Großen hat sich eine Gruppe von ungefähr zwei- j 
hundert Menschen jedes Alters und jedes Geschlechts, aller Nationalitäten 
versammelt, und diese hunderte von Augen sehen auf einen einzigen Punkt, 
nach dem „historischen Eckfenster." Alle deutschen Dialekte, alle euro 
päischen Sprachen hören wir hier. äVbere? vhere? The window at 
the cornerl La, la, la fenetre derniere! Hären Se, mei Kutester, ich 
säh Se nischt! Gdze pannie! Guck ock, ei das Fenster! Sehe Sie das 
letzt' Fenschter! Do wird er »ausschaun beim Fenster! .... Drei wuch 
tige Paukenschläge der Regimentsmusik, die Tambours schlagen ab, 
schmetternd fällt die Musik mit dem Dorischen Marsch ein. Da kommen 
sie, jede Muskel gespannt, die Gewehre eisenfest „eingesetzt," Offiziere und 
Mannschaften wissen es, daß die prüfenden Augen des Kaisers sie sofort 
mustern werden. Jetzt ist der Schellenbaum der Regimentsmusik unter 
dem „historischen Fenster" .... über dem weißen Fenstervorsetzer, der 
die untere Scheibe bedeckt, erscheint die Gestalt des Kaisers bis zur Hälfte 
der Brust sichtbar. Alle Häupter der draußen Harrenden entblößten sich. 
Bis der letzte Mann der Ablösung vorüber ist, hat der Kaiser prüfend 
auf seine blauen Jungen herabgesehen. Jetzt hebt er den Blick und sieht 
nach dem Denkmal seines großen Ahnen herüber. Tücher- und Hüte- 
schwenken, Hurrah! Hurrah! Ein Lächeln fliegt über das Gesicht des 
Kaisers, dann nickt er dankend mehrmals zu den begeisterten Menschen 
herüber und tritt zurück. Noch eine Zeit lang blicken hundert Augen nach 
dem Fenster, dann zerstreut sich die Gruppe. Weiter marschirt die Ab 
lösung nach dem Schloß zu, begleitet von der Schaar der „Ablösungs 
stammgäste," welche jeden Tag — ob schön, ob Regen — beim Wache- 
Aufziehen dabei sind, denn ohne sie — ginge es ja gar nicht! 
Berl. Tagbl. 
Aürft ISismarck (mit dem Portrait S. 325). Wir theilen unsern 
Lesern das neueste Portrait des Reichskanzlers mit, „Bismarck ini Barte." 
In früheren Jahren als Landwirth und Abgeordneter bis zu der Zeit, 
da der Fürst nach Frankfurt a. M. gerufen wurde, trug er gleichfalls 
Vollbart, dann, als Bundestagsgesandter eine Zeit lang Vollbart mit 
ausrasirtem Kinn, bald daraus nur Schnurrbart. Der Vollbart hat dem 
Antlitz einen milderen Zug gegeben, als ihm sonst eigen war. 
Es ist ein seltenes Gesicht, welches allenthalben Aufsehen erregen 
würde, selbst wen» es nicht einem Manne gehörte, dessen Thaten die mo 
derne Welt verändert haben. Es sind Züge, die man nicht wieder ver 
gißt, durchaus nicht schön, aber noch weniger häßlich. In längst ver 
gangenen Tagen war dieses Gesicht auffallend klar voller Fröhlichkeit, ja 
selbst Ausgelassenheit; jetzt ist es ernst geworden, beinahe feierlich, mit 
einem Ausdruck unerschrockenster Energie und Kühnheit. — 
Der Aeubail des Kultusministeriums Anter den Kinde«. (Zu 
der Zeichnung S. 333.) Vor vierzehn Tagen ist dieser Neubau, dessen 
Einweihung am Geburtstage des Kaisers geschah, von dem Herrn Minister 
v. Goßler und den Abtheilungen des Kultusministeriums bezogen worden. 
Die äußere Faxade ist einfach gehalten und wäre fast zu einfach zu 
nennen, hätte dieselbe nicht in dem vom Bildhauer G. Cberlein her 
gestellten Fries einen Schmuck erhalten, welcher sowohl der Architektur 
einen künstlerischen Abschluß wie der Bestimmung des Gebäudes einen 
lebendigen Ausdruck verleiht. 
Den Mittelpunkt des Frieses (den unser Blatt in größerer Aus 
führung gelegentlich bringen soll) bildet die sitzende Jdealgestalt der 
Religion, deren hervortretende Bedeutung für das gesummte Wirken 
des Ministeriums auch äußerlich dadurch zur Geltung gelangt, daß sie in 
größerem Maßstabe ausgeführt wurde und in Folge dessen theilweis in 
das Gesims hineinragt. Dieselbe ist einerseits durch das Symbol des 
Kreuzes, andererseits durch die segnend vorgestreckte Rechte charakterisirt. 
Die unmittelbar sich anschließenden Gruppen versinnlichen die tröstende, 
heiligende und erziehende Macht der Religion in den verschiedenen Phasen 
des Menschenlebens: von links her wird ein sterbender Greis von der 
Tochter geleitet, um den letzten Segen zu empfangen, es nahen ferner 
die Mutter mit dem Täufling, der Konfirmand und das Brautpaar, 
während auf der anderen Seite (rechts) ein im höchsten Seelenschmerz 
hingesunkenes Weib Trost erfleht und eine Erzieherin den kindlichen Sinn 
des Knaben zu Gott lenkt. 
Die nächstfolgenden Darstellungen zu beiden Seiten gelten den 
Universitäts-Wissenschaften: nach links hin erblicken wir zuerst 
den Chemiker mit der Retorte und den Geographen mit dem Globus zur 
Seite; das Figurenpaar neben ihnen deutet auf die Sternkunde; noch 
weiter nach links ist die Wissenschaft der Rechtslehre als sitzende weib 
liche Figur dargestellt, begleitet von dem Genius des Gesetzes, welcher 
Waage und Schwert hält, und umgeben von Lehrenden und Lernenden. 
An entsprechender Stelle zur Rechten der Mittelfigur folgt die praktische 
Medizin und zwar die äußere durch den Chirurgen, welcher einen Kranken 
verbindet, die innere durch das Auskultiren eines Jünglings angedeutet, 
endlich die Theorie der Medizin ist durch den einen Schädel betrachtenden 
Lehrer der Anthropologie vertreten, die Geburtshilfe durch eine Gruppe, 
in welcher der Arzt dem neugeborenen Wesen den ersten Beistand leistet. 
Anfang und Schluß der Komposition bilden die fünf ausübenden Künste, 
beginnend an der Ecke links mit der Dichtkunst: Vater Homer, die Leier 
rührend und die Poesie als Jdealgestalt, welche einem Sänger den Kranz 
reicht. Daneben ein Genius, den Pegasus zügelnd; hieran reihen sich 
mehrere Gruppen, welche um die Gestalt der Musik versammelt, einerseits 
in dem zu ihren Füßen lauschenden Komponisten die schöpferische Tonkunst, 
andererseits in zwei singenden Knaben den Volksgesang und in dem tan 
zenden und flötenspielenden Mädchenpaar die heitere scenische Musik ver 
anschaulicht. Endlich reihen sich rechts am Schluffe die Vertreter der 
bildenden Künste: der Maler im Naturstudium der Menschengestalt, der 
Architekt als Lehrer, seine Schüler auf die Meisterwerke griechischer Bau 
kunst hinweisend, und der schaffende Bildhauer in seiner Werkstatt, welcher 
seine Jünger zum Studium der Ngtur und der klassischen Vorbilder an 
leitet. An dieser Stelle ist an die glücklichen Funde neuester Zeit auf 
griechischem Boden durch die Büste des Hermes von Olympia und die 
pergamenischen Reliefs erinnert. 
Plastische Klarheit, ideale Auffassung und reiche poetische Erfindung 
geben dem Relief Eberleins einen weit über das Maß architektonisch-de 
korativen Schmuckes hinausgehenden Werth, wie denn auch in Bezug auf 
die technische Durchführung desselben allen Anforderungen genügt ist, 
welche die Würde des Kunstwerkes und die Stätte der Verwendung 
desselben stellen. 
Die Ausstattung des Innern übertrifft bei Weitem den Eindruck, 
den man nach der in sehr bescheidenen Verhältnissen gehaltenen Faxade 
erwarten sollte, namentlich ist durch die stattliche Anlage des Treppen 
hauses und durch die Anordnung einer breiten, dem Verkehr dienenden 
Mittelhalle fast in der ganzen Länge des Gebäudes eine originelle und 
wirkungsvolle architektonische Lösung herbeigeführt. Im Erdgeschoß — 
wir folgen einem Bericht der Voss. Ztg. — befinden sich die Arbeits 
zimmer der Ministerialräthe, ein Sitzungszimmer für Vereine und ein 
großer Saal fiir Konferenzzwecke, im ersten Stockwerke die Repräsentations- 
räume des Ministers, darüber die Wohnung desselben, sowie abermals
	        
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