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Periodical volume 1. April 1883, Nr. 27

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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hinlief, worauf in der Reihe zinnerne und kupferne Teller, 
Schüffeln und andere Geräthe, besonders auch Bierkrüge mit 
Zinndcckeln aufgestellt waren, oder an Pflöcken hingen. 
Neben diesem großen Zimmer befand sich der Alkoven, das 
Schlafgemach des Hausherrn und der Hausfrau, auch wohl 
der kleinsten Kinder. Hinter diesem Alkoven befand sich das 
eigentliche Wohnzimmer, welches Schränke fest und dauerhaft 
für mehrere Generationen berechnet enthielt und zum Aufent 
halt der größeren Kinder und der Hausfrau, auch der Be- 
suchendeu diente. Daneben die Küche mit einem mächtigen 
großen Heerde, auf welchem ununterbrochen Feuer brannte. 
Für Erleuchtung des Gastzimmers diente ein Kicnfeuer, welches 
auf einem Rost am Ofen brannte. Der Rauch zog durch 
eine kupferne Haube und ein Rohr, welches blank gescheuert 
war, in den Schornstein. Auf den Tischen, an welchen die 
Biergäste saßen, brannten Talglichter. 
Mittelst einer gewöhnlich dunklen Treppe wurde das 
obere Stockwerk des Hauses erreicht. Ueber einen weiten Flur 
gelangte man zu den Zimmern, welche die Wohlhabenheit 
des Hauses aufzeigten. Hier standen die Möbel, Meisterstücke 
der Tischlerarbeit von Eichenholz, schön ausgelegt, Kommoden, 
Truhen, Schenktische, Lehnstühle, Spiegel und Familienbilder 
hingen an den Pfeilern und den Wänden. Auch Bücher in 
Schränken waren zuweilen vorhanden. Musikalische Instrumente, 
Lauten, Zithern, Violinen und alterthümliche Geigen, dreieckig 
und mit einer Saite, fanden sich vor. Vom Flur aus trat 
man auf eine Galerie, welche an der Hofseite des Hauses an 
gebaut war. Von dieser Galerie gelangte man in die ver 
schiedenen Zimmer und Kammern, deren Thüren auf erstere 
hinausgingen, welche die Vorräthe des Hauses an Getreide, 
Mehl, getrocknetem Fleisch und Obst und dergl. enthielten. Die 
Räume unter der Galerie auf dem Hofe enthielten die Brannt- 
weinblase, die Malzdarre. Gegenüber befanden sich die Ställe 
für Kühe, Pferde, Schweine und Mastochsen. 
Ein solches Haus war dasjenige, welches an der Stelle 
stand, wo sich jetzt das Haus Nr. 214 am Markt befindet, i 
Es gehörte dem Mitgliede des edlen Rathes, Herrn Reichardt 
Röting, welcher einer der reichsten Bürger der Stadt Cottbus 
war. Sein Vater besaß ebenfalls ein großes Bierhaus 
(jetzt das Haus Berliner Str. Nr. 328). Reichardt war der 
einzige Sohn und stand in der Mitte der 40 er Jahre. Er 
war von sanfter Gemüthsart, ein Freund der Bücher (dies 
wußten auch die Buchführer gut zu benutzen, denn sie fanden 
an ihm einen guten Abnehmer), ein Liebhaber der Musik, ein ; 
Sänger und Lautenspieler in seinen jüngeren Jahren. Seine 
Frau dagegen, eine Tochter aus der uralten Cottbuser Fa 
milie Meurer, deren Haus in der Mühlgasse dem Fleisch- 
scharrngäßchen gegenüber lag (von diesein Hause ging iin 
Jahre 1600 ein großer Brand aus, welcher fast die halbe 
Stadt einäscherte), regierte das ganze Hauswesen, braute Bier, 
züchtete Vieh, besorgte die Krautgärten und Weinberge. 
Sobald jedoch eine größere Schwierigkeit ihr entgegen trat, 
flüchtete sie sich, wie ein Küchlein sich unter der Henne Flügel 
fluchtet, zu ihrem Eheherrn, der dann jedesmal vor dem Riß 
stehen mußte. Es war am besten, sie gewähren zu lasien. 
Nur die Oberaufsicht und das Geldwesen ließ sie ihrem Ge 
mahl zukommen. 
Selten ging es jedoch, wenn die schwierige Sache ab- i 
gethan war, ohne Tadel, warum es nicht so oder so gemacht 
worden sei, vorüber. Dies brachte aber Herrn Röting durch 
aus nicht aus der Ruhe. 
Eine Tochter Veronika, war des Paares einziges Kind. Sie 
war ein Mädchen von 19 Jahren und von eigenartiger Schönheit. 
Sie war von mittlerer Größe, zierlichem Wuchs und eleganten 
Bewegungen. Ihr Haar war tiefschwarz, seidenweich und 
ringelte sich von selbst zu Locken. Nur wenig Sorgfalt be 
durfte es und reizend umrahmten sic ihr zartes, weiß und 
rothes Antlitz und sielen über Schultern und Nacken. Dazu 
die großen dunkelblauen Augen mit sanftem schwärmerischen 
Ausdruck, eine etwas gebogene Nase und ein kleiner rother 
Mund waren ganz geeignet, vieler jungen Männer Blick 
bewundernd auf ihr ruhen zu lasien. Sie war das Liebste, 
was Herr Röting sein nannte. Sie war fast stets seine Ge 
sellschafterin. Seine Lieblingsbeschäftigungen, Bücher und 
Musik, waren auch die ihrigen. Mit hoher Verehrung hing 
sie mit ihrem ganzen Herzen an ihm. Zärtliche Besorgniß um 
ihn erfüllte ihr junges Herz mit Lust und Leid. Ihren jungen 
Freundinnen war ihr Betragen fast unverständlich, und doch 
hatten sie sie gern, weil sie ihren Geist und ihre Keuntuisse 
bewunderten. Wegen ihres schwärmerischen Ausdrucks meinten 
sie, es sei mit ihr zuweilen nicht recht richtig. 
Das Haus des Herrn Röting war während der Kriegs 
jahre der Tummelplatz der fremden Krieger gewesen, doch die 
Gegenwart der hohen Offiziere, welche stets in dem reichen 
Hause ihre Quartiere gehabt hatten, hielt alle Excesse fern. 
Ja der Anblick des schönen Töchterleins, ihre Unschuld, ihr 
liebenswürdiges Wesen, ihre schönen schwcrmüthigen Augen 
wenn Thränen darin schimmerten, wenn sie dieselben bittend 
zu den rauhen Kriegern aufschlug, hatten schon öfter den 
Weg durch die stahlgepanzcrte Brust zu dem oft so weichen 
deutschen Herzen gefunden, das durch den unseligen Krieg mit 
harter Rinde sich umgeben mußte, so daß der Stadt und den 
Einwohnern manche Erleichterung zu Theil geworden war. 
Von manchem jungen Offizier, „dem sie es angethan hatte," 
waren ihr erbeutete Kleinodien, Ringe, Ketten, Spangen und 
dergl. zugekommen, aber nicht ein einziges Stück hatte sic be 
halten, sondern alles zur Linderung der allgemeinen Noth 
verwendet. Und was für Noth herrschte in dieser Zeit? Die 
Vorräthe wurden nicht allein durch die Kriegsleute aufgezehrt, 
so daß Armuth hereinbrach, sondern durch die pestartigen 
Krankheiten verloren hunderte von Eintvohneru ihr Leben. 
Kinder blieben als Waisen zurück. Sie mußten untergebracht und 
versorgt werden, damit sie nicht durch Hunger und Blöße um 
kamen. In diesen Tagen achtete die zarte Veronika ihrer Gesund 
heit und ihres Lebens nicht. Sie war unermüdlich thätig, trotz 
ihrer Jugend. Ihre treue Gehülfin war die Wittwe Steinbach, 
die kluge Frau in dem Häuschen am Münzthurm. Sie wußte, wo 
die Noth am größesten, und wußte mit Rath und That zur Hand 
zu gehen, und durch Energie und Beredtsamkeit die Klciu- 
müthigen und Verzagten zu beleben. Die Frau Röting hatte 
deshalb großes Zutrauen zu ihr gefaßt, und da auch sie von 
dem damaligen Aberglauben nicht frei war, so beschloß sie, 
weil sie hin und her erfahren hatte, daß alles, was die 
Steinbachin prophezeit hatte, aufs Haar eingetroffen sei, auch 
zu ihr zu gehen, um ihr künftiges Schicksal zu missen. Sie 
wählte dazu einen Abend, an welchem die ganze Natur in 
Aufruhr gerathen zu sein schien. Eine Finsterniß, daß man 
nicht die Hand vor den Augen sah, herrschte und der vom
        
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