Path:
Periodical volume 24. März 1883, Nr. 26

Full text: Der Bär Issue 9.1883

323 
Die neuorganisirte Kurmärkische Regierung Hierselbst hat den 
Befehl gegeben, die Chausseen zu bereisen, um Anschläge zur Aus 
besserung zu machen, diese werden nun auch wohl eingereicht 
werden; sollte Ihnen dies eine Neuigkeit sein, und Sie interessiren, 
so wäre es mir sehr erfreulich, sie Ihnen mitgetheilt zu haben. — 
Wenn Sie nach Potsdam kommen, werden Sie es kaum wieder 
kennen, was für schöne Häuser durch äußere Dekoration entstanden 
sind. Die Herrn Kaufleute haben sich die besten Häuser, als das 
v. Werdecksche, v. Borstelsche und mehrere andere gekauft, und 
bauen sie sehr kostbar aus, und das ist sehr gut, daß doch die 
armen Ouveriers etwas verdienen. Auch mit den Häusern für 
die Regierung ist etwas Arbeit vorgekommen, nur unser armer 
Rhode hat nichts verdienen gekonnt, weil er gerade krank war. 
Es geht hier die Rede, daß in Ihrer Wohnung andere einziehen 
würden, würden Sie das gern sehen? Mein Mann und ich 
empfehlen uns auf das Ergebenste Ihrem ferneren Wohlwollen, 
und ich habe die Ehre mit der allervorzüglichsten Hochachtung zu 
sein, meines hochgeschätzten Herrn Grafen 
ergebenste Dienerin 
Hedwig Charlotte Schulze, 
geb. Manger. 
Sanssouci, den 8. Juli 1809. 
8. Graf Brühl an Frau Schulze. 
Königsberg, den 8. August 1809. 
Vielmals danke ich herzlich für Ihr gütiges gefälliges Schreiben 
vom 8. Juli, welches ich zwar erst den 4, d. M. erhalten habe; 
mich freut es, daß der alte Rhode doch noch bei seiner Rede bleibt 
und sich bis dato nicht wiederspricht; in seinen letzten Aeußerungen 
bleibt mir doch verschiedenes unbegreiflich. Der König soll die übrigen 
Kreise von Schlesien noch bekommen, es scheint also, cs soll besser 
mit ihm gehen, und doch sollen wir nach Mailand emigriren, wa- j 
rum? Soll sich seine Macht von Schlesien bis dahin ausdehnen? ! 
das ist nicht glaublich und begreiflich. Einiges darf ich recht in 
ständig bitten, wo möglich erklärt zu bekommen: 1) versteht er 
unter der Wanderung nach Mailand die Nation oder die Armee, 
an deren Spitze sich vielleicht der König befinden wird? 2) was 
versteht er unter die 7 Sterne, von welchen dem König noch einer 
fehlt. 3) Wen» Erdbeben und Austrocknung der Meere, auch die 
Pest das Land zum Empfang neuer Einwohner wird zubereitet 
haben, soll man sich hüten, nicht zu zeitig die Wanderschaft anzu 
treten? — wie soll man das wissen, wann cs Zeit ist? Ist alles 
leer, wie er sagt — wie wird man veranlaßt die Wanderung an 
zutreten? Allem Anschein nach wird es nicht bloß eine militärische 
sein, sondern man wird mit Weib und Kindern ziehen, wie es vor 
Alters Sitte war; betrachte ich die Entfernung, so ist sie schlimmer, 
als die, welche jetzt die armen Elsässer nach Odessa unternehmen, 
sie gehen doch die meiste Zeit durch ein bewohntes Land, wo sie 
auch Schutz finden; aber nach dem allen was vorher gehen soll, 
werden wir durch lauter Wüstewegcn wandern. In Gottesnahmen 
der, welcher uns dahin schicken wird, sorgt gewiß auch für Wachteln 
und Manna. Hätte ich meinen Sohn und meine Frau bey mir, 
ich freute mich im Voraus auf die Promenade. — Ein wüstes 
Land, welches man im blühenden Zustand nicht kennt, ist kein un 
angenehmer Gegenstand, wohl aber das, was man blühend kannte 
und nun wüste sieht. 4) Sollte das Wort Mayland nicht etwa 
eine Bedeutung eines andern, in einem angenehmeren Klima lie 
genden Lande sein? ohne deswegen das italienische Mayland zu 
sein. Ich will mich unterstehen der Sache eine Auslegung zu 
geben. Ich will, das Sommer- oder Augustland die heiße Gegend 
nennen, das Decemberland Norden, das Oktoberland, das, wel 
ches wir circa von dem Magdeburgischen bis über die Oder und 
halb bis an die Weichsel nennen, so bleibt das Mayland das, 
was am Main den Neckar bis an den Rhein liegt, Schwaben, ! 
das alte Franken, Hessen die Pfalz, da schiene mir die Emigration 
leichter, doch da sonst nur das sonderbarste für uns aufgehoben 
wird, so kann ich Unrecht haben, und wünsche nur mit heiler Haut 
und den Meinigen in das gelobte Land zu kommen, denn nack- 
allen Beschreibungen soll gerade das Mayländische die angenehmste 
Gegend von Italien sein. 
Alles dieses sind doch nur Muthmaßungen, Furcht oder Hoff 
nung stellt sie uns als Wahrheiten vor, ich will also zur voll 
kommenen Wahrheit schreiten, zu Ihrem gehabten Unglück in Be 
treff des erlittenen Verlustes; Ihre und Ihres lieben Mannes 
empfundenen Herzensschmerzen machen Ihnen beiden viel Ehre, sie 
zeigen von einem reinen mütterlichen und väterlichen Herzen, ben 
manche andere Aeltern, bey der so unglücklichen häuslichen Lage, 
der Anzahl Kinder, würde das Herz aus ökonomischen Gründen 
denen Empfindungen der Natur verschlossen haben. Ich danke 
herzlich, daß Sie sich bei Gelegenheit der Taufe meiner erinnert 
haben, und bedaure nur, daß ich meinen Pflichten so unbekannt 
geblieben bin, — doch wer weiß, ob es nicht bestimmt ist, mich 
einst im Hades wie ein Page zu introduciren. 
Was mein Chausseeamt anbelangt, so warte ich nur auf Sr. 
K. M. resolution, um mich nach Berlin zu begeben, auch habe ich 
mich schon über Eingriffe in mein Amt von Seiten der Regierung 
beschwert, die Herrn denken, es soll alles unter ihrer Bothmäßig- 
keit stehen, und ich declarire: sie mischen sich in allem — wie im 
Pfeffer der Mäuse T . . . das kommt eigentlich von kleine Kläffer, 
die etwas vorstellen wollen, und glauben, es wird etwas dabey zu 
profitiren sein. Kann ich nur zurückkommen, so weise ich allen die 
Thüre, bey Hof tauge ich nichts, das ist eine verfluchte Zigeuner 
bande, niemand denkt an das Beste seines Herrn, sondern jeder 
sucht nur einen Brocken abzuzwacken. Wirklich hält mich nur die 
Treue, und das Glück, täglich meinen lieben König und die gute 
Königin zu sehen, tröstet mich für tausend Unannehmlichkeiten, eine 
der größten ist, daß ich nicht einmal nützlich sein kann. Der Herr 
von Massow hat alles so eingerichtet, daß man gar nicht durch 
kommen kann, zumahlen, da er noch immer dirigirt. Gott helfe 
mir bald weiter, so hoffe ich mündlich recht viel zu erzählen, doch 
mehr noch von dem, was ich nicht gesehen, als von dem, was ich 
gesehen habe, weil ich wirklich nirgends hinkomine, und wäre der 
König nicht auf dem Lande, und ich müßte alle Tage hinaus, so 
würde ich nicht viel aus dem Neste kommen. Eins der Haupt 
thore von Königsberg, wodurch alles wegen der schönen Gegend 
auspassirt, habe ich noch gar nicht gesehen, doch, kommt Zeit, 
kommt Rath. — Wenn man nur eine Spur von Rückreise des 
Königs ahnen könnte, man kann sich auf gar nichts einrichten; — 
ei nun, in Mailand lvird es wohl besser gehen — ich habe nur 
einen Zweifel, ob man bey der Ausgrabung der reichen Schiffe im 
Mittelländischen Meere auch eine gute Pfeiffe Taback wird rauchen 
können. 
Mir scheint es ist Zeit, daß ich ende, warlich schon 4 Seiten, 
doch das muß ich sagen, das letzte von Rhode's Aus 
sagen habe ich unserer lieben Königin mitgetheilt, 
es ist schwer zu begreifen, wo sie die Standhaftigkeit her 
nimmt — doch unbegreiflich ist es nicht, wenn man ihr 
Vertrauen zu Gott kennt, sie weiß und fühlt, wie der Glaube 
an Christo das einzige Wahre ist, was uns Trost und Hülfe 
schaffen kann; glauben Sie mir, meine liebe Frau Gevatterinn 
(wenn Sie auch über mich lachen und spotten) nur an Christum 
halten Sie sich fest, er verläßt die Seinen nicht, und alles was . . . 
thut, hat gegen sein Wissen die Ausrottung und Bestrafung der 
Bösen und Ungeduldigen zur Folge. — Wer getreu bleibt, wird 
noch viele Prüfungstage auszuhalten haben, er geht aber nicht zu 
Grunde, da der Gottlose durch den Gottlosen wird zerstöret werden, 
und dann zuletzt das Instrument der Strafe, durch eine scheinbare 
kleine Macht verschwinden wird. — Wir wollen glauben, hoffen. 
.... ... . . . f .
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.