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Periodical volume 24. März 1883, Nr. 26

Full text: Der Bär Issue 9.1883

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sagt fast stets, wenn wir uns zu Gott wenden, Christus erkennen 
lernen, Buße thun, so würde alles noch recht gut werden — 
aber — lieber Himmel, da ich noch keinen sehe, die Füße heben, 
um sich Gott und seinem Wort zu nähern, so kann es noch nicht 
gut gehen. 
Wenn der alte Kerl nur nicht so schwere Bedingungen machte! 
Uebrigens bin ich ohne Furcht und überzeugt, daß wenn die 
Ruthe, welche Gott für Europas Züchtigung wachsen ließ, hin 
länglich wird gepeitscht haben, so kann sie auch wohl in den Ofen 
geworfen werden. Ob der Ofen schon geheizt wird, kann ich nicht 
genau bestimmen, aber daß schon Holz dazu getragen wird, ist 
ausgemacht. 
Vor einigen Tagen habe ich den Besuch von Hepners*) 
Sohn gehabt, er hat seinen Abschied, stand bei dem Bataillon 
von Gaudi, und reiste noch Pommern, wo er eine Frau hat; daß 
er gütigst ein kleines Reisegeld von mir annahm, versteht sich; 
mit den zärtlichsten Empfindungen eines wohlerzogenen Sohnes 
sprach er von seinem ehrwürdigen ruhmvollen Herrn Vater, und 
meinte, er würde ihn besuchen, da ich ihm sagte, der Papa könnte 
so wenig dem Herrn Sohn etwas geben, als dieser ihm etwas 
bringen, so weinte er, doch würde die kindliche Pflicht Alles über 
winden. Wollen Sie so gütig sein, dem Hepner von dem noch 
ganz wohl sich befindenden Sohn gefälligst Kundschaft zu geben, 
so wird dies große Vatcrherz gewiß vor Freuden hüpfen, und 
der frohlockende Ausruf erschallen: So lebt doch der Schlingel, 
das ist mir lieb! Wäre Hepner ein Poet, so würde er diese 
paar Worte zu einem Epitalema ausdehnen können; so muß er 
sich mit einer energischen Prosa begnügen. 
Was Sie allerseits in Potsdam machen, kann ich mir leicht 
vorstellen, und was wir hier machen, können. Sie sich eben so 
leicht denken. Trübsal wird aus der Orgel unseres Schicksals 
in völligen Akord mit Pedal gegriffen. Ehe mein Brief an Sie 
gelangt, wird es wieder sehr verschieden aussehen. In Spanien 
werden sich die Weltbeglücker todt schießen und die schnelle Prome 
nade in das Herz von Oestreich kann ihnen etwas theuer zu 
stehen kommen. — — Sein Sie getrost, Gott, der alles sehr 
gut gefügt hat, wird ferner seine Gnadenhand nicht abziehen, und 
die straiende gegen andere aufheben. — Ach! es giebt noch sehr 
viel zu bestrafen — zu belohnen! — — niemand. 
Ihrem Herrn Gemahl empfehle ich mich bestens und wünsche 
den vollkommensten Segen auf Ihr ganzes Hauß. — Rhode soll 
noch seinen ganzen Verstand zusammen nehmen, in kurzen Worten 
sich ausdrücken — irrt er sich — i nun — irren ist menschlich. 
Der ich mit besonderer Hochachtung verharre 
Madame 
Ihr ergebenster Diener 
Brühl. 
P. 8. Wollen Sie mir gütigst Nachrichten geben, so bitte 
ich den Brief blos für mich an den expedirenden Sekretair des 
Chaussee-Departements, Herrn Wachsmuth, nach Berlin zu schicken, 
in der letzten Straße Nr. 6. 
7. Frau Schulze an Graf Brühl. 
P. P. 
Ihr mir ganz unschätzbarer Brief vom 28. May hat mich 
auf das innigste erfreut, aber noch erfreuter würde ich gewesen 
sein. Sie statt dessen hier zu sehen, damit sie alles, was ich 
Ihnen von unserm Propheten mittheilen kann, selbst mit anhören 
gekonnt hätten. Beinahe wäre es so ergangen, wie Sie in Ihrem 
Brief voraussetzten; der arme Mann ist durch unrichtige Behand- 
*) Hepner, so wurde der bei der Gartendirektion angestellte Kassen 
diener Hopfner genannt, welcher im Hinterhause des vom Grafen Brühl 
bewohnten Hauses seine Wohnung hatte, und vielleicht den Grafen be 
diente; der alte Diener hatte diesen einzigen Sohn, von dem der Graf 
in diesem Briefs die Mittheilung macht. 
lung des Arztes nahe daran gewesen, in jene Welt hinüber zu 
gehen, und wir wären um alles künftige Wissen gebracht. Gott 
sei Dank! er hat sich wieder erholt, und nun erst konnte ich von 
ihm etwas erfahren, daher auch meine Mittheilung so spät erfolgt. 
Daß unser König dereinst größer an Macht werde, als er 
je gewesen, behauptet er noch jetzt, und nennt er noch inimer den 
selben Ort, nämlich Mailand, wohin wir auswandern werden, 
und bleibt dabei, daß vorher, ehe die Wanderung geschehe, wir 
erst noch frommere Menschen werden müßten. — 
Das müßte ja aber in ganz kurzer Zeit geschehen, da vom 
Oktober 1809 nur noch ein halbes Jahr Prümngszeit bleibt, wie 
er sagt, denn im April 1810 gehe die goldene Zeit an — und 
bis dahin ist auch die ganze Geschichte mit Frankreich und Oest- 
[ reich fertig. — 
Dennoch sagt er noch immer: erst müssen die Türken*) her 
aus, und dies würde jetzt in Erfüllung kommen, die zerstören 
ganz Frankreich und Italien, und machen Rom (Paris?) zum 
: Schutthaufen — verbinden sich aber alsdann doch wieder (mit 
wem?) und gehen nochmals über uns her, dann schlägt ihn aber 
eine höhere Macht (wen?). 
Ferner sagte er: daß unser König ja nichts vornehmen, son 
dern ganz still zu allem was vorgeht sein müßte. Sodann legt 
er auch das gut aus, daß unser Militär jetzt Sterne auf den 
Mützen und Patronentaschen hätten, denn das hieße soviel, der 
i Stern von Sardes (d. i. Preußen) würde mit größerem 
Glanze aufgehen und Wunder thun. — 
Im 4. Buch Mose steht von den Wagen Ammicaodibs — 
oder 6 Gemeinen — auch dies bezieht sich auf uns. Belieben 
Sie, sich doch dies darin auszusuchen, denn wie gesagt, er ist zu 
schwach, und ich konnte dies wenige nur mit der größten An 
strengung seiner Seits herausbringen. 
Und alles dies Unglück, welches nun noch in den 9 Monaten 
geschichtetst das 3. Wehe! — Offenb. Joh. 18, erfolgt das anti 
christliche Reich, nach Kap. 19 die triumphirende Kirche, und dann 
kehrt die goldene Zeit zu uns zurück!**) — 
Aber, o Gott! werden wir diese Zeit wohl noch aushalten 
können? Denn wie man jetzt mit Contributionen und sogenannte 
Portionsabgaben heimgesucht wird, glauben Sie, theuerster Herr 
Graf nicht, gleich ist Execution da, und wahrlich, man muß sichs 
gefallen lassen, sich das Bischen Habe noch nehmen zu sehen; 
denn wo soll man Geld austreiben. — Kürzlich sprach ich den 
Geheimen Kämmerier Wolten in dieser Beziehung, der sagte: man 
müßte Geduld und Hoffnung haben rc. k., ich antwortete: Sie 
Herr G. K. sind ein vermögender Mann und haben Kredit, das 
ist aber bei uns nicht der Fall, uns giebt nicht einer einen Heller, 
dies räumte er mir denn auch ein. 
Vor einiger Zeit fand hier ein kleiner Spaß statt. Der Herr 
Hofgärtner Krutisch hatte Linsen vor der Bildergallerie gesäet 
und um diese und die Erdbeeren blos für sich zu conserviren, war 
in der ganzen Stadt Spectakel entstanden, daß sich vor der Bilder 
gallerie eine Natter aufhielte, die den Menschen durch ihren Stich 
tödte. Er selbst hatte dies ausgesprengt, um die Menschen von 
etwaigem Diebstahl abzuhalten. Im Preußischen Bürgersreund 
war nun diese ganze Geschichte aufgenommen, unter dem Titel 
eines kaiserlichen Hosgärtners in Wien. Die Geschichte hat aber 
wirklich dem Publikum solche Furcht eingejagt, daß kein Mensch 
wagte, nach Sanssouci zu gehen. 
Immer haben wir uns mit der frohen Hoffnung ge 
schmeichelt des Königs Majestät, und so auch Sie, theuerster Herr 
Gras, hier zu sehen, es bleibt aber wohl nur bei der Hoffnung. — 
*) Er meinte wohl die Russen! 
**) Diese Prophezeihungen waren für den Herm Grafen nicht nöthig, 
weil er schon damit vertraut war.
        
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